Volle Pulle hinter den Kulissen

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Hintergrund

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Volle steht die Wärme ins Gesicht geschrieben. Schweißtropfen, die sich auf seiner Stirn abbilden, zeigen schon früh, dass dieser Tag nicht ganz stressfrei an ihm vorbei gehen wird.

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Zunächst baut Volle das Stativ auf

Theresa Oertelt

Der 43-jährige verlegt Kabel, um das Stativ gleich aufbauen zu können. „Das muss später alles stimmen, wir sind verpflichtet, die Spiele zu filmen. Ich hoffe, es findet sich nachher jemand, der die Aufgabe übernimmt, ansonsten mach’s halt doch ich“ erklärt Volle, dessen bürgerlicher Name Volker Schulz ist, keuchend und kniend. Nachdem die Kamera eingestellt ist, packt sich der zweifache Familienvater zwei riesige Kartons und eilt damit hinunter auf den Hallenboden.

Nürtingen, Theodor-Eisenlohr-Halle: Das letzte Heimspiel der TG Nürtingen, die in der zweiten Handball-Bundesliga spielt, steht an. Volle, der sportliche Leiter der Mannschaft, kam bereits drei Stunden vor Anpfiff voll bepackt in die Halle. Ohne große Schwätzchen zu halten, macht er sich sofort an die Arbeit auf der Tribüne. Schnell und routiniert packt Volle nun die Banden aus. Wischt erst, damit es später keine Probleme mit der Festigkeit des Klebebandes gibt, und bringt sie dann mithilfe eines anderen Helfers auf dem Boden an.

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Wischen, kleben und wieder wischen

Theresa Oertelt

Wenn die Schere nicht in der Nähe ist, beißt der studierte Architekt das Klebeband kurzerhand ab. Kein Schritt ist langsam, alles geübt, keine Tätigkeit wird unnötig in die Länge gezogen, denn der Zeitplan verlangt es. Wieder robbt er auf dem Boden herum. Ein anderes Handballwerbeplakat, das Volle zugesandt wurde, muss noch am Eingang aufgehängt werden. Mithilfe des Trainers der Mannschaft wird auch dieses in Sekunden, aber trotzdem zentimetergenau, am Eingang angebracht. „Ach,und die Flyer muss ich jetzt auch noch auslegen – nur Altpapier dieses Zeug. Hätte man uns vielleicht auch früher zusenden können, oder?“, lautet sein Kommentar, während er sie akkurat am Eingang auslegt.

Bei der TG Nürtingen in der D-Jugend begann einst Volles eigene Karriere. Zwischenzeitlich wechselte er nach Esslingen, um in einer höheren Liga zu spielen.

,,Zweite Liga? Das ist möglich und ich werde dafür sorgen.“

Der Liebe wegen kam er zurück zum Heimatverein. Dann begann seine Trainerkarriere. Anfangs coachte Volle die zweite Frauenmannschaft. Schon nach einer Saison wechselte er zu den Männern, in die Erste als Co-Trainer, leitete diese vier Jahre lang mit an. Nach einem Jahr Pause stieg er wieder ein, diesmal bei der ersten Frauenmannschaft, die damals in der dritten Liga spielte. Und eines Abends im November 2014  saß er mit Cheftrainer Stefan Eidt auf einer Terrasse und der mögliche Aufstieg in die zweite Liga wurde Thema. Neben der Freude kamen unzählige Aufgaben auf das Team und den Verein zu. Ein Konzept musste her. Der Etat musste verdreifacht werden. Volle beschloss an diesem Abend: „Das ist möglich. Wir schaffen das und ich werde dafür sorgen.“ Er machte sich die vielen neuen Aufgaben zu seinen eigenen persönlichen Herausforderungen, wobei er von der Sponsoren- und Spielerinnensuche über die Berichterstattung bis zur Homepagepflege alles und noch einiges mehr übernahm. So kam es, dass er in die Abteilungsleitung des Vereins gewählt wurde und die Umstände ihn vom Co-Trainer zum sportlichen Leiter der Mannschaft machten. Vieles erledigt er Freitagnachmittags, denn hauptberuflich ist er bei der Stadt Ostfildern im öffentlichen Dienst angestellt.

