Vorbereitung im Panzergelände

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Hintergrund

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Der Motor der riesigen gelben Dampfwalze knarrt und stottert unrund. Dann Ruhe. Nichts geht mehr.

Unter der dunkelblauen Baseball-Kap des Reutlinger Motocross-Urgesteins Michael Garhammer bahnen sich zwischen den ergrauten Haaren mittlerweile einige Schweißperlen ihren Weg über das Gesicht. Der ehemalige Vize- Weltmeister der Disziplin „Seitenwagen“ sitzt im Steuerhaus der tonnenschweren Maschine mitten auf einem großen Hügel der Reutlinger Motocrossstrecke fest. Nach zahlreichen Versuchen, den Motor der riesigen Maschine wieder zum Laufen zu bringen, steht für den erfahrenen Motorsportler fest: Hier geht`s jetzt nicht weiter.

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Zu Beginn des Arbeitstages fällt die wichtigste Maschine aus.

Kilian Jährig

Dabei muss heute der komplette Kurs präpariert werden, damit am kommenden Wochenende die vielen Rennfahrer aus ganz Europa in ihren bunten Rennanzügen auf lauten Rennmaschinen durch die beschaulich, mitten im Grün gelegene Strecke aus Schlamm und Geröll im ehemaligen Panzergelände Reutlingen jagen können. Tage wie dieser beginnen für den ambitionierten Motorsportfan früh am Morgen. Bereits um neun Uhr parkt der schlaksige Abteilungsleiter seinen hellgrauen Geländewagen direkt neben dem Vereinsheim. In seinen ausgewaschenen Arbeiterklamotten macht er sich auf den Weg in sein kleines Büro, wo er sich auf einem abgenutzten Schreibtischstuhl niederlässt, um auf seinem mitgebrachten Laptop, dem Herzstück des improvisierten Büros, einen Blick in den Terminkalender zu werfen. Michael Garhammer lebt noch immer für seine Leidenschaft, das Motorradfahren. Und auch seine beiden Söhne Dennis und Tobias sind vom Virus Motorsport infiziert und trainieren regelmäßig im Gelände des Rad- und Motorsportclubs.

„Wer nicht fahrberechtigt ist, kann direkt wieder nach Hause gehen.“

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Größere Unebenheiten müssen bis zum kommenden Wettkampf präpariert werden.

Kilian Jährig

Ehrenamtlich ist Michael, genannt Mike, Garhammer, der Vize- Weltmeister von 1991, zu fast jedem Training an der Strecke und kontrolliert gewissenhaft, ob die ankommenden Fahrer rechtens versichert und fahrberechtigt sind. Er erklärt: „In diesen Fragen bin ich wirklich streng, wer nicht die nötigen Auflagen besitzt, kann direkt wieder nach Hause gehen.“ Und der erfahrene Motocrosser weiß genau, wovon er redet, denn in den vielen Jahren, die er den Sport begleitet, sind immer wieder Unfälle auf der Strecke passiert: manche harmlos, andere gingen übel aus. Er selbst stürzte mit seiner Rennmaschine vor sieben Jahren beim Abfahren der für einen Wettkampf präparierten Strecke nach einer hohen Rampe und „flog kopfüber nach vorne über den Lenker seiner Maschine und blieb reglos auf der Strecke liegen“, wie der Platzwart des Vereins erzählt. Man sieht ihm an, dass er sich noch zu genau an den damaligen „Horrorcrash“ erinnert. Warum der tragische Unfall passierte, weiß der erfahrene Fahrer selbst nicht genau: „Ich bin die komplette Strecke zur Kontrolle vor einem Wettkampf abgefahren – wie sonst auch. Ich war langsam unterwegs, alles war normal, bis zum letzten Hügel, an dem meine Maschine ins Straucheln geriet. Ab dem Moment bekam ich nichts mehr mit,“ erzählt der 59-Jährige gefasst. Und genau deshalb ist es für den Abteilungsleiter des 1. RMC besonders wichtig, den Fahrern für das Rennwochenende eine optimal präparierte Strecke zur Verfügung zu stellen.

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Zusammen wird sich an Werk gemacht, um die Walze wieder zum Laufen zu bringen.

