Ein Universum für sich

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Universum Center

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War es doch Mord? (Juni 2010)Razzia im Drogenmilieu (April 2014)Brandstiftung im Universum-Center: Zwei junge Afrikaner im Aufzug erstickt (August 1995)Bordell im Universum-Center untersagt (Januar 1990)

Es sind Schlagzeilen wie diese, die sich im Ordner “1456” im Archiv der SÜDWEST PRESSE über das Universum Center finden. Erst weiter hinten, dort wo das Papier gilbig wird, sind Artikel abgeheftet, die einen anderen Zungenschlag haben. 1970, ein Jahr vor der Fertigstellung des Gebäudes, sprach die SÜDWEST PRESSE von einer “Insel der Zukunft”. Der Stuttgarter Architekt H.M. Wein schien Verwaltung, Gemeinderat und Presse von seiner Vision einer Stadt in der Stadt überzeugt zu haben. Ihm schwebte eine Kombination aus Wohnen, Einkaufen und Vergnügung vor. Ein eigenes Universum. Anfangs gab es in der Passage tatsächlich Bäcker, Juweliere, Autohändler – und ein Panoramarestaurant im obersten Stockwerk.

Irgendwo unterwegs hat das Universum Center diesen Glanz der Anfangsjahre eingebüßt – ohne, dass jemand erklären könnte, warum. In der Stadt hat das Haus mittlerweile einen schlechten Ruf, mancher Bewohner ist darüber alles andere als erbaut, Vorwurf an die Presse: „Ihr schreibt unser Haus kaputt.“ Doch zum Ruf tragen sicher auch die vielen Spielcasinos in der Ladenpassage bei; ebenso wie die Tatsache, dass Wohnungen zunehmend untervermietet werden, zum Beispiel an Massage-Dienstleisterinnen.

Interaktive Grafik zum Universum Center:

Mit temporären Kunstaktionen in einer leer stehenden Ladenfläche im ersten Stock versuchten junge Projektkünstler 2012 neue Sichtweisen auf das zweithöchste Ulmer Gebäude (nach dem Münster) zu eröffnen. Hat es etwas genutzt?

Wir haben Bewohner gefragt, wie sie ihr Hochhaus und die Passage sehen.

Karin Eigenseer 14. OG, 22 Jahre, Studentin der Psychologie

Ich komme aus Ingolstadt und habe meinen Studienplatz in Psychologie im Nachrückverfahren bekommen. Es war wenig Zeit, ein Zimmer zu finden. Als ich die Wohnung das erste Mal besichtigt habe, fand ich schon, dass die Passage ein bisschen zweifelhaft aussieht. Aber ich habe mich in die Aussicht aus dieser 32-Quadratmeter-Wohnung verliebt. Weil meine Eltern gerade geerbt hatten, hat es sich ergeben, die Wohnung zu kaufen. Etwas anderes habe ich gar nicht gefunden.

Ich wohne gerne hier. Die Lage ist super; in zehn Minuten ist man in der Innenstadt und in fünf Minuten an der Donau. Die Passage trägt allerdings zu dem schlechten Ruf des Centers bei. Das finde ich ein bisschen schade. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass ich dort Angst haben muss, aber wenn jemand ängstlich ist, könnte er sich vielleicht schon fürchten, schließlich sind in der Passage vor allem Männer. Der Zustand der Passage ist ein bisschen schade, weil sie ziemlich zentral liegt und es außer Dönern und Wettbüros nichts gibt. Aber ich wüsste auch nicht, was man ändern könnte, dass es besser wird.

Das einzige, was mich hier wirklich stört, sind die Wasserleitungen. Wenn ich mal ein Wochenende nicht da bin und zurück komme, kommt Rost aus den Leitungen.

