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Schon am frühen Morgen um 9 Uhr spucken die Messebusse scharenweise Besucher aus. Es gilt, die Welt der Spielwaren in ihrer vollen Bandbreite zu erforschen.

In zwölf riesigen Hallen zeigen in diesem Jahr 2857 Aussteller aus 67 Ländern auf der Nürnberger Spielwarenmesse ihre Waren. Das Angebot dabei ist überaus breit – von der klassischen Modelleisenbahn über Babypuppen, Stofftiere, Bücher bis hin zu Kinderfahrzeugen für draußen und technischen Entwicklungen wie Robotern und Drohnen. Das erfreut in diesen Tagen weniger die Kinder, sondern vielmehr Händler, Hersteller und Journalisten. Erwartet werden insgesamt rund 75000 Besucher – ein Gewusel. Wir waren mittendrin statt nur dabei.

Pink mit Glitzer

Was wäre die Welt nur ohne Pink, Glitzer und Tütü? Für Jana Ina Zarrella, Modell, Moderatorin und Mutter, nicht viel wert. Deshalb steht sie an diesem Tag auch genau richtig: am Barbie-Messestand auf der Neuheitenschau der Nürnberger Spielwarenmesse.

Glitzer, überall Glitzer. Er regnet von der Decke, wird von Kindern ins Publikum geworfen. Viele Messebesucher dürften davon noch Tage später etwas haben, wenn die Glitzerfäden aus Taschen und Kleidern rieseln. Ein Barbie-Modell segelt von der Hallendecke und kleine Mädchen tanzten auf der Bühne.

Das alles wird veranstaltet, weil Barbie, die umstrittene Puppenfrau, nun zur Superheldin wird. Und weil ein neuer Barbie-Film beworben werden will. Zarrella jedenfalls freue das, sie strahlt bis zur Gesichtsstarre, die Fachbesucher erstarren dagegen eher in gruselnder Ehrfurcht – mit Glitzer in den Haaren. Wie immer am Vortag der Messeeröffnung suchen Journalisten in der Trend Gallery, wie die Messe nun die Neuheitenschau nennt, nach wirklichen Innovationen.

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Eine fliegende Superhelden-Barbie.

Caroline Strang

Die pinke Glitzerwelt von Barbie jedenfalls übersteht die Entwicklungen des Spielwarenmarktes offensichtlich relativ unbeschadet. Pink ist auch in diesem Jahr eine sehr beliebte Farbe auf der Neuheitenschau. Bei „My Little Pony“ fuchtelt Comedian Mirja Boes mit den quietschbunten Pferdchen in den Händen. Warum sie das tut? Weil sie früher auch damit gespielt hat. Nun hat sie aber zwei Jungen und die Glitzerwelt total aus den Augen verloren, sagt sie. Bis Hersteller Hasbro sie im Vorfeld der Messe anrief.

Selbst beim Traditionshersteller Ravensburger leuchtete der ganze Stand pink und lila. Die Oberschwaben bewerben ein Bastelspiel, bei dem Mädchen Schuhe – Highheels natürlich – gestalten können. „I love shoes“ nennt sich das Spiel, das in Form eines Brettspiels daherkommt. Allerdings kann man die Schachtel direkt in einen kleinen Schuhschrank verwandeln. Rebecca Mir, Ex-Finalistin von Germany’s Next Topmodell, steckt denn auch den halben Vormittag kleine Puschel und Herzchen an die Miniaturschuhe.

Bei Schleich aus Schwäbisch Gmünd fliegen Elfen durch ganze Spielewelten. „Das ist neu“, sagt David Albert, Leiter Produkt Management. „Früher haben wir vor allem Einzelfiguren hergestellt, heute gibt es ganze Spielewelten.“ Im vergangenen Jahr seien die ersten kleinen Zubehörartikel wie Heu für die Pferde vorgestellt worden. „Das kam richtig gut an.“ Nun gibt es eine große Wasserstelle zu den Safaritieren, es gibt Büsche und Bäume und eine komplette Drachenburg mit Rittern.

Und die Digitalisierung? Eine App sei in Arbeit, sagt Albert. Schleichfiguren seien zuerst einmal naturgetreu. Aber das Angebot werde zunehmend auch in Richtung Digitalisierung und Elektronikspielereien wie Beleuchtung ausgebaut.

