Die heilenden Hände der Tigers

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Hintergrund

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„Just take it and say thanks! – Nimm‘s einfach und bedank‘ dich!“

Sagt Jared Jordan in seinem amerikanischen Slang und drückt Diana Fröschke zwei Umschläge in die Hand. Die Tübinger Physiotherapeutin ist sprachlos und stammelt ein „You can’t do that – Das kannst du doch nicht machen“ vor sich hin. Trotzdem lächelt sie, denn ihr Patient, einer der Tübinger Profibasketballer, hat ihr gerade vor dem letzten Saisonspiel ein Geschenk gemacht. Auf die Frage, warum er seiner Therapeutin, die er gerade einmal ein halbes Jahr kennt, etwas schenkt, antwortet der Basketballer mit einem Schulterzucken nur: „Without Diana I couldn’t have played some of the games – Ohne Diana hätte ich ein paar Spiele nicht mitspielen können.“ Als wäre das selbstverständlich. In Wahrheit ist es das aber nicht. In den 13 Jahren, in denen die 40-Jährige offizielle und alleinige Physiotherapeutin der Mannschaft ist, sei das noch nie vorgekommen. Sicherlich hat sie ab und an auf den Auswärtsfahrten ein Getränk spendiert bekommen, aber ein richtiges Geschenk? Das gab es noch nie.

Seit 13 Jahren behandelt die hochgewachsene Fröschke nun schon die Basketballer der Walter Tigers.

,,Socken habe ich nun wirklich nicht dabei.“

Sie ist damit länger dabei als jeder derzeitige Spieler, länger dabei als der Trainer und sogar länger dabei als der Geschäftsführer des Vereins. Trotzdem ist sie nicht fest beim Verein angestellt, sondern führt in der Tübinger Wilhelmstraße eine Praxis für Privatpatienten. Mitarbeiter, die ihr Arbeit abnehmen, hat sie derzeit noch keine. Aber für die ehemalige Rhythmische Sportgymnastin ist das Ganze eine Herzensangelegenheit. Hochrechnen, was der Stundenlohn für eine Fahrt zum Auswärtsspiel ist, darf man natürlich nicht. Ohnehin redet sie nicht gerne übers Geld. So werden den Basketballern zwischen Oktober und Mai täglich vier Termine à 30 Minuten zur Verfügung gestellt. Wenn nach akuten Verletzungen oder Notfällen mehr Termine gebraucht werden, muss im Terminkalender gebastelt werden, denn Fröschkes Praxis, die sich ein Haus mit den Teamärzten des Basketballvereins teilt, hat zurzeit eine Warteliste von zwei Monaten.

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Bei den Basketballern sind die Knie und Knöchel besonders verletzungsanfällig und müssen dementsprechend oft behandelt werden.

M. Tischler

Der normale Arbeitstag im OCC, wie das Ärztezentrum heißt, in dem die Tübingerin Spitzensportler wie Normalos durchknetet, beginnt drei Mal die Woche um 6:15 Uhr, 45 Minuten bevor der erste Patient die schlichten weißen Räume betritt. Zweimal wöchentlich macht die Praxis erst um 10:30 Uhr auf, hat dafür aber bis 20:30 Uhr geöffnet. Dazwischen wird im Halb-Stunden-Rhythmus behandelt.

Nicht ganz so geregelt geht es an einem Spieltag zu. Ist das Spiel auswärts, muss erst angereist werden. Je nach Distanz zum gegnerischen Team auch mal am Tag davor.  Vor Ort werden jeweils sechs oder sieben Spieler in zwei Blöcken hintereinander aufs Spiel vorbereitet. Zwei Stunden vor dem Spiel beginnt für die Physiotherapeutin dann der stressigste Teil: Das Tapen der Füße. In dieser Saison ganze 18 Stück innerhalb etwas mehr als einer Stunde und das vor jedem Einzelnen der 34 Spiele. Dafür hat sie einen eigenen Rucksack dabei: Randvoll mit Tape. Denn pro Fuß geht öfter eine ganze Rolle drauf: Dazu setzt Fröschke die Rolle über dem Knöchel an. Wickelt das Tape mehrmals um ihn herum, geht dann zum ersten Mal über den Fuß. Dort geht das Spiel von vorne los. Mehrmals kreist die Rolle um den Fuß, wieder ums Sprunggelenk und um den Knöchel. Den Abschluss machen festere Streifen Klebeband ganz oben und ganz unten am Tape-Verband, um das Ganze stabil zu halten.

