Die Stimme des Ellentals

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Hintergrund

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Hans-Fritz Näher hat es eilig. Mit großen Schritten schreitet er über den Kunstrasenplatz.

Näher will zu Matthias Schmid, dem Trainer des SV Germania Bietigheim. „Habt ihr gewechselt oder bleibt alles beim Alten?“, fragt der etwas humpelnde Mann mit aufgeregter Stimme. „Keine Wechsel, Fips,“ antwortet der Coach leicht schmunzelnd. Kurze Notiz auf dem Mannschaftsbogen, dann erklimmt Näher wieder die drei großen Stufen zu seinem Stehplatz direkt hinter der Außenlinie. Ohne die Augen nach unten zu richten holt der 68-Jährige mit einem hundertfach getätigten Handgriff ein Funk-Mikrofon aus der Tasche seiner in königsblau strahlenden Jacke. Jetzt startet er seine Durchsage – es ist Halbzeit im Fußball-Bezirksligaspiel zwischen dem SV Germania Bietigheim und dem TV Pflugfelden.

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Halbzeitpause vorbei: Stadionsprecher Fips holt sich Infos bei Trainer Matthias Schmid.

Jan Fedra

Hans-Fritz Näher ist erst in der Nacht aus dem Urlaub nach Hause gekommen. Stunden später steht er als Stadionsprecher der Heimmannschaft aus Bietigheim wieder am Fußballplatz. „Stadionsprecher in Gänsefüßchen“, klärt Fips, so wird der Mann mit Mikro hier von allen genannt, auf. Wieso in Anführungszeichen? Nach kurzer Pause, die Stirn in Falten gelegt, lässt Näher den Blick über das Sportgelände schweifen und sagt: „Bei den wenigen Zuschauern – ob man da unbedingt von einem ‚Stadionsprecher‘ reden kann und ob es den überhaupt braucht, sei dahingestellt.“ In der Tat haben sich etwa 15 Minuten vor Spielbeginn erst ein, vielleicht zwei Dutzend am Bezirksligaspiel Interessierte rund um den Sportplatz eingefunden. Der liegt von grüner Vegetation umgeben unter dem Viadukt im sogenannten Ellental. In den Minuten vor dem Anpfiff füllt sich die kleine Stehtribüne, die eigentlich nur aus drei steinernen Stufen besteht, aber immer mehr. Später werden es immerhin 130 Zuschauer sein.

Wenn die Bezirksliga-Partie am Nachmittag angepfiffen wird, liegt hinter dem Mann mit dem Kurzhaarschnitt und der Brille schon eine akribische Vorbereitung. Einen Tag vor jedem Spiel ‚seiner Germania‘ setzt sich Näher zu Hause an den Computer und recherchiert Aktuelles rund um die Fußball-Abteilung des Vereins. Neben sämtlichen Bilanzen der ersten Herrenmannschaft informiert sich der ehemalige technische Berater im Außendienst auch über Ergebnisse der Jugend und der zweiten Mannschaft. „Ich glaube, das kommt auch gut an, wenn man von denen mal etwas erzählt. Es ist ja immer gut, wenn man eine Jugend hat und die nicht vergessen wird.“ Hat Näher genug Zahlen und Daten zusammen, schreibt er sie in sein, wie er es nennt, „Manuskript“.

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Fips steckt viel Zeit in die Vorbereitung.

Jan Fedra

Mit diesem DIN-A4-Ausdruck in der Hand macht sich der Stadionsprecher in Gänsefüßchen tags darauf auf den Weg vom einen zum anderen Ende des Sportplatzes. Dort ist in einem etwas in die Jahre gekommenen Bau neben einer Schiedsrichter-Kabine sämtliche Technik untergebracht. Hauptschalter an, Mikrofon mit Batterien beladen, dann geht es los. „Eins, Zwei, Test!“ – bei seinen Versuchen, ob die Funkwellen des schwarzen Mikrofons störungsfrei übertragen werden, setzt Näher auf Bewährtes. Dann verstaut der in Bietigheim wohnende Rentner sein etwa 25 Zentimeter langes Arbeitsgerät lässig in seiner Jackentasche. Zu Fuß geht es zurück, hinkenden Schrittes Richtung Kabinentrakt. „Als Spieler bin ich zeitig verletzt worden. Bei einem Pressschlag haben sie mir das Knie rausgekickt, dann war meine Fußball-Karriere so gut wie vorbei. Noch heute sind die Bänder kaputt, manchmal schnappt das Knie raus“, erklärt der Rentner ruhig. Das war der Anfang seiner 53-jährigen Vereinsmitgliedschaft und das Ende seiner Zeit als aktiver Kicker.

