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Die Männer bilden einen Kreis. Doch es klafft noch eine Lücke, denn einer fehlt noch: Thomas Härtner.

Da kommt er angelaufen und schließt den Kreis. Die Mannschaft macht sich heiß für die Partie und es gibt einen Schlachtruf zum Ende des Kreises: „zwei, drei, Sieg“.

Anschließend geht die erste Elf aufs Spielfeld. Nur Thomas Härtner, Zeugwart der TSG Tübingen, macht sich direkt nach dem Teamkreis wieder an seine Arbeit, sortiert noch die wichtigsten Sachen und trägt die Utensilien mit den Auswechselspielern erst fünf Minuten später hinaus. Früher war Härtner noch einer der Spieler, die auf den Platz gegangen sind. Heute bleibt er in den Katakomben und geht seiner Arbeit als Zeugwart nach. „Das ist schon eine Umstellung für mich gewesen, doch mittlerweile bin ich in einem Alter, wo man das verschmerzen kann, nicht mehr auf dem Platz zu stehen“, sagt Härtner.

An einem Sonntagnachmittag steht der 28. Spieltag der Fußball-Landesliga an zwischen der TSG Tübingen und dem VfB Bösingen. Während die Spieler der Heimmannschaft vor dem Spiel den Rasen testen, die Tore und die Musikanlage aufbauen, steht Härtner in der Kabine und bereitet das Spiel im Hintergrund vor. „Ich mache diesen Job aus Liebe zum Verein und aus Spaß“, sagt der 57-Jährige.

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Thomas Härtner ist seit 2008 Zeugwart der TSG Tübingen.

Am Treffpunkt angekommen begrüßt Zeugwart Thomas Härtner zuerst die einheitlich gekleidete Mannschaft und die Trainer.
Nach kurzem Austausch geht Thomas Härtner an der Kletterwand vorbei in die Kabinen. Dort befindet sich ein Raum für die Herrenmannschaft, in der die Utensilien verstaut sind, die Zeugwart Härtner für seine Arbeit benötigt: eine Behandlungsliege für die Spieler, Ballschränke und in einem Schrank sind die Hemdchen, welche die Mannschaft zum Aufwärmen benötigt.

Erste Amtshandlung des heutigen Tages ist das Auffüllen der Trinkflaschen für die Mannschaft. Dazu holt er die Box samt Flaschen und ebenfalls Magnesiumstabletten aus dem Schrank, indem auch die Hemdchen drin sind, heraus. Zuerst spült der 1958 in Tübingen geborene und aufgewachsene Zeugwart alle Flaschen aus, stellt sie der Reihe nach auf eine Ablage und füllt sie anschließend wieder auf, wobei in einigen wenigen Flaschen eine Magnesium-Sprudel-Tablette hinzugefügt wird. „Das mache ich immer als erstes, damit die Spieler etwas zu trinken haben, wenn sie in die Kabinen kommen“, erzählt Härtner.

Härtner, kurze graue Haare, noch immer sportliche Figur, selbst spielte ebenfalls jahrzehntelang bei der TSG Tübingen.

„Seit meinem 10. Lebensjahr bin ich der TSG treu. Sprich seit 47 Jahren und es werden hoffentlich noch viele mehr“, sagt er über „seinen“ Verein. Er war sowohl Jugendspieler als auch Spieler der ersten und zweiten Herrenmannschaft der Tübinger. Seit er seine Karriere bei der ersten Mannschaft beendet hat, spielt er nun im sogenannten Ü40-Team der TSG.

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Thomas Härtner (57): Routine beim Verteilen der Trikots.

Während Thomas Härtner einen Korb mit Hemdchen und Hütchen für das Warmmachen vorbereitet, kommen vermehrt Spieler in die Kabine und bedienen sich an den frisch aufgefüllten Getränken und sagen noch ein schnelles „Danke Thomes“, wie der Zeugwart von den Spielern genannt wird. Nach etwa zehn Minuten sind alle Fußballer in der Kabine angekommen und beginnen damit, sich für das Spiel einzukleiden. Die Kabine ist sehr klein, sodass auf den Bänken nur Platz für die Spieler ist. Die Betreuer des Teams und auch die Trainer haben in dem Nebenraum ihren Bereich. Härtner steht dort mit der Trikottasche und holt die Trikots aus der Tasche. Mit gebückter Haltung holt er das Torwarttrikot raus und schaut auf dem Spielerbogen, wem das Shirt mit dieser Nummer gehört. Er läuft in die Kabine und hängt das Trikot mit der Nummer eins an den Platz von Stefan Baumann. Dann holt er das nächste Trikot heraus. Er wiederholt das mit allen Nummern. Jedes Spiel. Härtner hat seine Routine: Da er die Trikots nach dem Waschen nach Nummern sortiert, ist es für ihn leichter die Trikots zu verteilen. Das spart Arbeit und Zeit.

