Mehrgenerationenhaushalt – ein Auslaufmodell?

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Alb im Wandel

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Lediglich in einem halben Prozent aller deutschen Haushalte leben noch drei oder mehr Generationen zusammen. Das Dilemma: Junge Menschen wollen eigenständig und flexibel wohnen, ältere sind hingegen auf Hilfe angewiesen. Eine Familie auf der Schwäbischen Alb macht vor, wie das Zusammenleben in vier Generationen funktionieren kann.

Für Außenstehende mag die Szene wie eine große Familienfeier wirken. Für Familie Hummel ist sie zelebrierter Alltag: Katharina Hummel tischt Streuselkuchen auf. Tochter Christina balanciert dampfende Kaffeetassen an den Holztisch. Luca und Elias spielen lautstark Fußball auf der Wiese nebenan.

„Um drei Uhr ist Kaffeezeit. Da kommen sie immer von allen Seiten angelaufen“, erzählt Katharina Hummel (58) lächelnd. Sie sitzt am Kopfende des Tisches, beobachtet und hat alles im Blick. Sie gehört zu einer von vier Generationen, die in dem Mehrgenerationenhaushalt im 5000-Seelen-Dorf Engstingen auf der Schwäbischen Alb lebt.

Und vielleicht gehört sie sogar zur wichtigsten: Denn die zwei ältesten Generationen, bestehend aus Katharina (58) und Anton (59) sowie dessen Mutter Oma Anna (86) bilden das Fundament, auf dem der Mehrgenerationenhaushalt fußt. Sie haben die richtige Mischung aus Freiraum und Fürsorge gefunden, mit der das Zusammenleben von Jung und Alt gelingen kann und sind der Grund weshalb Oma Anna (86), Vater Anton (59), Mutter Katharina  (58, beide), Tochter Christina (29), Schwiegersohn Eduardo (34), Tochter Claudia (34), Enkelin Aliya (1), Enkel Luca (11) und Enkel Elias (7) alle unter einem Dach leben.

Bei Familie Hummel ist das traditionelle Wohnmodell beliebt. Für den Großteil der Deutschen scheint das aber nicht mehr zu gelten: Seit 1990 ist die Zahl der Mehrgenerationenhaushalte um 40 Prozent zurückgegangen. Deutschlandweit sind es nur noch 0,5 Prozent, die in einem Drei- oder Mehrgenerationenhaushalt wohnen.

Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen: Der Mehrgenerationenhaushalt stirbt aus. Lediglich 0,5 Prozent aller deutschen Haushalte bestehen aus drei oder mehr Generationen. Quelle: Statistisches Bundesamt

Für Familie Hummel funktioniert das Modell. Bereits seit 1957 bewohnen das dreistöckige Haus mit angrenzender Zimmerei drei Generationen der Familie Hummel.

Das rustikale Fachwerkhaus ist für Familie Hummel dabei mehr als ein Gebäude: Es ist Lebensmittelpunkt, Lebensgrundlage, Knotenpunkt aller und Einkommensquelle. Das Haus wächst mit der Familie mit, dehnt sich und erweitert sich und bietet zwei Familienmitglieder sogar einen Arbeitsplatz: Tochter Claudia (34) eröffnete ihren eigenen Frisörsalon auf dem Grundstück und tat es damit ihrem Vater Anton (59) gleich, der in einer ans Wohngebäude angrenzenden Zimmerei den Familienbetrieb fortführt.

Wie alle Generationen, profitiert auch Frisörin Claudia Hummel (34) von dem Zusammenleben mit ihren Angehörigen. „Es ist immer jemand da, der sich kümmert“, sagt sie. „Ich könnte nicht arbeiten, wenn wir nicht in dieser Form leben würden.“ Als alleinerziehende Mutter von Luca (11) und Elias (7) ist die 34-Jährige auf Hilfe angewiesen.

Hilfe, die sie im Vier-Generationenhaushalt bekommt.

Familie Hummel erklärt: Welche Vorteile hat das Zusammenleben in mehreren Generationen?

