Verschmähte Schöne

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25 Jahre Mauerfall

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Wälder, Äcker, Wiesen, weite Sicht – die Gegend rund um die brandenburgische Stadt Ziesar ist dünn besiedelt. Wie in vielen anderen Regionen Ostdeutschlands sind auch hier die Folgen der Abwanderung in den Westen nach dem Mauerfall zu spüren.

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Links und rechts grenzt Wald an die Landstraße. Dann ist auf einmal eine Bushaltehaltestelle durchs Autofenster zu sehen. Wer steigt hier ein? Wer wohnt hier und – wo? „Doch, da sind zwei Häuser weit im Wald drin“, sagt ein paar Kilometer später Postbotin Christiane Peters und lacht. „Manchmal hängen dort auch Luftballons, dann weiß man, dass da irgendeine Feier ist.“ Gerade hat sie ihr Fahrrad am Postgebäude abgestellt. Gleich beginnt ihr Feierabend. Die Sonne senkt sich bereits über Ziesar. Nicht nur von Berufs wegen kennt sie die zwischen Berlin und Magdeburg liegende Stadt und das Umland bestens, sie ist in Ziesar aufgewachsen.

Als die Mauer 1989 fiel, fuhr Christiane Peters gleich am darauffolgenden Wochenende nach West-Berlin.

„Das war Wahnsinn! Am liebsten wäre ich auch schon am 9. November hin, nur da wollte noch niemand mit.“
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Der wohl derzeit in Deutschland bekannteste gebürtige Ziesaraner: ARD-Wetterexperte Karsten Schwanke. Heute wohnt er in Köln.

ARD/Ralf Wilschewski

ARD-Wetterexperte Karsten Schwanke, der wohl derzeit bundesweit bekannteste gebürtige Ziesaraner, ließ es am historischen Donnerstag ganz ruhig angehen. Der damalige Student der Meteorologie an der Humboldt-Universität zu Berlin war zu Besuch daheim bei seinen Eltern. Mit ihnen hörte er im Fernsehen von der neuen Reiseregelung, aber „wir dachten, das betrifft nicht uns, weil wir nicht einmal einen Reisepass hatten“. Sein Vater und er gingen zum Volleyballspielen und danach ein Bierchen trinken. Wieder zurück bat der 20-Jährige seine Eltern, ihn ausschlafen zu lassen. Doch daraus wurde nichts. Um 6 Uhr morgens standen Vater und Mutter mit Tränen in den Augen vor seinem Bett: „Karsten, die Mauer ist auf!“

Drei Tage später war Schwanke zum ersten Mal in West-Berlin. „Das war mir aber ein zu großer Affentanz. Da fuhren dann so Lastwagen am Kurfürstendamm entlang und Bananen und Kaffee wurden hinten von der Ladefläche geworfen. Das war mir äußerst peinlich, weil wir in so eine Kategorie – ,der arme Ossi’ – gesteckt wurden. Aber gut, es gab ja genug DDR-Bürger, die kreischend diesem Kaffee hinterherrannten.“

Nach der Einheit 1990 erlebte Postbotin Christiane Peters, wie Etliche Ziesar verließen, weil einstige Arbeitgeber Pleite gingen und in der Landwirtschaft nicht mehr so viel Personal gebraucht wurde. „Es sind Einige in den Westen“, sagt Peters.

Auch Schwanke. „Ich bin, glaube ich, den typischen Weg für viele meiner Generation gegangen, die gemerkt haben, dass im Osten vieles den Bach runtergeht.“ Schwanke führte sein Studium in Hamburg fort und machte beim Fernsehen Karriere. Heute lebt er in Köln.

Die massenhafte Abwanderung gen Westen hatte Folgen. In Ziesar wurde der Bahnhof geschlossen, erzählt Peters, ebenso Schwimmbad, Kino und Kindergärten in den Teilorten. „Wir haben aber noch einen in der Stadt.“

Die Stadt ist auch Sitz des Amtes Ziesar, eine kommunale Einheit in Brandenburg, in der in diesem Fall sechs Gemeinden einen Verwaltungsverbund bilden. Sie zusammen hatten im Jahr 2010 rund 6500 Einwohner, 2030 sollen es laut Prognose des Landes rund 4600 sein – ein Minus von fast 29 Prozent. Im gleichen Zeitraum wird die Zahl der über 64-Jährigen um 25 Prozent zulegen und sich die der unter 15-Jährigen fast halbieren.


„Was man jetzt beobachtet, ist schon traurig“, sagt Schwanke. „Die Landschaft vereinsamt dort. Ziesar liegt leider zu weit weg vom Berliner Speckgürtel. Aber ich habe auch keine Lösung.“ An das Leben in Ziesar hat er nur gute Erinnerungen. „Die Kindheit war schön. Wenn man sich behütet fühlt und mit den Fahrrädern durch die Wälder fahren kann, Fußball spielt und Blödsinn machen kann, dann ist schon sehr viel gewonnen.“

Auch heute noch hat die Stadt mit ihrer Burg und den Straßenzeilen, wo sanierte Häuser an renovierungsbedürftige angrenzen, Charme. Im Zentrum gibt es wenig Läden, doch am Stadtrand haben sich zumindest Supermärkte angesiedelt. Burkhardt Kablitz, 64, der im Teilort Glienecke wohnt, kann selbst der Stilllegung von Bahnhof samt Bahnstrecke Positives abgewinnen. Da gebe es jetzt schöne Radwege, wo früher die Gleise waren, erzählt er. „Für Jugendliche ist das Angebot zwar nicht groß“, sagt eine 16-jährige, die einen Hund Gassi führt, „aber ansonsten ist hier schon alles Wichtige vorhanden, Ärzte und so. Ich bin ganz zufrieden hier.“

Postbotin Christiane Peters ebenfalls. „ Ich finde das schon recht schön hier“, sagt sie – besonders wenn man gleich Feierabend hat. Einige Kolleginnen verlassen bereits das Postgebäude. Und auch Peters wünscht einen schönen Abend und eine gute Weiterfahrt.

Text: Andreas Clasen
Fotos: Christine Liebhardt

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