Neue Unternehmer braucht das Ländle: Start Ups in Baden-Württemberg

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Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin – und ein Start Up gründen!

Das könnte vielleicht ein Gedanke, frei formuliert nach Franz von Suppé, von jungen Gründern sein. Berlin ist hipp, in Baden-Württemberg ein Start Up zu gründen, klingt dagegen irgendwie spießig.

Tatsächlich hinkt das Land  im Bundesvergleich bei neuen Start Ups hinterher. Dabei hat es jungen Unternehmern einiges zu bieten: Viele Fördermöglichkeiten, eine motivierte Start Up-Szene und Regionen, die Gründerpotential haben. So wie etwa Mannheim oder die Schwabenmetropole Stuttgart.

Ein Streifzug durch das mögliche Gründerland Baden-Württemberg.

Region Mannheim: Leckere Geschenke im Glas

In dunklen Wandregalen, die man so auch bei der Großmutter Zuhause finden könnte, stehen sie: Schokokuchen, Rotweinkuchen, Zitronenkuchen, Dattel-Tonkabohnen-Kuchen. Alle in kleinen Einmachgläsern.

Zwei Kuchen stehen offen da. Auf dem einen ist eine große Eins gesteckt, darüber Fähnchen, auf dem „Meine Mama“ geschrieben steht. Der andere ist mit Lebkuchenherzchen und einem kleinen Brief verziert. „Für die Mutter, für den Liebsten, als Dankeschön, oder als Entschuldigung“, sagt Alexandra Bald. „Unsere Kuchen werden zu allen möglichen Gelegenheiten verschenkt.“

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Last-Minute-Kuchen für alle: Der 'Kuchen im Glas'-Laden in den Mannheimer Quadraten

Leonie Maschke

Mit 200 Kuchen im Monat hat es angefangen, vergangenes Weihnachten waren es 2000 Kuchen in der Woche: Vor drei Jahren haben Alexandra Bald, Stephanie Becker und Linda Dröge ihr Start Up „Kuchen im Glas“ in Mannheim gegründet. Wieder gegründet, muss man sagen. Denn bereits 2006 schickte eine Konditorin aus dem Sauerland ihre Kuchen im handlichen Format in die Welt hinaus und Linda Dröge unterstützte sie. Doch irgendwann konnte die Konditorin nicht mehr weitermachen. Linda wollte die Idee nicht sterben lassen, holte kurzerhand ihre Freundinnen Stephanie und Alexandra ins Boot, und gründete „Kuchen im Glas“ in Mannheim. 2015 kam zu dem erfolgreichen Online-Shop der Laden in den Mannheimer Quadraten.

Während Stephanie und Linda wegen ihres Studiums bereits in Mannheim waren, pendelte Alexandra zu Beginn der Gründung noch zwischen der Kurpfalz und Berlin. Den Umzug in den Süden hat sie nicht bereut. „In Mannheim hat es mehr Sonne und weniger Schnee als in Berlin“, sagt sie mit einem Lachen. Doch nicht nur das gute Wetter gefällt den drei jungen Frauen. „Der Sättigungsgrad an Start Ups ist in Mannheim und Baden-Württemberg nicht besonders hoch“, sagt Stephanie. Das sei besonders für die finanzielle Unterstützung ideal: Wenige Start Ups bewerben sich auf viele Fördermöglichkeiten. Auch das Produkt und die Ware habe einen anderen Wert: „Machst du‘s nicht für den Preis, macht‘s ein anderer für weniger Geld“, fasst Alexandra das Dilemma der Start Up-Szene in der Hauptstadt zusammen. „In Baden-Württemberg hingegen ist die Wertschätzung für eine Arbeit viel größer. Gutes Handwerk darf hier auch etwas kosten.“

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Erfolgreiche Unternehmerinnen, die in Mannheim glücklich sind: Stephanie Becker, Alexandra Bald und Linda Dröge