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Der neue Barbie-Film

Caroline Strang

Am Thema Digitalisierung kommen nur wenige Hersteller vorbei. Aber auch nur wenige setzen den Trend konsequent um. Playmobil zum Beispiel zeigte am Stand eine klassische Ritterburg mit einer Schatzinsel inklusive vieler Verstecke und Fallen. „Wir bieten digitale Elemente nur sehr reduziert an, weil wir klassisches Rollenspiel verkaufen“, sagte Entwicklungsleiter Uwe Reuter. Aber kleine digitale Elemente gebe es eben doch, wie eine Kanone, die auf ein Smartphone mit einer speziellen App gerichtet, schießt. Ob getroffen wurde, verkündet dann das Smartphone. Munition wird nicht mehr gebraucht. „Das kann auch im Restaurant gespielt werden“, sagte Reuter. Das Kinderzimmer soll dabei außen vor bleiben, hier sollen die Kinder weiterhin möglichst viele haptisch begreifbare Abenteuer erleben. Den Kindern gefällt ein Eishockeyspiel am Stand besonders gut. Das funktioniert ähnlich wie Tipp-Kick. Doch diesen Vergleich hören die Verantwortlichen nicht so gerne.

Die Kunststoffschläger, an denen ein Ball mit einem Gummiband befestigt ist, gibt es von der Schweizer Firma Active People jetzt auch mit einem raffinierten Schlitz in der Mitte – zum Umdrehen und Kunststücke machen. Ein Maskottchen gibt es an diesem Stand nicht. Dafür gehen sie aber scharenweise durch die Gänge. So trifft man die Ninja-Turtels, Drachen, Bären und Ritter einfach mal im Vorbeigehen.

Die Maskottchen der Spielwarenmesse

Dreiräder sind in diesem Jahr auch nicht mehr nur Dreiräder, sondern bei der US-Firma Razor hinten mit Wenderädern wie bei einem Einkaufswagen versehen, so dass weitaus mutigere Kurven drin sind. Fahren nur mit Helm empfohlen.

Mittendrin tauchen immer wieder die Glitzerstreifen der Heldenbarbie auf. Denn wie sagte das Kindermodell am Mattel-Stand gefragt nach Superkräften: „Superhelden können Glitzer versprühen.“ Und sie kennen sich mit Technik aus.

Surrende Roboter

Eineinhalb Jahre alt ist Sophie Reinthaler längst nicht mehr. Trotzdem schiebt die Marketing Managerin mit Hingabe einen kleinen Holzzug über die kurzen Schienenteile.

Die ganz Kleinen an einfache Technik in verspielten Welten heranführen – damit will Brio, das schwedische Unternehmen, das seit einigen Wochen zur Ravensburger AG gehört, neue Kunden gewinnen. Reinthaler führt auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vor, wie das gehen soll.

Gedeckte Farben, Teile aus Plastik und Wendemagnete, durch die man die Züge nach Lust und Laune zusammenstecken kann, auch komplett falsch herum – für unter Zweijährige soll nichts den Spaß trüben.

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Züge für die Kleinsten.

dpa

„Studien haben außerdem ergeben, dass die Kleinen überfordert sind, wenn sie Rundstrecken aus Schienen vor sich haben“, erklärt Reinthaler. Deshalb reichen hier kurze Abschnitte. Daneben setzt das Unternehmen auf kleine technische Spielereien wie Soundeffekte und beleuchtete Ampeln. Denn: „Wir gehen doch mit der Zeit“, sagt Reinthaler selbstbewusst. Nur eben mit Maß. Und mit viel mehr Ausstattung und Zubehör als früher.

Auffallend ist, dass auch immer mehr klassische Spielsachen elektronische oder digitale Elemente enthalten. So gibt es bald sogar einen digitalen Legostein. Wird der auf ein Tablet gelegt, eröffnen sich virtuelle Spielewelten, so die Ankündigung. Ton-, Licht-, und Bewegungseffekte sind fast schon Standard, wie auch Verknüpfungen zu Smartphone-Apps.

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Eine Kugelbahn mit beruhigenden Klängen.