Kilian Jährig

Denn nur so kann die höchstmögliche Sicherheit für die Motorradfahrer gewährleistet werden, erklärt der erfahrene Motorsportler. Große Schlaglöcher oder tief in das Gelände eingefahrene Rillen in der Strecke müssen bis dann mit der Planierraupe aus dem Boden entfernt werden. Also schnappt sich Mike Nachwuchsrennfahrer Tim, der mittlerweile am Clubhaus des 1.RMC zum Helfen angekommen ist. Drei große Kanister Treibstoff werden aus dem alten Geräteschuppen aus dunklem Holz geholt. Neben diversen alten Straßenschildern mit Aufschriften wie „Hauptbahnhof“, mehreren Werbeplakaten und bunten Hütchen, stehen im geräumigen Schuppen zahlreiche Klappleitern und sogar ein Kinderfahrrad. Ohne viele Worte zu verlieren werden die schweren Kanister aus Eisen, in eine etwas in die Jahre gekommene Schubkarre gehoben.

Trotz Verzögerung der Vorbereitungsarbeiten behält der erfahrene Motorsportler die Nerven.

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Schnell und geschickt klettert der Motorsportler in das Steuerhaus der Maschine.

Kilian Jährig

Seine jahrelange Routine hilft ihm, auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und seine Helfer sachlich und stets freundlich zu instruieren. Leicht vornüber gebeugt macht sich der Abteilungsleiter auf den Weg in Richtung Raupe, die noch immer auf der Strecke feststeckt. Sein eines Bein kann der Motorsportliebhaber seit seinem schweren Sturz vor sieben Jahren nur noch eingeschränkt bewegen. Das hält den Vollblut-Motorsportfan jedoch nicht davon ab, querfeldein über die hügelige Motocross-Strecke zu laufen, um anschließend behände in das eineinhalb Meter über dem Boden befindliche Cockpit der Dampfwalze zu klettern. Mit vereinten Kräften und schmerzverzerrten Gesichtern werden die vollen Kanister hinaufgehoben, um das „flüssige Gold“ durch
einen Trichter in den leeren Tank der Maschine laufen zu lassen.

 

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Kilian Jährig

Als das beeindruckende Gefährt nach zahlreichen Versuchen endlich wieder ein tiefes Brummen von sich gibt, fährt der Abteilungsleiter mit der Maschine einige der spektakulärsten Passagen der Strecke ab. Selbst im höchsten Hang der Piste mit beeindruckender Steigung, wirkt er ruhig und konzentriert, manövriert das gelbe Ungetüm sicher und gekonnt, geschickt und geschmeidig durch das unwegsame Gelände, bestehend aus durch Erdanhäufungen aufgeschüttete Steilkurven, sowie zahlreiche Rampen und Hindernisse, die das Rennen am Wochenende anspruchsvoll und für den Zuschauer spektakulär und spannend machen werden.

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Kilian Jährig

Derweil arbeitet neben der Strecke ein bunt gemischter Trupp aus Jung- und Alt daran, die wild wuchernden Büsche, Gräser und Sträucher, die rund um die Strecke herum wachsen soweit unter Kontrolle zu bringen, dass die Zuschauer am kommenden Wochenende auch vom Streckenrand optimale Blicke auf das Renngeschehen erhaschen können. Über das gesamte Gelände verteilt befinden sich mittlerweile rund 20 Mitglieder und langjährige Freunde des Vereins, die ihren Verein an diesem Samstag unterstützen. Es werden Streckenposten rund um die Strecke verteilt und Holzpfähle für Markierungen in den Boden gerammt.

Als gegen Nachmittag große Wolkentürme über die Strecke ziehen, ist ein Großteil der Arbeiten erledigt.

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Kilian Jährig

Erschöpft von der anstrengenden körperlichen Arbeit an einem schwülen Sommertag wie diesem, finden sich Mike und seine langjährigen Weggefährten an den Biertischen vor dem vereinseigenem Clubhaus ein. In lockerer Atmosphäre wird sich über die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche unterhalten, und auf die vollbrachte Arbeit an diesem Wochenende angestoßen. Als sich gegen Spätnachmittag erste sintflutartige Regenschauer über das Motocross- Gelände ergießen, wird der Vorbereitungstag für beendet erklärt. Gemeinsam werden die Daumen gedrückt, dass in wenigen Tagen starke Regenschauer wie heute ausbleiben mögen, damit auch dieses Jahr wieder zahlreiche motorsportbegeisterte Zuschauer und Fans den Weg an die Strecke finden, wenn es im Panzergelände Reutlingen zum 54.Mal heißt:… ready, …set, …go!

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