Eine schrecklich schnelle Familie

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Hintergrund

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Mitche knetet die Hände. Max beißt sich nervös auf die Lippe. Beide spannen jeden Muskel an. Stille am Streckenrand. Nur das leise Surren der Motoren ist zu hören. Wenige Sekunden bis zum Start, gleich geht es los.

Wie bei jedem Rennen fiebern die Mechaniker Michael, genannt Mitche, und Max Röcker ihrem Fahrer Simon Röcker hinterher. Sie haben sich auf dem nächstgelegenen Hügel platziert und blicken in Richtung Start. An einem Motocross-Wochenende wie diesem bedeutet das für Fahrer und deren Teams eine Mischung aus Nervenkitzel und sportlicher Höchstleistung. Vorausgesetzt Simon schafft die Qualifikationsläufe und darf mit weiteren 40 Mitstreitern starten, bleiben ihm dann im Rennen gerade mal 30 Minuten Zeit, um alles aus sich raus zu holen. Da herrscht große Anspannung, auch bei den Mechanikern. „Am Start, wenn die Drehzahlen der Motocross-Räder hochgefahren werden ist das Adrenalin und Stress pur. Da explodiert man fast“, erläutert Mitche seine Gefühle beim Wettkampf. Vor dem Rennen gibt es noch einen letzten Check des Motorrads, doch dann liegt es am Fahrer und am Material, ob es hält. Bei der kurzen Renndauer wäre eine Reparatur nicht möglich beziehungsweise würde viel zu lang dauern.

Die Hände bleiben sauber

Jede Woche pflegt das Trio seine Motorräder und repariert die Schäden des vergangenen Einsatzes.

Der Keller des Hauses auf der Schwäbischen Alb ist eine große Motorradwerkstatt, in der in verschiedenen Räumen getüftelt und geschraubt wird. Von der Garage führt ein kurzer Aufzug in die unterste Etage, mit dem sie ihre Motorräder nach unten schaffen. Auch einen Raum zur eigenen Werkzeugherstellung gibt es.
Die lange Werkbank, daneben das große Regal und der bewegliche Werkzeugschrank. Geordnete Kistchen mit sortierten Kleinteilen und Schrauben. Kaum Tageslicht fällt in den Raum. Alles ist ausgeleuchtet mit hellen Strahlern. Überall an den Wänden hängen Bilder, alte Startnummern, Sponsorenbanner und ein Kalender mit leicht bekleideten Frauen. Ein kleiner Holzofen wärmt die kalten Fliesen auf dem Fußboden. Die drei Motorräder sind aufgebaut.

Hier wird die Hauptarbeit von Vater Mitche und Bruder Max geleistet. Mit den insgesamt drei Motocross-Bikes und den beiden Straßenmotorrädern, gibt es für die beiden genügend Material, um einen Nachmittag damit zu füllen. Konzentriert machen sie sich an die Arbeit. Mitche lugt immer wieder über seine eckige Brille. Seine Stirn runzelt sich in Falten. Er fokussiert die Teile. Die Finger von Max sind ganz weiß von dem Druck, den er ausübt. Im Gesicht ist er meistens entspannt. Manchmal kneift er die Augen zusammen. Neben den Klängen aus dem Radio klackert und knirscht das Werkzeug auf dem Material. Mitche pfeift leise die Lieder mit. Nur wenig wird geredet, sie verstehen sich auch so. Und wenn, dann witzeln sie über den Abstieg des VfB.

Nachdem das Motorrad Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt wurde, wird alles penibel gereinigt, überprüft und repariert. Vom Lenker über die Gabel bis hin zum Motor schafft sich das Vater-Sohn-Gespann von Motorrad zu Motorrad durch. Eine ruhige Hand braucht man da, denn nicht selten ist es ganz schöne Maßarbeit, die gefordert ist.