Jede Generation profitiert auf eine andere Art vom Mehrgenerationenhaushalt. In der interaktiven Grafik erzählt Familie Hummel von den Vorteilen des Modells. (Mit Klick auf die Markierungen erscheinen die Videos).
Es ist immer jemand da der sich kümmert. Claudia Hummel (34)

Claudia Hummels ältester Sohn, der 11-jährige Luca verbringt viel Zeit mit seiner Großmutter. Die wiederum genießt die Zeit mit ihrem Enkel. Sie verdankt ihm viel: „Als ich krank war, da hat er mit mir Puzzle oder Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt und mich so wieder zum Leben erweckt. Ich weiß nicht, was ich ohne den Jungen getan hätte“, erzählt die 86-Jährige ergriffen.

Vorteile für alle Generationen hat das Familienmodell also auch in der heutigen Zeit. Ein von Mobilität abhängiger Arbeitsmarkt, veränderte individuelle Ansprüche an den eigenen Haushalt sowie neue Perspektiven haben Mehrgenerationenhaushalte dennoch fast gänzlich vertrieben. Auch wenn Studien beweisen: Die älteren Generationen setzen weiter auf das Modell.

Emnid befragte 1100 Personen ab 50 Jahren wie sie im Alter, ab 70 Jahren wohnen wollen.  Quelle: Emnid / Statista

So untersuchte das Meinungsforschungsinstitut Emnid, wie Menschen ab 50 Jahren im Alter leben wollen. Mehr als 30 Prozent gaben „Mehrgenerationenwohnen“ als Wunsch-Wohnform im Alter an. Die bevorzugte Wohnform laut der Studie: Mit 67 Prozent das Wohnen in einer eigenen Wohnung ohne Hilfe,  57 Prozent gaben an, in einer eigenen Wohnung, allerdings mit der Möglichkeit zur Hilfe wohnen zu wollen. Weit abgeschlagen mit knapp 20 Prozent folgen Pflegeheim oder betreutes Wohnen.

Aber der Blick auf eine Statistik des Bundesinstituts für Bau-, und Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt: Großfamilien sowie Mehrpersonenhaushalte entwickeln sich rückläufig. Besonders im städtischen Raum.

Gab es 1990 noch vermehrt große Haushalte, prägen die Wohnlandschaft 2015 hauptsächlich kleine Haushalte. In der Prognose für 2030 dominieren kleine Haushalte, auch im ländlichen Raum deutlich das Bild.

Deutlich wird auch: Städte und Ballungszentren sind beliebtere Wohnräume als ländliche Regionen. In Baden-Württemberg wird das besonders in Städten wie Karlsruhe, Freiburg oder Stuttgart deutlich.

Entwicklung der durchschnittlichen Haushaltsgröße

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Die Grafik zeigt, wie sich laut Bundesinstitut BBSR bis 2030 die durchschnittliche Haushaltsgröße in den Städten und Landkreisen in Baden-Württemberg entwickelt. Dabei wurde die Anzahl der Personen pro Haushalt errechnet. Quelle: Bundesinstitut BBSR und Google Maps

Der demographische Wandel befeuert die Notwendigkeit eines Alternativprogrammes zusätzlich. Der Bevölkerungsanteil der 65-Jährigen und Älteren wird von knapp 20  Prozent auf über 30  Prozent bis zum Jahr 2060 ansteigen. Das Durchschnitts­alter der Baden‑Württemberger wird sich von aktuell 43 Jahren auf annähernd 49 Jahre erhöhen.

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Mit dem Bundesprogramm 'Mehrgenerationenhaus' konnten bereits 51 Häuser in Baden Württemberg gebaut werden. Bundesweit läuft das Projekt seit 2012.

Bund und Länder reagieren darauf mit einem Bundesprogramm „Mehrgenerationenhäuser“. In organisierter Form sollen mehrere Wohnparteien erzeugen, was vor 50 Jahren die Familie leistete: Gegenseitige Hilfe, Zusammenhalt, Gesellschaft und generationenübergreifendes Wohnen. Seit 2012 gibt es das Aktionsprogramm, das der Bund mit jährlich 30 000 Euro fördert.

Bundesweit gibt es mittlerweile in jedem Landkreis mindestens eines dieser Mehrgenerationenhäuser. „Mehrgenerationenhäuser sind zentrale Begegnungsorte, an denen das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird“, wirbt die Landesgemeinschaft Baden-Württemberg für das Projekt. 51 solcher Häuser hat die Landesgemeinschaft bereits in Baden-Württemberg gegründet.