Aktiv ist er jetzt – wenige Minuten vor Spielbeginn – mit dem Mikro in der Hand, Manuskript vor sich liegend, mit seiner Stimme. Direkt dort, wo letzte aufputschende Schreie aus den Kabinen nach außen dringen, wo alle Spieler gleich entschlossenen Blickes vorbeischreiten werden, da hat Näher es sich gemütlich gemacht. Sobald die ersten Akteure die Treppe hoch und dann zur Tür rauskommen, blendet Fips der Durchsager alles um sich herum aus und beginnt mantrahaft, fast beschwörend, seine Ansage an die Zuschauer. Ein Gruß an die Gästefans, Erwähnung des Schiedsrichters, Einordnung des Spiels in die Situation der Germania. Das hat Näher mit seiner informativ-nachrichtensprechermäßigen Stimme und seiner Erfahrung drauf. Seit fünf oder sechs Jahren macht er das schon so. „Wie lange genau weiß ich gar nicht mehr“, erzählt Näher mit der ihm üblichen persönlichen Zurückhaltung, „so etwas schreibt man sich ja nicht auf.“ Er muss es wissen, denn alles für den Verein und das Spiel Wichtige schreibt Näher auf und archiviert es.

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Die Sonne scheint, Fips bleibt trocken und hat Spaß beim Durchsagen.

Jan Fedra

Beim ein oder anderen Namen auf der Aufstellung des Gästeteams, die Näher jetzt alle einzeln und samt Auswechselspielern vorträgt, kommt aber auch der routinierte Sprecher ins Straucheln. Auf diese Nachnamen kann er sich schließlich nicht vorbereiten – und die Vorarbeit ist Nähers Geheimnis einer fehlerfreien Durchsage. Verweigern kommt natürlich trotzdem nicht in Frage, auch Akteure wie Hadedeji Prince Mayungbe oder Patryk Jedrzejcyk wollen namentlich vorgestellt werden. „Wenn etwas überraschend ist und ich keine Zeit habe, dann muss ich es halt so machen, das klappt auch. Ich bin aber lieber vorbereitet, dann kommt alles flüssig und es wird nicht gestammelt.“

Fips meistert auch die schwer auszusprechenden Namen

Trotz allem Bemühen um eine möglichst flüssig-fehlerfreie Fips-Durchsage gab es schon kleinere Pannen. Vergessen das Mikro auszuschalten und sich dann während dem Spiel über andere Themen unterhalten, zum Beispiel. Das gab es zu den Anfängen der Stadionsprecher-Zeit. „Macht aber eigentlich nichts aus, solange man nicht beleidigend wird. Und da kucke ich natürlich drauf“, nimmt Hans-Fritz Näher solche Situationen gelassen hin. Eine größere Schwierigkeit stellen da schon technische Probleme mit der Funk-Mikrofon-Anlage dar. Weil diese im Besitz der Stadt Bietigheim-Bissingen ist, darf Näher nicht selbst Hand anlegen. Mikrofon-Tuning verboten. Manchmal macht auch die Witterung den Plänen des Stadionsprechers einen Strich durch die Rechnung: „Ich stehe oft im Regen“, klagt Näher. Die Kälte in den Wintermonaten ist ein weiterer Fips-Feind. „Bei schlechtem Wetter wäre es vielleicht ganz gut, wenn wir eine Sprecherkabine hätten.“ Dass das bei allerorts knappen Kassen vermutlich noch länger eine Traumvorstellung bleiben wird, ist sich der Eintracht Frankfurt Sympathisant bewusst: „Das kann ich in der Bezirksliga nicht fordern, das ist klar.“

Und so steht Hans-Fritz Näher – das Spiel Germania gegen Pflugfelden läuft mittlerweile – von seiner Sitzbank am Klubhaus auf und macht sich mit einem Klemmbrett unter dem Arm und Mikro plus Stift in der Tasche auf den Weg an die Außenlinie. Von dort aus verfolgt Fips das Geschehen auf dem Feld. Sein fester Privatplatz ist der höchste Steinstufen-Rang freilich nicht. Näher nutzt die Vorteile des Funkmikrofons: Rund um den großen Kunstrasenplatz herum bewegt er sich völlig frei. Hier und da bleibt er mal kürzer, mal länger stehen und unterhält sich mit alten Bekannten oder befreundeten Zuschauern.

In der 13. Minute liegt der Ball im Germania-Tor. Nach einem Eckball trifft der TV Pflugfelden aus dem Getümmel heraus. Einsatz für den Stadionsprecher – aber wer war der Torschütze? Näher konnte es nicht sehen und auch die umstehenden Zuschauer können nicht helfen. Das Germania-Urgestein bringt die Ungewissheit aber nur kurz aus der Ruhe. Sekunden nach der Führung kommt ein Pflugfelder Akteur Richtung Seitenlinie, um einen weiteren Eckstoß auszuführen. Näher kurzerhand: „Ermal, wer hat denn euer Tor geschossen?“ Kurz darauf schallt schon der Name Alexander Wagner durch die Lautsprecher. Fips möchte immer schnell informieren. Vor allem aber genau.