Entgegen jeglichem Klischee von Mechanikern, bleiben die Hände dabei annähernd sauber, denn mit einem dreckigen Motorrad kann keiner arbeiten und Flüssigkeiten werden nur präzise und in passenden Mengen verwendet.

Nachdem das Motorrad zusammengebaut ist und die letzten Schrauben wieder festgezogen sind, wird noch ein letzter Motorencheck durchgeführt. Das ist für einen Mechaniker einer der entscheidenden Momente. Funktioniert alles so wie es sollte? Der Motor heult auf und füllt den Raum mit Benzingeruch. Die Maschine qualmt, was aber auf das überschüssige Öl zurückzuführen ist. Die beiden Mechaniker sind erleichtert und Stolz zugleich, ihren Job erfolgreich erledigt zu haben.

Eine Familie, eine Sucht

Das Motorradfahren war bei den Röckers schon immer ein Thema.

Die Begeisterung zieht sich durch Generationen und genauso wie Max und Simon, ist Michael mit dem Motorrad groß geworden. Auch sein Vater war leidenschaftlicher Fahrer und so führte eins zum anderen.

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Schon als kleine Jungs interessierten sich Max und Simon für Motorräder.

Max Röcker

Gemeinsam mit seiner Frau Ute, packte Michael ihre beiden Söhne schon als Kleinkinder in den Kindersitz der Maschinen und sie unternahmen Ausfahrten und Ausflüge. Später standen dann die Jungs zusammen mit Ute in der Box und begleiteten ihren Vater regelmäßig zum Training. Klar, dass es da die Beiden kaum erwarten konnten selber mit dem Motocross und Moped fahren anzufangen. Den älteren Bruder Max, reizte der Nervenkitzel vom Rennen fahren jedoch nie, wobei Simon das Fieber schon mit gerademal vierzehn Jahren packte. Das Schrauben an den Motorrädern lernte sich dabei fast wie von selbst. Vor allem Mitche ist stolz auf seine Enduro-Vergangenheit. Zusammen mit einem Kumpel bestritt er extreme Rennen in Spanien oder auch Australien, die mehrere Stunden dauern und über technisch anspruchsvolle Strecken laufen. Mit der Familie verblasste der Reiz, sich selbst solch risikoreichem Sport auszusetzen.

Denn Verletzungen stehen bei Motorrad-Wettkämpfen an der Tagesordnung. Ungefähr 26 Knochenbrüche kann Mitche in seiner Karriere verzeichnen. Da ist es ja fast ein Wunder, dass er da noch aufrecht stehen kann. Natürlich sind das nicht immer nur harmlose Stürze. Gefährliche innere- oder Hirnverletzungen bleiben nicht aus.

,,Für mich selber war es eigentlich immer klar, dass ich wieder Motorrad fahren werde.“

Nicht selten hing es dabei an Ute, ihre Familie daran zu erinnern, dass die Gesundheit vor dem Sport steht. Nach schweren Stürzen waren Motocross-Rennen in der Familie zweitweise tabu. Damit ganz aufzuhören, war jedoch nie eine Option. „Für mich selber war es eigentlich immer klar, dass ich wieder Motorrad fahren werde. Auch nach meinem schweren Sturz 2011. Doch man überlegt sich das natürlich schon zweimal, auch wegen der Sorgen, die ich damit meiner Familie bereite. Doch mit dem Motorrad fahren aufzuhören, würde nicht nur bedeuten sein Hobby aufzugeben, sondern man verliert auch viele Freunde, mit denen man schon seit etlichen Jahren zusammen unterwegs ist“, erklärt Simon. „Es ist wie eine Sucht“, ergänzt sein Vater.

Beim Rennen muss alles sitzen!

Ganz nach dem Motto „Pokal oder Spital“ geht es dann beinahe jedes Wochenende zum Wettkampf oder Training. Dabei weicht die Familie regelmäßig auf Frankreich oder Italien aus, da in Deutschland und in nächster Nähe die Konditionen zum Motocross fahren nicht perfekt sind.