Wohn-Expertin Dr. Ulrike Scherzer  sieht das wahlweise Mehrgenerationenwohnen als sinnvolle Alternative zum familiären Generationenwohnen. Sie erforscht seit Jahren verschiedene Wohnsituationen und ihre historische Entwicklungen. „Es gibt ein Ansteigen der wahlverwandschaftlichen Wohnprojekte. Dabei tun sich Leute aus verschiedenen Generationen in einem Wohnprojekt zusammen. Das hat in Städten durchaus Boom-Charakter.“ Dahinter stehe auch der Wunsch generationenübergreifend mehr miteinander zu tun zu haben.

Wohnexpertin Dr. Ulrike Scherzer beschäftigt sich seit Jahren mit verschiedenen Wohnkonzepten. Im Telefongespräch spricht die Professorin, die unter anderem an der Universität Stuttgart lehrt, über den Wandel von Wohnformen.

Für das familiäre Generationenwohnen sieht Ulrike Scherzer keine Zukunft. Vor allem für die jungen Generationen hat das Modell an Reiz verloren. Den flexibleren von Mobilität geprägten Arbeitsmarkt nennt Scherzer als Hauptgrund. „In manchen Regionen sind die Kinder noch etwas heimatbezogener und versuchen in der Nähe ihrer Geburtsstadt eine Arbeitsstelle zu finden. Das ist aber in strukturschwachen Regionen schlicht nicht möglich“, erklärt sie.

Die Lebensweisen der nachfolgenden Generationen hätten sich gewandelt:  Individualität, Eigenständigkeit und ein selbstbestimmtes Leben in einem eigenen Haushalt seien jungen Generationen heute wichtig. „Das dichte Zusammenwohnen ist schon früher nicht entstanden weil man sich so wahnsinnig gern hatte, sondern das war eine Zweckgemeinschaft“, sagt die Expertin.

Engstingen: Die Ausnahme einer Regel

Der Mehrgenerationenhaushalt ist ein Auslaufmodell. Ausnahmen gibt es aber. Zum Beispiel in Engstingen, der Heimatgemeinde von Familie Hummel.

Dort leben allein drei Familien in einem Vier-Generationenhaushalt, zahlreiche in Drei-Generationenhaushalten.

Warum gerade in der Gemeinde Engstingen so viele Familien dieses Wohnmodell leben, kann sich Bürgermeister Mario Storz nicht erklären. Die Gemeinde begünstige die Entstehung solcher Wohnformen  nicht aktiv.

Eine Familien- und Wohnsituation, für die nicht nur Familie Hummel Werbung macht. Auch für den Bürgermeister von Engstingen, Mario Storz ist klar: „So ein Mehrgenerationenhaus ist einfach klasse.“ Die Fürsorge in der Familie sei eine andere, eine stärkere, wie in einem Seniorenheim oder einem Kinderhort, ist sich Mario Storz sicher.

Die jungen Leute merken heute gar nicht mehr, dass man einander braucht. Sie denken nur nach daran sich auszuleben Oma Anna

Den starken Rückgang von Mehrgenerationenhaushalten auf dem Land erklärt sich das Gemeindeoberhaupt so: „Es liegt an der Natur der Sache, dass die jungen Leute für Job oder Studium in andere Städte oder Landkreise ziehen. Hier auf der Alb gibt es zwar auch Jobs für Fachkräfte, aber eben längst nicht so viele wie in den Städten.“ Eine Vermutung, die die Aussagen von Wohn-Expertin Ulrike Scherzer stützen. Die meint jedoch auch: „In den ländlichen Regionen sind die traditionellen Lebensformen noch eher erhalten geblieben. Da ist auch die Verwurzelung stärker als in der Stadt, in welcher ein anonymeres individuelleres Leben möglich ist.“

Die Vertreterin der ältesten Generation der Familie Hummel, Oma Anna,  ist sich indes sicher: Die Familie soll nicht nur zusammenhalten, sie soll auch zusammen wohnen: „Die jungen Leute merken heute gar nicht mehr, dass man einander braucht. Sie denken nur nach daran sich auszuleben“, bedauert sie.

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Text: Kristina Betz

Video: Kristina Betz / Valerie Eberle

Fotos: Kristina Betz / Valerie Eberle

Grafik: Kristina Betz / Valerie Eberle

Audio: Matthias Jedele / Valerie Eberle

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