Fischertechnik

Werden die Kinder größer, werden auch die technischen Spielsachen komplexer. Hier setzt seit inzwischen 50 Jahren Fischertechnik aus Waldachtal an. Wer sich die Neuheiten dieses Unternehmens ansieht, verfällt erstmal in eine entspannte Meditation. „Das sind unsere Zen-Gärten“, sagt Pressesprecherin Sandra Roth mit einem Lachen. Kugelbahnen, eigentlich für größere Kinder schon länger aus der Mode, sind mit Klangelementen und immer neuen Kombinationsmöglichkeiten aufgepeppt worden.

Während die Kugeln sich auf den aufwendig konstruierten Gerüsten langsam ihren Weg bahnen, erklärt die Sprecherin, wie man damit physikalische Gesetzmäßigkeiten besser verstehen kann. Es zählen immer die Dimensionen „bauen, spielen und erklären“.

Vor allem das Thema Solarenergie sei für Kinder interessant. „Das Thema ist ihnen inzwischen nicht mehr so fremd“, erklärt Roth. Und weiterhin faszinierend. „Es ist eine riesen Freude für Kinder, wenn die Sonne kommt und die Energie von ihren Konstruktionen genutzt wird.“ Neben der Pneumatik, zum Beispiel einem luftdruckgetriebenen Bagger oder einer Bergungsmaschine, sind auch kleine Roboter bei Fischertechnik unterwegs. Die „Mini Bots“ können sich an schwarzen Linien orientieren oder drehen um, wenn sie gegen eine Barriere fahren. Sie sollen den Kindern einen Einstieg in die Welt der Roboter ermöglichen – deutlich günstiger als der große Roboter mit Gestensteuerung. Wie surrende Riesenkäfer rollen die kleinen Modelle über den Ausstellungstisch. Sind sie die Zukunft einer ganzen Branche oder wird auch in 50 Jahren noch traditionelles Spielzeug gekauft?

Auch Baukästen sind im Trend, wie eine Studie der Marktforscher npdgroup ergab. Zumindest im ersten Halbjahr 2014 hielten sie sich in Deutschland auf hohem Niveau mit einem leichten Plus von 2 Prozent. In Spanien dagegen legten die Umsätze um mehr als ein Drittel zu, in Frankreich und Großbritannien wuchsen die Umsätze um rund 20 Prozent. Viele Eltern bewerten technisches Spielzeug insgesamt als „edukativ“, also als lehrreich, ergaben aktuelle Umfragen. Das beeinflusst die Kaufentscheidungen.

Auch große Roboter sind auf der Messe zu sehen, wie das Modell von Meccano (Frankreich), das mit immerhin einem Meter Höhe um die Beine der Besucher fährt. Kinder ab zehn Jahren sollen ihn zusammenbauen und Sprache und Bewegungen programmieren, um ihn steuern zu können.

Aus dem Surren der Roboter wird eine Halle weiter ein lautes Brummen von oben: Drohnen lösen nach und nach die immer kleiner und leichter werdenden fliegenden Hubschraubermodelle ab. Die Helikopter gehen zumindest laut Sophie Perrier vom französischen Unternehmen Toys Paradise in den vergangenen Jahren nicht mehr gut weg. Drohnen hingegen sind gefragt. Und so schwebt das weiße Ding über den Köpfen der Messebesucher – natürlich mit Kamera ausgestattet. Auf die Frage, ob man damit auch Nachbarn ausspähen könnte, lacht Perrier laut. Und nickt dann. Natürlich könnte man das.
Die französische Drohne, eine von Dutzenden Variationen von verschiedenen Herstellern, schwächelt inzwischen. Akku leer, heißt es am Stand. Luft nach oben hat dieser Flieger aber allemal – nach einem Stopp an der Steckdose. Aber ist das auch Spielzeug für Mädchen?

Rollenbilder im Kinderzimmer

Frauen und Technik! So mancher Mann ruft das als resignierten Stoßseufzer aus, so manche Frau wendet sich mit diesem Satz verschämt vom Einstellungsmenü des Fernsehers oder von der Bauanleitung des Schrankes ab. Einer der Gründe dafür liegt bereits im Kinderzimmer verborgen und offenbart sich besonders deutlich auf der Spielwarenmesse in Nürnberg. Spielen prägt Kinder – und damit ist auch entscheidend, womit sie das tun.