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Das Fahrerlager liegt direkt neben der Rennstrecke.

Anke Schmid

Nachdem die Motorräder und das restliche Material sorgfältig in den Wohnwagen gepackt sind, machen sich die Drei auf den Weg in Richtung Riedseltz im Elsass. Dort angekommen, beeilen sie sich mit dem Aufbau, denn es dämmert schon. Der Campingplatz liegt direkt neben der Strecke. Auch jetzt, trainieren Fahrer noch auf der Strecke und das Surren der Motoren ihrer Motocross-Maschinen ist zu hören.

Am nächsten Morgen, nach einer Tasse Kaffee als Wachmacher geht es zur technischen Abnahme der Crossmaschine. Dort werden von der Rennleitung Details erfasst, um die Renntauglichkeit zu prüfen.

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Simon ist bereit für das Rennen.

Simon Röcker

Bevor es für Simon dann auf die Strecke geht, checkt sein Vater noch ein letztes Mal das Sportgerät durch. Bremsen, Schaltung, Antrieb: alles muss sitzen. Nur noch volltanken, das Motorrad warmlaufen lassen und Simon kann zu seinen Qualifikationsläufen fahren. Ein paar letzte Tipps von Vater Mitche. Mit den Zurufen „Viel Glück“ und „Du packst das“ fährt er weg. Die Anspannung der beiden Mechaniker ist groß, denn wenn in der Qualifikation etwas schiefgeht, ist der Renntag schon nach der ersten Phase vorbei. Doch Simon schafft es unter die ersten 40 Fahrer. Die Technik hält und die Schrauber sind erleichtert.

Max steht im Ziel schon mit Getränken bereit, während sich Mitche sogleich das Motorrad schnappt und sich auf ins Fahrerlager am Campingplatz macht, um das Sportgerät wieder in Topform zu kriegen. Es bleibt nicht viel Zeit zu den Hauptläufen. Zum Glück steht keine größere Reparatur an. Dennoch ist der zeitliche Druck groß. Dieselbe Prozedur von vorn: Bremsen, Schaltung, Antrieb. Alles läuft. Der Schweiß tropft dem Schrauber von der Stirn und vermischt sich mit dem Öl, mit dem er nachjustiert. Nur noch volltanken, das Motorrad warmlaufen lassen und Simon kann zu seinen Hauptläufen fahren.

Zurück auf dem Hügel. Vater Mitche weiß genau, dass Simon heute wieder an sein Limit gehen wird. Die Konkurrenz und der Ehrgeiz sind groß. Schuss. Start. Die Fahrer preschen vorbei. In der ersten Kurve kommen einige im wirren Trubel zu Fall und reißen weitere Teilnehmer mit. Die beiden Mechaniker starren wie gebannt auf die blickdichte Staubwolke, in der man kaum erkennen kann, wer beim Sturz beteiligt war. Simon ist ohne Probleme durchgekommen. Ein erstes erleichtertes Aufschnaufen von Vater und Bruder ist zu hören.

Bis zur vorletzten Runde scheint alles glatt zu laufen, doch dann hat Simon Probleme mit dem Gasgriff. Für die beiden Mechaniker sind es quälende Minuten. Sie können nur tatenlos zuschauen und sich fragen, was wohl das Problem ist. Doch er schafft es ins Ziel. Auf einem guten neunten Platz rollt Simon über die Linie. Erleichterung, Freude, Stolz. Die Drei fallen sich in die Arme und klatschen sich ab. Es kann gefeiert werden, bevor es am nächsten Tag wieder in Richtung Heimat geht. Für Mitche, Max und Simon war es ein erfolgreiches Rennen. Doch nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Am nächsten Tag wartet schon wieder die Arbeit, denn der Gasgriff repariert sich schließlich nicht von selbst.

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