Leonie Maschke

Es klingelt. Ein älteres Ehepaar steht vor der gusseisernen Hoftür, es hat den Laden entdeckt. „Kuchen im Glas“ ist in einem Altbau untergebracht, den es sich mit anderen Start Up-Unternehmen teilt. Das „gig7 Gründerinnenzentrum“ vermietet die Büroräume im Gebäude und bietet Frauen Beratung rund um das Thema Gründung an. Die Start Up-Szene in Mannheim befinde sich im Aufstieg, darauf seien die Mannheimer sehr stolz, sagt Linda. Doch manchmal hapere es an der Kommunikation. „Jeder kocht sein eigenes Süppchen, das Zusammenspiel zwischen Stadt, Stadtvierteln und IHK funktioniert noch nicht richtig gut“, kritisiert sie. „Es gibt viele Leute, die eine ähnliche Idee haben. Doch sie werden nicht aufeinander aufmerksam gemacht, so dass sie gemeinsam etwas schaffen können. So wird immer wieder etwas Neues gemacht und Projekte angeboten, die es eigentlich schon gibt.“

Auch die Wirtschaft sollte die Gründer mehr ins Gespräch holen. Die Presse würde sich mehr für die Start Ups interessieren als die Wirtschaft. „Die Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren muss einfach noch verbessert werden“, sagt Linda. „Das ist wichtig, eben weil wir in Baden-Württemberg so eine starke Wirtschaft haben. Man könnte noch so viel mehr machen.“

„In Baden-Württemberg ist die Wertschätzung für eine Arbeit viel größer.“ Alexandra Bald, Mitbegründerin „Kuchen im Glas“

Das Ehepaar betrachtet die Kuchengläser in den Regalen. Sie suchen ein kleines Geschenk für ihre Tochter und Kuchen geht ja immer. „Was schmeckt ihr denn?“, fragt Stephanie, die hinter dem Tisch mit dem Geschenkpapier steht. „Oh, Zitronenkuchen ist gut, den mag sie!“, erwidert die Frau.

„Schokokuchen und Zitronenkuchen sind am beliebtesten. Damit können sie nichts falsch machen, denken sich viele“, sagt Alexandra. Sie hatten auch einmal herzhafte Kuchen im Angebot, doch die kamen nicht an. „Schade, ich mochte die sehr“, sagt Linda mit Bedauern. Doch manchmal müsse man sich als Unternehmer eben von einer Idee verabschieden, „Kill your Darlings“, sagt Linda. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man Risiken eingehen muss und es schwierig werden könnte.“

Wenn man ein Unternehmen gründen möchte, seien Elevator-Pitches ein guter Start. Auf so einer Veranstaltung muss man in kürzester Zeit Investoren und anderen Start Ups seine Idee überzeugend präsentieren. Zum einen bekommt man Feedback, zum anderen merke man selbst, ob die eigene Geschäftsidee stichhaltig und umsetzbar ist. „Es bringt nichts, darüber zu schweigen“, sagt Stephanie. „Wenn ich Angst habe, dass jemand meine Idee klaut, sobald ich sie ihm erzähle, ist die Idee sowieso nicht besonders gut.“ Und der Tipp von Linda an zuküntfige Gründer wird zumindest die im Südwesten fest verankerte Autoindustrie wenig erfreuen: „Kauft nicht gleich einen Firmenwagen! Das ist das letzte, was ihr braucht!“

Weder gut noch schlecht

Einerseits gibt es viele Möglichkeiten, seine Geschäftsidee zu verwirklichen, andererseits geht laut einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung die Zahl der Neugründungen in Baden-Württemberg stetig zurück. Die Situation für Start Ups im Land der Tüftler und Denker wirkt verfahren.

„Das hat mehrere Gründe“, sagt Mark Egert. Er ist seit drei Jahren in der Start Up-Szene in Baden-Württemberg unterwegs, vor allem in Stuttgart kennt er sich aus. Er ist selbst Unternehmer, Mitbegründer von „Hatchery“, einem Unternehmen, das anderen Start Ups beratend zur Seite steht und er ist im Team des Bundesverbands für Deutsche Start Ups, Region Baden-Württemberg.

