Altes Spielzeug, neue Kinder

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Bambi müsste eigentlich Schmerzen haben. Eckhard Häring, ein Mann mit kräftigen Armen, fährt mit einem Metallstab immer wieder in die Rehkitz-Beine, ausdauernd und gnadenlos.

Er stopft das Stofftier, das bald ein Kind glücklich machen soll. Der nächste Schritt sieht noch brutaler aus. Hier werden Augen nicht ausgestochen – sie werden angenäht. Mit einem Ruck sticht die dicke Nadel einmal quer durch den Kopf, der Faden wird hinten vernäht. Dann schaut Bambi aus schwarzen Murmeln in die Welt.
In der Schauproduktion im Steiff-Museum in Giengen an der Brenz können Besucher sehen, wie die berühmten Stofftiere entstehen. Vieles ist dabei immer noch Handarbeit.

So entsteht ein Steiff-Tier in der Schauproduktion

Zwischen der Produktion heute und der vor mehr als 130 Jahren gibt es dennoch große Unterschiede. So sind die Materialien andere als früher, wie Manuela Fustig, Leiterin des Steiff-Archivs, verrät. Ein Teddybär von anno dazumal wurde im Normalfall nicht in die Waschmaschine geschmissen. Heute ist das eine Voraussetzung für den Kauf, wenn das Stofftier denn für Kinder und nicht für einen der vielen Sammler bestimmt ist. Kinder mögen es heute auch wesentlich flauschiger. Früher waren Teddybären im wahrsten Sinne des Wortes „steif(f)“. Außerdem waren sie in den Proportionen und Farben eher der Realität nachempfunden. Inzwischen darf ein Pferd auch rosa sein und glitzern. Mit technischen Spielereien in den Tieren allerdings hält sich Steiff zurück.

Außerdem haben sich die Sicherheitsbestimmungen geändert. „Schnüre dürfen nur eine bestimmte Länge haben und müssen zugebunden sein“, sagt Fustig. Wenn ein Stofftier zu klein ist und durch einen Trichter mit vorgegebenen Maßen fällt, ist es für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet.

Manuela Fustig von Steiff ist optimistisch, dass es die Firma auch in 100 Jahren noch geben wird. Inklusive begeisterter kleiner Fans.

Denn auch wenn Kinder von technischem Spielzeug fasziniert seien: „Das ist kein Ersatz für einen kuscheligen Freund, den man nachts mit ins Bett nehmen kann und der einen vor Monstern beschützt, der einen tröstet und den man auf einen Waldausflug mitnehmen kann.“ Sie glaubt, dass jedes Kind auch in 100 Jahren einen weichen Wegbegleiter haben wird.

Schließlich hat das Konzept  in den vergangenen gut 130 Jahren auch funktioniert. Margarete Steiff, in Giegen an der Brenz geboren und nach einem Fieber im Kindesalter teilweise gelähmt, eröffnete 1877 ein Filzkonfektionsgeschäft mit selbstgemachten Kleidungsstücken und Haushaltswaren. 1879 kommt dann die Wende. Sie sieht in einem Journal die Vorlage eines Nadelkissens in Elefantenform und näht es nach.

Beliebt wird das Stofftier „Elefäntle“ allerdings weniger bei Näherinnen als bei Kindern. 1880 wird dann die Manufaktur Steiff gegründet, in der bald auch andere Tiere genäht werden. Zwölf Jahre später erscheint der ersten Steiff-Katalog mit unter anderem genähten Affen, Eseln, Pferden, Kamelen, Schweinen, Mäusen und Katzen. 1893 wird die Spielwaren-Fabrik als „Margarete Steiff, Filzspielwarenfabrik Giengen/Brenz“ ins Handelsregister eingetragen. Richard Steiff, der Lieblingsneffe der Firmenchefin entwirft 1902 den Bären “Bär 55 PB” – der weltweit erste Plüschbär mit beweglichen Armen und Beinen. Die Erfolgsgeschichte nimmt ihren Lauf.

Impressionen aus dem Steiff-Museum

150 Jahre Tradition

Kleine Kinder können eigentlich noch nicht viel mit Modelleisenbahnen anfangen. Bisher. Seit einem Jahr versucht das Göppinger Unternehmen Märklin, ein junges Publikum für sich zu gewinnen.

Die Produktlinie „My World“ von Märklin richtet sich gezielt an Drei- bis Sechsjährige. Die Kunststoff-Lokomotiven werden mit Batterien betrieben, damit die Verletzungsgefahr für Kinder möglichst gering ist. Die Kleinen sollen über das Spielen mit der Eisenbahn ihre motorischen Fähigkeiten ausbauen, heißt es in der Produktbeschreibung.

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Kinder ab drei Jahren sollen mit der Produktlinie 'My World' an die Welt der Modelleisenbahnen herangeführt werden.

Dorothea Nitzsche

Das Konzept scheint für Märklin aufzugehen. „Wir haben viele Neukunden gewonnen, auch außerhalb unseres klassischen Vertriebskanals. Besonders über Drogeriemärkte, die ein breites Angebot an Spielen bieten, ist unser Absatz gestiegen“, sagt Märklin-Chef Florian Sieber.

Zusätzlich zu „My World“ hat Märklin die Produktlinie „Start Up“ eingeführt. Damit soll Kindern ab sieben Jahren der Einstieg in die Welt der Modelleisenbahnen erleichtert werden. Schulkinder beschäftigen sich aber lieber mit Smartphone und Tablet, oder nicht?

Wie behauptet sich Märklin in der Digitalen Welt?

