Heide gibt den Takt vor

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Hintergrund

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So langsam wird es Zeit, finden die Männer. „Ha, wo bleibt se denn?“ – „Moinsch di had os vrgessä?“

Die Unterhaltung wird selbstverständlich im breitesten Schwäbisch geführt. „Ha noi, d’Heide vrgissd os doch nedda.“ Ungeduldig stehen die Jedermänner auf dem Festplatz vor der Halle und warten auf ihre Übungsleiterin. Dabei sind es noch einige Minuten bis 19 Uhr. Und da kommt sie auch schon, ihre Heide.

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Heide Nägele ist seit 67 Jahren Mitglied im Turnverein Ingersheim.

Mit Gymnastikstäben im Gepäck läuft sie auf die rund 15 Männer im höheren Alter zu und strahlt dabei über das ganze Gesicht. „I hab do no ieba miese, fiers Turnfeschd“, entschuldigt sie sich sofort. Sonst ist sie immer die erste und bereitet die Übungsstunde sorgfältig vor. „Ihr senn ja no ned mol omzoge“, fährt Heide einen Teil ihrer Gruppe mit lachender Stimme an. Einige ziehen sich noch schnell um, andere haben heute keine Sportkleidung dabei. Heide Nägele ist 75 Jahre alt und die Übungsleiterin der sogenannten Jedermänner des Turnverein Ingersheim, dem mit knapp 1000 Mitgliedern größten Verein in der 6000-Einwohner-Gemeinde.

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Gut gelaunt beginnt Heide die Übungsstunde mit ihren Jedermännern.

Patrick Nägele

Wenn im Turnverein Ingersheim von Heide gesprochen wird, weiß jeder sofort, um wen es geht. Auf die Frage, seit wann sie die Gruppe schon anleitet, kommt Heide erst einmal ins Grübeln: „Um Gottes Willen, das weiß ich nicht genau, ich denke mal so 20 Jahre.“ Laut der Geschäftsstelle des Vereins betreut Heide seit 2001 die Männer im Alter von 55 über 80 Jahre. Normalerweise ist die Gruppe jeden Freitag von 20 bis 22 Uhr in der Halle, Heide macht dann eine Stunde verschiedene Übungen mit den Männern, anschließend wird noch Volleyball gespielt. „Da mache ich aber nicht mehr mit, das können die dann alleine“, erzählt Heide lachend. Da momentan aber die Halle umgebaut wird, wurde ein alternatives Programm erstellt.

„Auf geht’s, jetzt nimmt sich jeder einen Gymnastikstab, damit wir uns gemeinsam bewegen können.“

Heute wird im Freien erst Gymnastik mit den Gymnastikstäben gemacht, bevor dann noch gemeinsam Boule gespielt wird. Einige der Männer haben gleich angefangen Boule zu spielen. Das sieht Heide aber nicht gern: „Auf geht’s, jetzt nimmt sich jeder einen Gymnastikstab, damit wir uns gemeinsam bewegen können.“  Dieser eine Satz reicht und alle machen mit. Sie steht vor der Gruppe und zählt laut die Takte vor: „1, 2, 3, 4“, dabei nimmt sie den Stab von vor der Brust über den Kopf, „5, 6, 7, 8“, und wieder zurück vor die Brust.

Die Gruppe macht ihr die Bewegungen konzentriert nach, wenn es auch nicht synchron aussieht, aber das stört hier sowieso keinen. „Wir sind hier, um uns noch ein bisschen sportlich zu betätigen, auch das Zusammenkommen ein Mal in der Woche ist uns wichtig, “ erklärt Manfred Reimer, der das alternative Programm für die Jedermänner zusammengestellt hat.

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Wenn Heide eine Übung vormacht, sind alle Blicke auf sie gerichtet.

Patrick Nägele

Warum Heide Woche für Woche noch in diesem Alter die Stunden leitet? „Ha, so halt, sie haben mich damals gefragt und Spaß macht es mir ja auch.“ Ein Nachfolger ist momentan nicht in Sicht, auch deshalb ist Heide Woche für Woche für ihre Jedermänner da. Mitglied im Turnverein wurde Heide mit acht Jahren, dem damaligen Mindestalter. Zunächst fing sie mit Gerätturnen an, das sie bis heute noch aktiv betreibt und regelmäßig an Wettkämpfen teilnimmt. Und das sehr erfolgreich: Podestplätze bei Landesturnfesten und Seniorenmeisterschaften sind keine Seltenheit.