„Natürlich ist Baden-Württemberg wirtschaftlich sehr stark, wir sind gepflastert mit mittelständischen Unternehmen. Das ist ein Vorteil, den wir gegenüber Start Up-Metropolen wie Berlin haben. Berlin kann nichts anderes als Berlin sein, es gibt keine Industrie und damit keine Kunden für diese Branche. Doch durch die etablierten Unternehmen gibt es auch eine gewisse Saturiertheit. Wir sind im Moment zu gut, um in der Zukunft vorne dabei zu sein.“ Viele Politiker, vor allem auf kommunaler Ebene, hätten noch nicht begriffen, was für ein Potential die Start Up-Szene in Baden-Württemberg hat. In Bayern sei man da schon weiter: Die Stadt München habe drei Stellen geschaffen, die sich nur um die Start Up-Szene in der bayrischen Landeshauptstadt kümmert. Zudem habe Baden-Württemberg die erste Hälfte der Digitalisierung schlichtweg verschlafen. „Dabei haben wir für die Industrie 4.0 in Südwesten eine richtig gute Ausgangslage, das Land hat die nötigen Ressourcen dazu. Wir stehen sogar ein bisschen besser da als die Amerikaner.“

„Bei uns kochen wir traditionell eher jeder sein eigenes Süppchen.“ Mark Egert, Mitbegründer von „Hatchery“

Außerdem haben Neu-Unternehmerinnen und Unternehmer einige Möglichkeiten, für ihr Start Up Unterstützung zu bekommen: Es gibt das Cyberforum, sowie die Gründerschmiede in Karlsruhe, den Gründerverbund für Mannheim und Heilbronn, Innovationsförderung gibt es von den Business Angles Stuttgart und dem Venture Forum Neckar. Und das ist nur eine kleine Auswahl.

„In der Region Stuttgart, und auch vermeht unter Start Ups in ganz Deutschland, gibt es eine Kultur, in der selbst die Konkurrenten miteinander reden, um gemeinsam mehr zu erreichen. Bei uns kochen wir traditionell eher jeder sein eigenes Süppchen. Die Herausforderung für unsere Startups und Unternehmen ist ein Know How-Transfer auch zwischen den Unternehmen herzustellen. Dieser wird unabdingbar sein, wenn Themen die die Digitalisierung mitbringt, erfolgreich gemeistert werden sollen. Dazu braucht es nämlich unter anderem Plattformen, an denen sich viele beteiligen und zumindest teilweise ihr Wissen preisgeben.“

Es gebe ja auch positive Entwicklungen: Karlsruhe habe seit langem eine der besten Start Up-Szenen im Land überhaupt, sagt Egert, Mannheim und Heilbronn würden richtig Gas geben und auch Stuttgart holt langsam auf – von manchen immerhin liebevoll das „Neckar-Valley“ genannt.

Region Stuttgart: Die WhatsApp-Alternative für Unternehmen

Die Musik der Service-Hotline tönt aus dem Handy, die quäkende Elektroversion eines bekannten Popsongs flötet einem entgegen. „Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld“, säuselt eine sanfte Frauenstimme zwischendurch. Etwas anderes bleibt einem ja auch nicht übrig.

Niemand hängt gerne minutenlang in einer Warteschleife oder wartet tagelang auf eine E-Mail-Antwort, vor allem, wenn die Anfrage dringend ist. Halil Mandal kannte solche Probleme zu genüge, er arbeitete im Mobilfunk-Einzelhandel und hatte oft mit Kunden zu tun, die sich über den schlechten Service bei ihrem Handy-Anbieter beschwerten. „Er überlegte, wie sich Kommunikation verändert und wie man diese verbessern kann“, erzählt Eleftherios Hatziioannou. Die Lösung der beiden Freunde: smoope.

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Gründerheimat im Neckar-Valley: Eleftherios Hatziioannou

Leonie Maschke

Bitte wie?