Die Hersteller setzen nach einigen Jahren der Zurückhaltung verstärkt auf die Unterscheidung der Geschlechter. An allen Ecken und Enden leuchtet es pink – selbst bei Traditionsherstellern, die bisher eher vorsichtig waren. In Jungenwelten müssen Piraten schön düster und die Abenteuer wild sein. Dazu sollten sie konstruieren und basteln, um den gängigen Rollenbildern zu entsprechen.

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Ravensburger bietet mit 'I live shoes' ein Bastelset für Mädchen an - hier vorgestellt von Modell Rebecca Mir.

Caroline Strang

Genderklischees, die bereits im Kinderzimmer nachgestellt werden sind leider im Trend. Das liegt auch an einer gesellschaftlichen Entwicklung, die einer sanften Rückwärtsrolle gleicht. Das Frauenbild in der Gesellschaft dreht sich aller Emanzipations- und Gleichstellungsbemühungen zum Trotz wieder in Richtung Heimeligkeit. Es stellt sich die Frage, ob das Rollenverständnis der gesättigt-gemütlichen 60er Jahre zurückkehrt und sich nicht nur an pinkem Glitzerspielzeug, sondern auch im Rückzug ins Private und dem Boom von Handarbeiten, Natur und Kochen zeigt.
Geprägt werden die Geschlechterrollen schon früh. Da stehen auch die Hersteller von Spielwaren in der Verantwortung. Die allerdings reden sich raus.
Fragt man sie, ob mit pinken Schminkwelten nicht ein längst überkommenes Frauenbild vermittelt wird, winken sie ab. Diese Ware werde gut verkauft. Jedes Mädchen ahme die Mutter oder andere Vorbilder nach. Außerdem erleichtere die Unterteilung den Eltern und Verwandten das Schenken. So einfach sei das.

Ist es aber nicht. Niemand kann es Herstellern verübeln, wenn sie ihre Ware dem Markt anpassen. Schließlich haben sie es mit einer stetig schrumpfenden Zielgruppe zu tun. Kinder sind inzwischen Mangelware. Die Spielwarenbranche – Hersteller und Handel – allerdings glänzt sogar mit steigenden Umsätzen. Ein Widerspruch, der sich auch mit der Marketingstrategie erklären lässt, dass Bruder und Schwester jeweils anderes Spielzeug brauchen. Lippenstifte und Piraten kurbeln den Absatz an.

Der Trend geht zum Mädchenspielzeug

Dabei hantiert die Branche ständig mit Begriffen wie „edukativ“. Spielzeug soll lehrreich sein, Wissen und Fähigkeiten vermitteln. Das soll vor allem Eltern überzeugen. Aber funktioniert dieses Argument bei Nagellack für Mädchen ab fünf Jahren?

Eltern müssen sich überlegen, womit ihre Kinder spielen. Denn sie sind zumindest zuhause dafür verantwortlich, ob Kinder in Rollen gedrängt werden oder sich frei entwickeln können.

Eine Lösung kann auch in der digitalen Entwicklung liegen. Denn Smartphone, Tablet und Computer bedienen Jungen und Mädchen gleichermaßen. Gerade hier können viele Spielzeughersteller noch einiges nachholen. Sie haben das Thema nach eigenen Aussagen fest im Blick. Schaut man ihre Waren an, erschöpft sich das oft in kleinen elektronischen Ergänzungen.

Nur wenn sich schon Kinder im Spielen frei entwickeln können und die Möglichkeit haben, sich ihre Rollen selbst zu suchen, werden negative Folgen von Geschlechterrollen abgefedert – wie zum Beispiel zu wenig weibliche Studierende in technischen Fächern. Es gilt, früh anzusetzen.


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© 2014 SÜDWEST PRESSE

Idee und Koordination: Caroline Strang, Thomas Block, Dorothea Nitzsche
Texte, Videos: Caroline Strang, Thomas Block, Dorothea Nitzsche, Ute Gallbronner
Grafik: Christopher Gram
Technische Umsetzung: Artjom Simon

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