Ein krakeelender Stimmungsmacher ist der 68-Jährige nicht. „Es gibt ja nicht viele Vereine mit Stadionsprecher, aber wir wollen uns halt doch ein bisschen abheben und ein bisschen besser präsentieren.“ Für diese Service-Rolle suchte der Verein einen geeigneten Sprecher. Als sich niemand fand sagte Näher, anfangs nur übergangsweise, zu. Und weil sich spätere Bewerber nicht als grandios erwiesen, ließ der Vorstand verkünden: ‚Fips, mach du es lieber weiter‘ – „jetzt bin ich also immer noch im Übergang“, flachst der Sprecher mit der ruhigen Stimme. Da schallt es plötzlich aus einer anderen Richtung: „Fips ist die Stimme vom Ellental. Es gibt keinen Besseren als ihn. Er ist The Voice of Ellental.“ Die bemerkenswerte Bassstimme gehört zu Sascha Hodzic, dem Teammanager des SV Germania. Sein Wort hat Gewicht, als Sänger und ehemaliger Stadionsprecher eines anderen Bietigheim-Bissinger Vereins ist er ein echter Stimmen-Experte. Mit dieser Meinung bestätigt Hodzic, was Matthias Schmid sagt.

„Zuschauen, das Spiel verfolgen, wer geht, was ist passiert?“ Trainer Matthias Schmid zu Fips' Aufgaben

Der Trainer, den Stadionsprecher Näher in der Halbzeit immer ein wenig aufgeregt aufsucht, ist dankbar. Dankbar, für ehrenamtlich im Hintergrund arbeitende Menschen. „Ich finde es immer gut, wenn ein Verein eine Stimme hat. Es schafft einfach einen gewissen Mehrwert an Atmosphäre.“ Das ist zeitintensiv: „Zuschauen, das Spiel verfolgen, wer geht, was ist passiert? Toll, dass er immer da ist, sich die Zeit nimmt. Super Sache, wenn es die Leute gibt“, sagt Schmid dazu. Reaktionen auf seine Ansagen bekommt Germania-Sprecher Fips auch häufig von Unterstützern der Gastmannschaft. „Ich bin eigentlich schon mehr gelobt worden für meine Ansage als kritisiert. Als ich mal mein Begrüßungssprüchle vorgelesen habe, haben sie mir sogar Applaus gegeben, die gegnerischen Fans“, freut sich Näher, um dann gleich hinterherzuschieben: „Zu sagen, ‚du sprichst hier aber einen Blödsinn raus‘, das traut sich vielleicht nur keiner.“

Das Bezirksliga-Spiel ist mittlerweile zu Ende gegangen. Germania Bietigheim war ohne Chance und musste noch drei weitere Gegentreffer hinnehmen. Die Spieler des TV Pflugfelden dagegen feiern. Fünf Spieltage vor Ende der Saison freuen sich die Gastmannschaft und „ihre mitgereisten Fans“, wie Fips sie immer nennt, über den 4:0-Sieg und die frühzeitige Meisterschaft. Hans-Fritz Näher schaut dem ausgelassenen Treiben gerne zu. Seine schönste Erinnerung an die Stadionsprecher-Zeit datiert ebenfalls von einer Meisterfeier. Vor drei Jahren stieg der SVG auf, Näher führte – für ihn sonst undenkbar – improvisierend am Mikrofon durch den Abend. Am Ende verkündete der Vorstand: Wir haben die beste Mannschaft und wir haben den besten Stadionsprecher! Da war der zurückhaltende, stets auf Information bedachte und im Hintergrund werkelnde Ansager Fips gerührt – und sogar ein wenig stolz auf seine unvorbereiteten, aber treffenden Worte.

Natürlich verabschiedet Näher den Bezirksliga-Meister Pflugfelden später mit gebührenden Worten. Er weist noch auf das nächste Heimspiel hin und wünscht allen einen guten Nachhauseweg und eine schöne Woche. Nette Worte zum Abschluss. Dann räumt der Durchsager des SV Germania sein Mikrofon auf. Vorsichtig abgelegt in ein schwarzes Kästchen wird es wieder im Schrank verstaut. Zuletzt erklärt Stadionsprecher Näher die Frage nach dem Warum. Ist es Liebe zum Verein? „So kann man es sagen, ja. So ungefähr.“

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