„Smoope setzt sich aus den Wörtern Smooth und Operator zusammen und ist eine App, mit der Unternehmen sich mit ihren Kunden vernetzen können“, erklärt Hatziioannou. Er sitzt in seinem lichtdurchfluteten Büro im Stuttgarter Osten, an der Wand hängt ein riesiges Schild mit dem Wort „smoope“. Geschäftige Stille liegt auf den Fluren, nur das Tippen auf den Computertastaturen durchbricht die Ruhe. In einem Raum tüfteln die ITler des Start Ups an den technischen Feinheiten des Messaging-Dienstes. „Wir nennen es ‚Messaging as a Service‘ oder ‚Service to go‘. Es funktioniert ähnlich wie WhatsApp, nur ist es auf Unternehmen abgestimmt.“ Im Sommer 2013 entwickelten Hatziioannou, damals selbstständiger Berater, davor Marketing-Experte bei Daimler/Mercedes Benz, und sein Freund Halil, der bereits als selbstständiger Unternehmer erfolgreich war, das Konzept zu „smoope“. „Durch die Erfahrungen in unseren Jobs wollten wir von Anfang an ein Business-Tool kreieren.“ Über die App können Kunden mit dem Unternehmen direkt in Kontakt treten, Termine buchen oder Feedback geben, ohne lange auf eine Antwort warten zu müssen oder am Telefon in einer Warteschleife zu hängen. Manche Unternehmen nutzen ,smoope‘ inzwischen sogar für erste Jobgespräche bei einer Stellenausschreibung“, sagt Hatziioannou.

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Die App wird stetig weiterentwickelt.

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Durch ihre Arbeit waren die beiden schon in der Region Stuttgart angesiedelt. Doch das war nicht der einzige Grund, warum sie der Schwabenmetropole treu geblieben sind: „Hier wird einfach geschafft und es werden Ergebnisse erzielt. Es gibt keinen Hype wie in Berlin“, sagt Hatziioannou. Man müsse nicht jeden Abend auf eine Veranstaltung zum netzwerken rennen, dennoch sei ein persönlicher Austausch da. Beispielsweise gebe es in Stuttgart das Gründergrillen, oder auch den Start Up-Campus, wo man sich mit anderen Start Ups und Unternehmen austauschen könne. Durch die großen, bereits etablierten Unternehmen sei auch Kapital vorhanden, es gebe einige, die Start Up-Gründer gerne unterstützen. Gleichzeitig besteht jedoch eine gewisse Konkurrenzsituation: Ein Projekt bei einem großen Unternehmen zu etablieren, kann lange dauern. Zu lange für neugegründete Start Ups, die vor allem am Anfang auf gute Umsätze angewiesen sind. Hatziioannou wünscht sich, dass die Unternehmen noch offener werden und Pilotprojekte schneller initiiert werden können. Auch in Sachen Arbeitsplätze kommt man sich manchmal in die Quere: „Wir haben schon einmal einen Bewerber an ein großes Unternehmen verloren. Er hat sich zwar mehr für die Arbeit bei uns interessiert, doch das Unternehmen konnte ihm einfach mehr Gehalt bieten“, sagt Hatziioannou.

„Hier wird einfach geschafft, es gibt keinen Hype wie in Berlin.“ Eleftherios Hatziioannou, Mitbegründer „smoope GmbH“

Ebenso hat manche Behörde das Thema Start Up noch nicht auf dem Schirm, beispielsweise das Finanzamt. „Bei der Neugründung eines Start Ups hat man zuerst natürlich viele Ausgaben, es muss ja erstmal alles besorgt und organisiert werden, bevor ich richtig durchstarten und einen Umsatz machen kann. Steuern zahle ich dadurch erst später. Wir mussten das dem Finanzamt bei unserer Gründung alles klar machen und belegen, das bedeutet einen immensen Aufwand.“ Von den großen Unternehmen aus der Region seien sie so etwas natürlich nicht gewohnt.

Dennoch: Hatziioannou glaubt an den Standort Stuttgart, er und sein Team fühlen sich mit der Region sehr verbunden. Es habe sich in den letzten Jahren viel getan, vor allem was Fördergelder angeht. „Ein Business-Plan klingt zwar spießig, doch es hilft ungemein, sich über das eigene Konzept und dessen Umsetzung klar zu werden.“ Natürlich müsse man sich darauf einstellen, dass es eine psychologische Achterbahn werden könnte, leicht ist eine Unternehmens-Gründung selten. „Doch als Unternehmer muss man einfach sein Thema anpacken und loslegen. Wenn ich nicht handle, hab ich schon verloren.“

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