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Der Zeugwart bereitet das Eis für das Spiel vor.

Anschließend hält der Cheftrainer der TSG Tübingen, Michael Frick, noch eine Ansprache, dann geht die erste Elf auf den Platz zum Aufwärmen. Zeugwart Thomas Härtner bleibt in der Zeit in der Kabine: nach den Trikots ist vor dem Eis. Er öffnet den Kühlschrank im Nebenraum der Kabine und holt aus der Gefriertruhe das Eis heraus. „Das Eis müssen wie auf dem Platz haben, falls sich ein Spieler auf dem Feld verletzen sollte“, erzählt Zeugwart Härtner. 15 Minuten vor Spielbeginn kommt die Mannschaft wieder zurück in die Kabine und zieht die Trikots an.

 

Seit die erste Mannschaft der TSG Tübingen 2008 aufgestiegen ist, ist Thomas Härtner Zeugwart des Teams.

„Der Abteilungsleiter hat mich gefragt, ob ich mir diese Arbeit vorstellen könnte. Ich habe direkt zugesagt, weil es mir Spaß macht, der TSG Tübingen zu helfen“, erklärt er. Unter der Woche arbeitet Thomas Härtner beruflich als technischer Angestellter an der Uni Tübingen. Ursprünglich absolvierte er eine Ausbildung zum Chemielaboranten.

,,47 Jahre TSG, die kann mir keiner wegnehmen.“

Während des Spiels steht Härtner neben der Spielerbank. Neben ihm steht steht der Eiskoffer – falls sich jemand verletzt. Ab und an redet er mit den Zuschauern und gibt dabei Kommentare ab wie zum Beispiel „Das muss ein Tor sein“ oder „Da hatten wir aber Glück“. Ansonsten ist Thomas Härtner ein stiller Zeitgenosse. Er beobachtet und wartet, bis er auf dem Feld gebraucht wird. So wie in der 60. Minute: Ein Spieler der TSG liegt verletzt am Boden. Zeugwart Härtner nimmt sofort seinen Koffer auf. Allerdings muss er noch auf das Signal des Schiedsrichters warten. Dann rennt er los. Der Spieler zeigt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seinen Knöchel am rechten Fuß. Zeugwart Härtner holt das Eis heraus und drückt es dem Spieler auf seinen Knöchel. Wenig später hilft er dem Spieler hoch, stützt ihn und sie laufen gemeinsam vom Platz. Der Spieler bleibt am Spielfeldrand liegen und sieht, dass sein Knöchel nicht mehr so angeschwollen ist wie zuvor und bedankt sich. „Immer wieder gerne für euch“, antwortet der Zeugwart.

Es sind die kleinen Dinge, die Härtner für den Verein macht. „Er hilft uns extrem bei der Spielvorbereitung. Er nimmt uns Sachen ab, die wir sonst machen müssten“, sagt der Co-Trainer der TSG Tübingen Goran Divlak. Abseits seiner Aufgaben fiebert Härtner natürlich mit  seinem Verein mit. „Natürlich freue ich mich, wenn die TSG gewinnt. Es ist nun einmal mein Herzensverein“, meint der gebürtige Tübinger.

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Zeugwart Härtner hat ein sehr gutes Verhältnis zu den Spielern.

An diesem Sonntag hat er Grund zur Freude: die TSG besiegt Bösingen 3:1. Die Tübinger Spieler feiern ausgelassen. Aber Thomas Härtner hat keine Zeit: der Eiskoffer, die Klamotten, die Bälle – sie wollen zurück in die Kabine getragen und in Ordnung gebracht werden. „Ich will die Sachen nach Schlusspfiff schnell versorgen, damit ich Feierabend habe. Danach hab ich Zeit zum Feiern“, sagt Härtner mit einem Schmunzeln. Früher hat er direkt nach dem Abpfiff gefeiert, heute mit Verzögerung. Aber eine Sache bleibt: Nach dem Duschen der Mannschaft wird oft im Vereinsheim zusammengesessen und etwas getrunken. „Ich könnte mir nicht vorstellen, dies bei einem anderen Verein zu machen. Denn 47 Jahre TSG, die kann mir keiner wegnehmen. Für immer TSG“, versichert Zeugwart Thomas Härtner zum Schluss.

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