Seinen Lohn für die Vereinsarbeit bestimmt er selbst, da er Herr der Finanzen ist. „Natürlich entlohne ich mich nicht besonders, denn das ist Geld, welches man in der Mannschaft dringend gebrauchen kann.“ Private Urlaube werden selbstverständlich an den Spielplan angepasst. Den erforderlichen Rückhalt garantiert ihm seine Frau, die selbst lange Handball auf Leistungsniveau spielte und das nötige Verständnis besitzt. Die Verantwortlichen sind sich einig: „Egal ob wir immer einer Meinung sind oder nicht, ohne Volle wären wir nicht in der zweiten Liga.“

In neuem T-Shirt, nun mit Vereinslogo, steht er am Eingang und bekämpft Durst und Schweißperlen auf der Stirn mit einer kühlen Cola, die innerhalb von drei Schlücken leer ist.

Die Abteilungsvorsitzende Bettina Schreitmüller kommt auf ihn zu: „Volle, machst du die Verabschiedung?“ Er antwortet:„Ja, kann ich machen, aber mit dir zusammen. Letztes Mal musste ich ins Mikro schwätzen.“ Der Mittelpunkt ist nicht seine Lieblingsposition. Kaum ist sie weg, fragt ihn ein Sponsor: „Du, wie läuft das denn heute Abend mit der Saisonabschlussfeier?“ Volle antwortet freundlich:„Wir haben die Brennbar gemietet.“ Danach spricht er länger über Organisatorisches. „Die Sponsoren sind so wichtig. In den Pausen bei den Spielen und davor oder danach führe ich immer Gespräche mit Ihnen“, erklärt er seinen sehr bedachten Umgang mit den Unterstützern des Vereins. Kaum ist das letzte Gespräch beendet, spricht ihn ein Fan auf die letzte anstehende Auswärtsfahrt an und möchte mit. Auch dies managt er. Und wenn die Fahrten nicht zu lang sind und kein Bus gemietet wird, dann fährt selbstverständlich Volle, das Mädchen für alles.

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...an die Fans für ihre Unterstützung

Theresa Oertelt

Eine Cheerleadergruppe kommt in die Halle gelaufen, Volle erklärt wann sie aufzutreten haben und wo sie sich aufhalten sollen. „Hab ich spontan organisiert, für ein bisschen Stimmung in den Pausen“, merkt er an, als er die fragenden Gesichter seiner Vereinskollegen entdeckt. Die Halle füllt sich, es wird immer lauter und enger. Der Co-Trainer der Mannschaft kommt auf den Tausendsassa zugelaufen: „Du, heute ist ja Abschluss, wir müssen da Buchstaben hoch halten, die ein „Danke“ zeigen, die Spielerinnen haben das gebastelt.“ Volle entgegnet: „Kann ich machen, aber ich muss dann schnell wieder hoch, filme heute wieder.“ Die Nervosität der Fans, der Trainer und der Spielerinnen ist spürbar. Der in Neuhausen auf den Fildern wohnhafte sportliche Leiter hat keine Zeit für Anspannung und scheint ausschließlich konzentriert zu sein. Immer wieder der Blick über die Tribüne, er verschafft sich einen Überblick. Dann joggt Volle auch schon los nach unten. Er nimmt einen Teil des Plakats, stellt sich verlegen zwischen die Physiotherapeutin und den Trainer mit seinem „A“ für Danke, belächelt die Aktion ein wenig und hetzt noch schneller nach oben zum Platz an der Kamera.