„Danach ist mein Job im Optimalfall getan“, erzählt Fröschke. Wenn alles glatt geht, fiebert sie 60 Minuten lang von der Auswechselbank aus den Tigers mit, wenn sich jedoch einer der Spieler verletzt, muss alles ganz schnell gehen.

Den Druck, vor gefüllter Halle die bestmögliche Leistung abzurufen, kennt die dreimalige Deutsche Meisterin jedoch zu Genüge.

Als Rhythmische Sportgymnastin schaffte sie es mit der Gruppe in die deutsche Nationalmannschaft und bei der Weltmeisterschaft 1992 in Brüssel bis auf den fünften Platz. Mit 13 Jahren verließ sie deshalb das Tübinger Elternhaus in Richtung Fellbach-Schmiden und dem dortigen Olympia-Stützpunkt. Wenig später zog sie weiter ins Sportinternat nach Wattenscheid bei Bochum, um dort mit der Nationalmannschaft zu trainieren. Noch vor dem Abitur ging es für Fröschke wieder nach Tübingen, wo sie dann auch ihr Physiotherapie-Staatsexamen ablegte. Und auch wenn sie sich heute durch die Behandlungsräume bewegt sieht man ihr ihre sportliche Vergangenheit mit den grazilen Bewegungen an.

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Manchmal muss Fröschke auch zu rabiaten Methoden wie dem Ellenbogen greifen.

M. Tischler

Aber sie kann auch ganz anders. Mit dem Ellenbogen tief in den unteren Rücken eines ihrer Basketballers gegraben, legt Fröschke ihr komplettes Körpergewicht auf den Druckpunkt. Ihr Patient Nick vergräbt sein Gesicht im Behandlungstisch, stöhnt alle paar Sekunden gequält auf. Einer seiner Teamkollegen, Will,  ist zu früh zu seinem Termin gekommen und steht nun daneben. Der „Zuschauer“ lacht seinen Kameraden schonungslos aus, und bringt mit seinen Kommentaren auch „Quälerin“ Fröschke zum Losprusten. Mit zusammengekniffenen Augen muss sie lachend den Druck vom Rücken des erleichterten Nick nehmen. Dessen Mitspieler Will hat sich allerdings zu früh gefreut, denn die Therapeutin legt wenig später Hand an sein Knie an. Und bringt ihn auch ohne kompletten Körpereinsatz mit nur einem Finger zum Quieken.

Mit dabei hat die Physiotherapeutin bei jedem Spiel ihren Behandlungskoffer.

Von außen eher unscheinbar, birgt der schwarze Koffer mit dem Werbeaufdruck ihres Gemeinschaftsärztehauses OCC ein enormes Sammelsurium an medizinischen Utensilien. Angefangen bei den obligatorischen Tape-Rollen in den verschiedensten Ausführungen, geht der Inhalt der „sehr sehr ausführlichen Reiseapotheke“, wie die Physiotherapeutin ihr ziemlich schweres Köfferlein nennt, über Sicherheitsnadeln, Pflaster, Wärme- oder Kältesalben und Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu allerlei Medikamenten.

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Der Behandlungskoffer ist nur ein kleiner Teil von Fröschkes Spieltagsausrüstung.

M. Tischler

Die Tabletten sind dabei mit den Teamärzten hinsichtlich Dopingliste und Verträglichkeit der Spieler abgeklärt. Einmal sei sie von einem Spieler sogar nach Socken gefragt worden. „Aber Socken habe ich nun wirklich nicht in meinem Koffer“ erzählt Fröschke und schiebt sogleich einen ihrer ansteckenden Lacher hinterher. Auffallend bunt stechen außerdem verschiedenfarbige runde Bonbons heraus, die lose in einer durchsichtigen Tasche im Kofferdeckel herumkugeln. „Die sind das Allerwichtigste im Koffer, während dem Spiel als Zuckerquelle und wenn es gut lief, dann ist ein Bonbon in der selben Farbe vor dem nächsten Spiel ein Muss bei manchen Spielern“, sagt Fröschke und hat dazu gleich eine Geschichte parat: Beim Auswärtsspiel in Berlin tippte ihr plötzlich das Maskottchen des Gegners, ALBA Berlin, ein Albatros auf die Schulter und fragte, ob er bitte ein Bonbon haben könne.

Seit Juli wird aus dem Ein-Frau-Betrieb ein Zwei-Frauen-Betrieb, dann wird nämlich eine zweite Therapeutin eingestellt, die auch in die Betreuung der Basketballer miteinsteigen wird. Nach 13 Jahren, die sie auf sich allein gestellt war, hat sich Diana Fröschke zwei helfende Hände mehr als verdient.

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