„Ein Tag der Freude“

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25 Jahre Mauerfall

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Walter Momper war im Jahr 1989 Regierender Bürgermeister West-Berlins. Bei einer Lesung in Zossen-Wünsdorf nahe Berlin erzählt er, wie er den Mauerfall erlebte. Er wusste schon vor dem 9. November, dass die DDR bald ihren Bürgern Reisefreiheit gewähren will. Dennoch überraschte auch ihn die Öffnung der Grenze an diesem Tag völlig.

Eigentlich hätte Walter Momper am 9. November 1989 auf die Kinder aufpassen müssen, weil seine Ehefrau in London war. Aber da kam was dazwischen. Sehen konnten seine beiden Schützlinge ihn dennoch: im Fernsehen. Bei seinem ersten Auftritt in der „Abendschau“ des Senders Freies Berlin (SFB) sagte Momper gegen 19.30 Uhr:

„Dies ist der Tag, auf den wir 28 Jahre lang gewartet haben und den wir ersehnt haben. Alle DDR-Bürger können zu uns kommen und uns besuchen. Dies ist ein Tag der Freude für Berlin.“

25 Jahre liegt dieser Tag des Mauerfalls zurück. Ein ergrauter Momper steigt im Zossener Ortsteil Wünsdorf aus einer Limousine. Der 69-Jährige hat seine Erinnerungen an den Herbst 1989, an seine Zeit als Regierender Bürgermeister West-Berlins aufgeschrieben. An diesem Oktoberabend ist er aus der Hauptstadt rund 40 Kilometer gen Süden gefahren, um sein Buch „Berlin, nun freue dich!“ zu präsentieren.

Eine Figur der Zeitgeschichte liest an einem historischen Ort: „Bücher- und Bunkerstadt“ nennt sich Wünsdorf. Das mit den Büchern gibt es seit 1998, die Militärhistorie des Ortes reicht mehr als 100 Jahre zurück. Der Bunker „Maybach“ diente als Hauptquartier des Oberkommandos des Deutschen Heeres im Dritten Reich, bis das Oberkommando der Sowjetischen Streitkräfte 1945 übernahm. Erst als die russischen Truppen 1994 abzogen, verlor Wünsdorf seinen Spitznamen „Klein Moskau“.

Als Momper um 19 Uhr den Wünsdorfer „Bücherstall“ betritt, sind noch viele Stühle leer. Die meisten Zuhörer haben die 50 überschritten. Vielleicht hat die geringe Resonanz damit zu tun, dass der Sozialdemokrat sich aus der Berliner Politik verabschiedet hat. Seinen Bürgermeisterposten verlor er 1991 an Eberhard Diepgen (CDU). Vor drei Jahren endete Mompers Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus.

Momper schlägt sein neues Buch gar nicht erst auf. Der gebürtige Niedersachse erzählt frei Schnauze. Am spannendsten ist seine Beschreibung eines Treffens mit SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der mit seiner Verkündung der neuen Reiseregelung die Menschen am 9. November zu den Grenzübergängen getrieben hatte. „Ich halte ihn für einen der Intelligentesten, die die Ablösung Erich Honeckers vorangetrieben haben“, sagt Momper. Von Schabowski erfuhr Momper schon am 29. Oktober, dass die DDR ihren Bürgern noch vor Weihnachten Reisefreiheit gewähren wolle. Westberlin müsse so mit 500.000 Besuchern am ersten Tag rechnen. Momper verlangte, vor Inkrafttreten der neuen Regelung frühzeitig verständigt zu werden:

„Ich sagte, 'ne Woche vorher ginge auch noch, aber drei, vier Tage wären schon knapp, weil die Bonner müssten kommen, das will man dann ja ganz groß ins Bild rücken. Und das hat Schabowski auch versprochen.“

Tatsächlich erfuhr Momper offiziell von der sofort in Kraft tretenden neuen Reiseregelung am 9. November, kurz nach 19 Uhr. Wenig später raste er zum SFB und organisierte nebenbei die Babysitter. Zum Glück sprangen Freunde ein.

Nach der Lesung signiert Momper noch ein paar Bücher, aber der Saal leert sich recht schnell. Die jungen Wünsdorfer, die im Bücherstall fehlten, sieht man erst, als Momper schon wieder davonfährt. In Gruppen laufen 15, 20 Teenager auf der Straße zwischen Mietblöcken entlang. Es ist Freitagabend, so gegen 20.30 Uhr. Wahrscheinlich beginnt gleich irgendwo eine Party.

Text: Andreas Clasen
Fotos: Christine Liebhardt

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