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Der Platz hinter der Kamera

Theresa Oertelt

Er schaut das Spiel durch den Bildschirm der Videokamera an. Kein einziger Kommentar, kein Ruf während der gesamten 60 Minuten Spielzeit von ihm in Richtung Mannschaft. Er schaut sich das Spiel im Stillen an. Ab und zu klatscht er aber – und dann laut. Denn innerlich  fiebert, leidet und freut er sich genauso wie die TG-Fans, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so offensichtlich ist. Der starre Blick und die stützende Hand am Kopf aber lassen dennoch eine leichte Aufregung erahnen. „Das Filmen ist eine Tätigkeit, die würde ich gerne abgeben. Früher haben das die Jugendmannschaften gemacht“, trotzdem hat er sich den gesamten Abend über kein einziges Mal bei seinen Vereinskollegen darüber beschwert. Sponsoren kommen in der Halbzeit auf ihn zu gestürmt, er unterhält sich, diskutiert mit Ihnen über die erste Halbzeit.

Nach dem Schlusspfiff bebt die Halle. Der Sieg wird bejubelt und Volle dreht sich sichtlich entspannt um und sagt: „Ein wirklich, wirklich schönes Spiel.“ Zufriedenheit, Erleichterung und Freude drücken sich in seinem Gesicht durch ein bis dahin seltenem Lächeln aus. Sofort baut er die Kamera samt Equipment ab, der Chip darin muss noch abgegeben werden. Aufgrund des letzten Heimspiels dieser Saison bedankt sich die Mannschaft bei vielen Helfern. „Für seine selbstlose Arbeit und das unermessliche Engagement“ auch bei Volle. Ein kurzer Dank, aber er bringt es wohl auf den Punkt.

Nachdem es nun für Spielerinnen und Trainer sowie die Helfer an Kassen, Verkauf und Sektbar langsam ruhig wird, weil sich die Saison dem Ende neigt, geht es für Volle noch mal richtig los.

,,Es macht Spaß und die Mannschaft gehört in die zweite Liga“

Er sucht in der spielfreien Zeit mit Hochdruck nach neuen Spielerinnen, hilft diesen bei der Job-, sowie Wohnungssuche, kümmert sich um Spielerverträge, wirbt zusätzliche Sponsoren an, plant die neue Saison und die Vorbereitung. Die Liste ist noch um einiges länger. „Ich mach‘ das aus zwei Gründen: Es macht mir Spaß und diese Mannschaft gehört in die zweite Liga“. Trotz allem wünscht er sich manchmal mehr Unterstützung und zweifelt dann, wenn Entscheidungen nach seiner Meinung zu kompliziert gestaltet sind und unnötig in die Länge gezogen werden. In solchen Fällen freut er sich auf ein paar sorgenfreie Tage, die auch jetzt in greifbarer Nähe sind und längerfristig außerdem auf ein privates Projekt: ein neues Auto. Unzählige Krimihörbücher wird er dort hören – eine Leidenschaft, die ungewöhnlicherweise nichts mit Handball zu tun hat.

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Volle genießt die gute Stimmung beim Saisonabschluss

Theresa Oertelt

Aber auch jetzt kann er durchschnaufen und mitfeiern. Der Klassenerhalt ist sicher, der letzte Heimsieg dieser Saison wird gefeiert. Nachdem die Halle fast leer ist und nach dem tosenden Jubel und Lärm wieder gespenstische Stille herrscht, macht sich der Volle wieder auf den Weg zu den Sponsorenplakaten und robbt ein letztes Mal an diesem Tag auf dem Hallenboden. Unsanft reißt er sie ab, packt sie kurzerhand in die Kartons, schleppt diese wieder nach oben Richtung Ausgang und lädt alles in sein Auto. Wieder in einem neuen T-Shirt, dieses Mal ein schlichtes Schwarzes, macht er sich als einer der Letzten nun auch auf den Weg zur angemieteten Bar. Die verrauchte kleine Kneipe, die heitere Stimmung und die vielen gut gelaunten Menschen entlocken Volle nach und nach herzliches Lachen und Gelassenheit. Die Schweißperlen sind verschwunden, das hektische Überblicken hat aufgehört. Ein zweites Mal zweite Liga kann kommen. Und der sportliche Leiter wird wieder hinter den Kulissen die Voraussetzungen dafür schaffen. Dabei kann man sich „Volle Pulle“ auf ihn verlassen.

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