Dennoch ist die digitale Welt nicht wegzudenken. Die originaltreuen Modellzüge sind auch mit Originalsound und Lichteffekten ausgerüstet. Die Lokomotiven schnaufen und dampfen wie die Originale. Türen können sich öffnen, kleine Bildschirme erwecken den Eindruck, dass Passagiere am Bahnsteig ein- und aussteigen.Natürlich lassen sich die Züge mittlerweile auch über das Tablet bedienen.

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Über eine Steuerungs-App für das iPad lassen sich die Modellzüge bewegen.

dpa

Doch reicht das für die Zukunft? Seit 1859 hat Märklin sich als Modelleisenbahn-Hersteller etabliert. Es ist eine Marke, die fast jeder in Deutschland kennt. „Das ist ein unbezahlbares Image. Ich finde es selber erstaunlich, wie unbeschadet Märklin die Insolvenz überstanden hat“, sagt Sieber. 2006 wurde das Unternehmen nach einigen verlustreichen Jahren an die britische Finanzgruppe Kingsbridge Capital verkauft. Im Februar 2009 folgte die Insolvenz. Jetzt laufen die Geschäfte wieder.

Der Modelleisenbahn-Hersteller ist überzeugt, dass Spielwaren, die zum Selbermachen anregen und die Kreativität fördern, nie aus der Mode kommen. Sieber hofft, dass die Kinder, die heute mit einer Eisenbahn spielen, später ihre Enkel mit Begeisterung anstecken. Auch die Ravensburger AG hofft auf diesen “Eltern-Effekt”.

Der Modelleisenbahnhersteller Märklin - Die Produktion

Wunderstifte und Piraten

Das große Piratenschiff wird direkt aus dem Spielekarton gebaut. Spielleiter ist ein gruseliger schwarzer Kunststoffpirat, der den Mitspielern buchstäblich sagt, wo es gerade brennt, wenn man ihn auf dem Schiff verschiebt.

„Captain Black“ ist ein Hybridspiel – eine Mischung aus klassischem Brettspiel mit Spielfläche und Karten sowie elektronischen Elementen, die das Spiel beeinflussen. Ravensburger setzt auf diesen Markt und sieht sich seit rund zehn Jahren als Vorreiter. Erste Erfolge in diesem Bereich verbuchte Ravensburger mit „King Arthur“, „Wer war’s?“ und „Schnappt Hubi!“. Das erfolgreichste Hybrid-Produkt ist das digitale Lernsystem „Tiptoi“, das ist seit fünf Jahren ein Verkaufsschlager, der inzwischen in unzähligen Variationen angeboten wird. In Deutschland werden bereits 30 Prozent der Spielwarenumsätze mit den kombinierten Produkten gemacht, insgesamt immerhin noch 20 Prozent.

Vorstandsmitglied Clemens Maier über die Zukunft des Unternehmens.

Ravensburger entwickelt auch Spiele, die ausschließlich für Smartphones und Co gedacht sind. Aber: „Wir sind damit erfolgreich, doch damit Geld zu verdienen, ist schwierig”, sagt Vorstandsmitglied Clemens Maier, zuständig für die Bereiche Kinder- und Jugendbuch, Freizeit und US-Geschäft. Das liege am Geschäftsmodell an sich, das wenig Erlöse bringe, und an der schwierigen Wettbewerbssituation. „Apps kann jeder machen und anbieten.“ Man wolle aber trotzdem dranbleiben.

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Ravensburger

Grundsätzlich scheint diese Strategie aufzugehen. Der Umsatz der Gruppe stieg im vergangenen Jahr um 4,1 Prozent auf 374 Mio. Euro gestiegen. Man sei „wirklich zufrieden“, sagte Maier.

Im Ausland sind vor allem die Puzzles aus Baden-Württemberg gefragt. Die beleuchteten Puzzle 3-D-Bauwerke wie der Eiffelturm bei Nacht haben laut Maier „super funktioniert“. Einige der aufstellbaren Puzzles mit Dekorationseffekt waren im vergangenen Jahr komplett ausverkauft. „Wir hätten da noch mehr verkaufen können.“ Vor allem in den USA waren auch Lizenzprodukte wie Spiele mit Disneymotiven aus dem Kinoerfolg „Frozen“ gefragt. Auf Deutsch heißt der Film „Die Eiskönigin“. Immerhin 12 Prozent des Umsatzes erzielt Ravensburger inzwischen in den USA. Tendenz steigend.

Das Thema Internationalisierung ist damit aber längst nicht abgeschlossen. Denn wer ein Unternehmen wie Brio kauft, einen schwedischen Hersteller von Holzspielzeug, muss mit Fragen nach der Strategie für die kommende Jahre rechnen. Um Antworten war Clemens Maier nicht verlegen. Ravensburger wolle – natürlich ohne den Heimatmarkt zu vernachlässigen – weiterhin stärker im Ausland wachsen.

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Ravensburger

Dabei plant das oberschwäbische Unternehmen, in neue Kategorien in der Spielwarenbranche einzusteigen.

Dabei sollen die klassischen Holzzüge der schwedischen Tochterfirma die drei Produktarten – haptische Spiele, Hybridprodukte und rein digitale Spiele – bereichern. Ein Strategiewechsel, so betonte er mehrmals, sei das keineswegs. Dafür laufen die Klassiker wie „Memory“ oder auch die Spiele, die inzwischen dazu geworden sind, wohl doch zu gut. Und auch im Buchmarkt sieht es nicht schlecht aus. Damit will der Traditionshersteller in Zukunft weiter erfolgreich sein. Er hofft auf die schönen Erinnerungen der Kinder, die irgendwann einmal selbst Eltern werden.


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© 2014 SÜDWEST PRESSE

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Grafik: Christopher Gram
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