Norwegen unter Strom

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Norwegen unter Strom

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Die Ölindustrie hat Norwegen reich gemacht, doch der Petro-Boom hat seinen Zenit bereits überschritten. Jetzt will man einer der wichtigsten Energieerzeuger Europas werden. Und das auch noch nachhaltig.

Man sagt über das Setesdal, dass es das alte Norwegen sei. Gelangt man nach Bygland, versteht man, warum das so ist: Auf der einen Seite ragen die Berge des norwegischen Inlands in die Höhe, auf der anderen Seite ist am Rande der Wälder ein See, ein Holzboot liegt wie angespült am Sandufer, dahinter stehen altertümliche Hütten. Unter ihnen eine Glashütte, ein für das alte Norwegen typisches Kunsthandwerk. Es könnte ein Bild aus einem vorigen Jahrhundert sein. Würde nicht direkt vor der Glashütte ein glänzend weißer Tesla in der Sonne strahlen und an einer futuristisch wirkenden Ladesäule mit Strom versorgt werden.

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Aufgrund der vielen Ladestationen gilt Norwegen als Tesla-Paradies.

Vergangenheit und Zukunft liegen dieser Tage nah beieinander in Norwegen. Das Land, das in den vergangenen 50 Jahren dank seiner Ölfunde zu sagenhaftem Reichtum gelangt ist, sucht einen Weg aus dem Petroleumzeitalter. Denn genauso wie sich mit Glashandwerk heute kein Geld mehr verdienen lässt, könnte es auch bald mit dem Öl gehen, befürchten viele Norweger. „Der Boom der Ölindustrie geht dem Ende entgegen“, sagt Knut Anton Mork, Chefökonom der norwegischen „Handelsbanken“. Füllte das Öl mit Preisen von über 100 US-Dollar pro Barrel lange den norwegischen Staatshaushalt, dümpelt der Wert seit Jahren bei etwa der Hälfte davon herum und ist zwischenzeitlich sogar auf unter 30 Dollar gesunken. Die Folge: 50 000 Arbeiter haben in den vergangenen drei Jahren ihren Job verloren; die Arbeitslosenquote ist, nachdem sie jahrelang unter drei Prozent lag, auf zwischenzeitlich fünf Prozentpunkte hochgeschnellt. Mittlerweile liegt sie bei 4,5. „Das wird eine Herausforderung für die norwegische Wirtschaft“, sagt Mork. „Sie muss neue Tätigkeitsfelder finden.“

Setesdal Energie und Tourismus - beides bio und regional

Eine bedeutende Rolle auf dem Weg dahin könnte der ansonsten eher als Urlaubsziel bekannten Region Setesdal zukommen: „Wir produzieren mehr Strom, als ganz Südnorwegen benötigt“, erklärt Signe Sollier. Die rothaarige 51-Jährige ist die Entwicklungsmanagerin der Region. Ihr Job ist es sozusagen, Setesdal fit für die Zukunft zu machen. Die Zukunft bedeutet dort: Tourismus und Energie. Strom könnte der neue Exportschlager Norwegens werden. Mit jener Norwegern eigenen Zurückhaltung zeigt sie auf die Ladestation vor der Glashütte und erzählt, dass die Station nicht nur von Technikern aus der Region errichtet wurde. Die Elektroautos, die hier geladen werden, würden auch ausschließlich mit Wasserkraft aus nächster Nähe versorgt. Bio und regional sozusagen.

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Bringt ihre Region voran: Signe Sollier.

Dank massiver staatlicher Förderung fahren in Norwegen inzwischen mehr als 100 000 Elektroautos herum. Beim nördlichen Nachbar macht das natürlich Sinn. Wegen seiner Größe und den unterschiedlichen Höhenlagen, kann das Land seinen Energiehunger zu nahezu hundert Prozent mit Wasserkraft befriedigen. Und hat davon mehr, als es verbrauchen kann.
Möglich geworden ist das aufgrund früherer, sehr massiver Eingriffe in die norwegische Umwelt: Der Blåsjø in Setesdal etwa, Norwegens größter Stausee, hält mit 14 Staudämmen Wasser auf einer Fläche von 82 Quadratkilometern. Das dazugehörige Pumpspeicherkraftwerk produziert mehr als 2000 Megawatt Strom. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches deutsches Atomkraftwerk generiert etwa 1500 Megawatt.