Nuri Sivaslioglu 8. OG und Internetshop in der Passage, 34 Jahre

Ich bin 2000 eingezogen. Damals hat mein Vater im 11. Stock gewohnt, mein Opa im 20. und mein Schwager im 13. Mein Vater wohnt auch heute noch hier. Ich lebe mit meiner Frau und meinen zwei Söhnen (2 und 6 Jahre) in einer 4-Zimmer-Wohnung im achten Stock. Anfang April habe ich hier ein Internetcafé aufgemacht.

Aber bald ziehe ich um. Seit 2009 wird es mit der Passage immer schlimmer. Da kamen über Nacht Jugoslawen, Bulgaren, Rumänen, die Arbeit suchen. Die machen nichts, aber es reicht, dass die da stehen. Man fühlt sich nicht wohl. Wenn normale Leute vorbei kommen, denken die sich, „das ist mir zu gefährlich, zu dreckig“. Ich will nicht, dass meine Söhne das mitbekommen, die können hier nicht spielen.

Stadt oder Polizei könnten schon etwas tun. Wenn sie so viele Leute nach Deutschland lassen, müssen sie sich auch um die kümmern. Würden am Bahnhof oder in der Stadtmitte 40 Migranten rumstehen – es hätte längst eine Razzia gegeben. Aber hier ist es der Stadt egal. Ich hoffe, dass es bald eine Lösung für die Probleme gibt. Die Stadt kann uns hier nicht einfach im Stich lassen. Irgendwann wird etwas passieren, wenn nicht in einem Jahr, dann eben in zwei. Die Passage ist das Problem des Universum Centers. Es ist schade, wenn man so eine schöne Passage mit einem schlechten Ruf beschädigt. Alles müsste von Null beginnen.

Karlheinz Fledelius 12. OG, 32 Jahre, Zeitarbeiter

Ich bin vor einem guten Jahr nach Ulm gezogen, ursprünglich komme ich aus Sigmaringen. Ich habe hier einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma im Logistikbereich gefunden. Es war verdammt schwer, eine Wohnung zu ergattern.

Drei Monate lang habe ich im Auto geschlafen, dann bekam ich über drei Ecken das Angebot für ein 28-Quadratmeter-Zimmer im 12. Stock. Es ist eng, ich bin viel auf meinem Zimmer. Ich mache von dort Internet-Radio, unser Sender heißt „Tuning Beatz“, wir spielen Hiphop und Dancefloor-Musik. Warm zahle ich 420 Euro Miete. Das ist nicht billig, aber immerhin hat man einen guten Ausblick – und das Zimmer ist voll möbliert.

Wenn ich das Haus betrete, komme ich mir oft wie in einem Hochsicherheitstrakt vor, weil unten die Eingangs- und Zwischentüren abgeschlossen sind. Aber ich finde das andererseits auch gut, dass nicht jeder so einfach reinkommen kann.

Dauerhaft will ich hier nicht leben. Ich möchte mal ein Häuschen mit Garten: grillen, Leute einladen, Party machen und so.

Ali Ataman 44 Jahre, 11. OG, Industriemechaniker

Ich wohne seit 2011 mit meiner Frau und meinem Enkel hier. Meine Frau hat zwei Töchter mit in die Ehe gebracht und eine von ihnen wurde mit 16 schwanger. Sie wollte Romeo nicht groß ziehen, deshalb wohnt er bei uns.

Ins Universum Center sind wir gezogen, weil wir eine zentrale Wohnung mit Balkon und Aussicht gesucht haben. Über eine Freundin haben wir erfahren, dass er hier freie Wohnungen gibt, also habe ich den Hausmeister gefragt und er hat uns geholfen.

Wir kannten das Universum Center schon vorher. Ich bin mit Romeo ab und zu hier hergekommen, als wir noch in der Elisabethenstraße gewohnt haben. Dann haben wir in der Passage einen Döner gegessen.

Früher war die Passage hier richtig luxuriös mit Autoläden und so. Aber dann haben die Wettbüros aufgemacht und die anderen Läden sind ausgezogen. Seither lungern die Tagelöhner hier rum. Es ist schon so, dass ich meine Frau oder meine Schwestern nicht alleine runterschicken kann, weil ihnen dann die Typen hinterpfeifen oder Gesten machen. Meine Schwestern sagen immer, “hol mich ab”.