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Bei den württembergischen Meisterschaften in Ingersheim, durfte Heides Name auf der Siegerliste naturlich nicht fehlen.

Irene Betsch

Erste Erfahrungen als Übungsleiterin sammelte sie schon damals. 1981 wurde sie vom damaligen Turnwart Rudi Nägele gefragt, ob sie nicht als Übungsleiterin in der Gymnastik junge Mädchen trainieren möchte. „Heide hat damals zugesagt und hat viele Lehrgänge besucht, das war die Geburtsstunde der Gymnastikabteilung im Verein“, erinnert sich Rudi Nägele, der entfernt mit Heide verwandt ist. Bis heute betreiben viele Mädchen im Verein Gymnastik, alles dank Heides Einsatz vor 35 Jahren. Auch eine der damaligen Gymnastinnen kann sich noch an die Zeit erinnern. „Wir waren eine Gruppe von Mädchen, die ohne Heides Einsatz wohl nicht mehr im Verein aktiv gewesen wären“, blickt Brigitte Mozer zurück, „sie hat uns motiviert auf Wettkämpfe zu gehen und wir waren noch einige Jahre im Verein.“

Einige Jahre sind auch schon viele der Jedermänner im Verein. Wettkämpfe machen sie keinen mehr, Bewegung aber ist ihnen wichtig. Dafür ist Heide zuständig. Immer wieder beginnt sie von vorne an, den Takt zu zählen, die Bewegungen mit dem Stab sind dabei andere. Mal mit einem Ausfallschritt zur Seite, mal nach unten, dann wieder nach oben, sogar Drehungen sind noch dabei. Vorbereitet auf die Stunde hat sich Heide nicht, die Bewegungen und Schritte hat sie spontan aneinander gereiht. Mit mehr als 35 Jahren Erfahrung kann sie das ohne Probleme.

In diesen 35 Jahren hat sie aber nicht nur Erfahrung als Übungsleiterin gesammelt. Wenn es um den Verein ging, war sie sofort dabei und hat geholfen. Früher war sie ein Mal pro Woche bis zu neun Stunden in der Halle, erst als Übungsleiterin, dann als Turnerin. Und das nach der Arbeit als Kindergärtnerin. Dazu hat sie drei Kinder großgezogen und im Garten und im Weinbau gearbeitet. Um den Garten und den Weinberg kümmert sie sich heute noch. 2011 hat sie ihre Tätigkeit als Übungsleiterin in der Gymnastik beendet. Dennoch ist sie auf nahezu jeder Veranstaltung des Turnvereins. Auf das Landesturnfest in Ulm wird sie in diesem Jahr auch wieder gehen. Es wird ein besonderes Turnfest für sie, obwohl sie schon unzählige erlebt hat.

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Auf den vielen Turnfesten hatte Heide jede Menge Spaß.

„Mein erstes Turnfest war 1955 in Ulm. Eigentlich hätte ich noch gar nicht mitgehen dürfen, aber mein Onkel hat mich mitgenommen. Ich durfte das „Täfele“ tragen, auf dem TV Ingersheim steht und bin beim Festumzug ganz vorne gelaufen“, berichtet sie stolz. An die vielen Turnfeste hat sie nur gute Erinnerungen: „Es war immer schön und lustig, das Miteinander gefällt mir immer besonders.“

,,So das war‘s für heute, jetzt könnt ihr endlich Boule spielen gehen.“

In Ulm wird Heide selbst aktiv sein, gemeinsam mit anderen noch aktiven älteren Turnerinnen und Turnern wird momentan für eine Aufführung geübt, deshalb war sie heute auch nicht die erste am Treffpunkt. An diesem steht die Gruppe auf der Wiese mit dem Blick zur Kirche, hinter der gerade die Sonne untergeht.

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Die Übungstunde neigt sich dem Ende zu.

Max Nill

Heide gibt noch einmal den Takt vor, noch einmal geht der Gymnastikstab in die Höhe, dann sagt sie mit einem Augenzwinkern: „So das war‘s für heute, jetzt könnt ihr endlich Boule spielen gehen.“ Heide packt die Stäbe wieder zusammen und macht sich auf den Heimweg. Gelassen sagt sie: „Nachdem die sich wieder ein bisschen bewegt haben, können sie jetzt in Ruhe Boule spielen. Mir reicht es für heute.“