Aber das jemand angegriffen wurde oder etwas passiert ist, habe ich noch nie gehört oder mitbekommen.

Und wenn es hier wirklich so übel wäre, wie viele sagen, dann würden ja alle Wohnung leer stehen. Und so ist es nicht.

Helma Fink-Sautter 14. OG, 90 Jahre, Renterin

Ich schiebe den Umzug so lange hinaus, wie es geht. Ich habe mir vor fünf Jahren zwar eine Wohnung in einer Ulmer Seniorenresidenz gekauft, aber ich will noch abwarten. Die Wohnung hier hatte ich ursprünglich als Zweitwohnung gekauft, als ich noch am Bodensee lebte – weil ich nicht so oft hin- und herfahren wollte.

Jetzt lebe ich seit 29 Jahren im Universum Center und ich muss sagen: Es ist genau die Art, wie ich immer leben wollte. Ich kann hier ganz für mich sein, die Aussicht ist wunderbar, bestes Tageslicht, denn ich lese noch viel. Ich bin gerne mit meinen Gedanken allein. Ich habe zwar keine Kinder, aber natürlich habe ich Freunde und Bekannte.

Doch Bekanntschaften im Haus suche ich nicht. Die Anonymität hat etwas Angenehmes. Ich habe in meinem ganzen Leben nie ein Auto gehabt, als Fußgängerin ist man von hier aus ganz schnell am Bahnhof, in der Stadt.

Das soziale Gefüge im Haus hat sich in den letzten Jahren verändert, einige Wohnungen sind jetzt an Vertragsarbeiter aus dem Ausland untervermietet, die immer nur ein paar Monate bleiben. Aber das stört mich nicht, die benehmen sich alle ordentlich.

Schade ist, dass die drei Arztpraxen rausgegangen sind, das lag wohl daran, dass es zu wenig Stellplätze für die Patienten gab. Und seit mindestens drei Jahren ist auch die Apotheke weg. Das war das letzte Geschäft mit einem deutschen Eigentümer.

Haluk Sivas 11. OG, 50 Jahre, Hausmeister

Ich bin seit 13 Jahren Hausmeister, die Arbeit macht mir Spaß. Als ich den Job bekommen hatte, wollte ich bald auch hier wohnen. Das ist praktischer, denn du musst rund um die Uhr erreichbar sein, die Technik instand halten, Handwerker betreuen. Mein Büro ist im Untergeschoss, aber im 11. Stock ist meine Wohnung, wo ich mit meiner Familie lebe.

Ich kann gut mit den Leuten, die hier wohnen – Unkraut gibt’s überall. Grundsätzlich leben alle Kulturen friedlich miteinander. Selbst Serben, Albaner und Bosnier vertragen sich. Oder Türken und Kurden.

Es ist nicht Harlem. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der jeden im Haus kennt. Und alle kennen mich. Oben ist es ziemlich hell. Wenn die Sonne eine Stunde scheint, ist die Wohnung schon aufgewärmt. Früher habe ich im Langenauer Teilort Göttingen gewohnt. Das ist ein Kuhdorf. Aber ich bin ein Stadtmensch.

Als Mieter wohnst du hier fast wie im Hotel, brauchst dich um nichts zu kümmern. Das Haus hat einen schlechten Ruf? Wegen der Casinos? Es heißt hier lungern Spielsüchtige herum, schlechte Leute? Uli Hoeneß war auch spielsüchtig. Nein, es ist eine Sucht hier zu wohnen.

© 2014 SÜDWEST PRESSE

Idee: Manuel Bogner
Video: Christian Wille
Texte: Manuel Bogner, Christoph Mayer
Fotos: Volkmar Könneke, Lars Schwerdtfeger, Archiv
Grafik: Niko Wilkesmann
Technische Umsetzung: Artjom Simon, Annick Schönberger

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