Diesen Energiereichtum möchte Norwegen nutzen, um „Batterie Europas“ zu werden, wie es allerorten heißt. Energieintensive Unternehmen aus aller Welt wie zum Beispiel aus der Hüttenindustrie prüfen derzeit, sich aufgrund der günstigen norwegischen Strompreise in Norwegen niederzulassen. „Norwegens Wettbewerbsfähigkeit liegt vor allem in seinem Energiereichtum!“ frohlockt etwa Unternehmensberater Baard Bergfald, der momentan auch Firmen aus Deutschland dabei unterstützt, wegen des Energieüberschusses in Norwegen Fuß zu fassen.

„Wir produzieren mehr Strom, als ganz Südnorwegen benötigt“ Signe Sollier, Entwicklungsmanagerin

Eine direkte Stromverbindung nach Deutschland wird das längste Land Europas ab 2020 über das Überseekabel Nordlink erhalten. Die Bundesrepublik und Norwegen wollen darüber ihren Strom aus erneuerbaren Energien austauschen. Für die deutsche Energiewende ist das 1400 Megawatt starke Kabel essentiell. „Deutschland wird mit Windrädern oder Solaranlagen oft mehr Strom produzieren, als das Land verbraucht. Wir können diesen Überschussstrom speichern, indem wir mit elektrisch betriebenen Pumpen Wasser in unsere Stauseen hinaufbefördern“, sagte das Vorstandsmitglied des norwegischen Energiekonzerns Stratkraft Steinar Bysveen der „Wirtschaftswoche“. Andersrum ließe sich bei Strommangel das Wasser wieder hinab durch die Turbinen leiten und Deutschland während Windflauten mit Strom versorgen.

Allein damit, Energiespeicher Kontinentaleuropas zu werden, lässt sich Norwegens Wohlstand allerdings wohl nicht aufrechterhalten. Seitdem der Ölpreis eingebrochen ist, übt man sich im Land deswegen in einem gewissen Aktivismus, die „Festlandindustrie“ zu fördern – in Norwegen werden so alle Branchen außerhalb des Petroleumsektors genannt. Weißbücher für eine neue Industriepolitik sind entstanden, „Industrie 4.0“ spielt eine Rolle, außerdem sollen Start-ups gefördert werden, Forschung und Industrie näher aneinander rücken. Denn Norwegens Reichtum hat eine große Schattenseite: Wegen der berühmt-berüchtigten Lohnkosten ist das Land kaum in der Lage, irgendetwas zu wettbewerbsfähigen Preisen zu produzieren. Außer Energie soll Norwegens Trumpfkarte für die Zukunft deswegen die Technologie werden.

Kristiansand Nachhaltiges High-Tech für die Welt

Verwirklicht wird dieser Anspruch bereits heute vor den Toren Kristiansands. Funken schlagen dort aus einem Hochofen, in den lavaartige Flüssigkeit gegossen wird. Die Masse ist 1500 Grad heiß, die Männer tragen dicke Schutzanzüge. Nichts macht an diesem archaischen Ort den Eindruck, dass man sich an einem High-Tech-Standort aufhält.

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Der Stoff, aus dem die High-Tech-Träume sind: Silizium.

Das Silizium aber, das man hier herstellt, wird später für die Herstellung von Satelliten, Smartphones, Elektroautos oder Solaranlagen benötigt. Das chinesisch-norwegische Unternehmen Elkem, dem die Fabrik gehört, rühmt sich damit, Silizium mit nur 25 Prozent der Energie herzustellen, die man gewöhnlicherweise dafür benötigt. „Wir haben die geringste CO2-Bilanz aller Produktionstechnologien für Solarsilizium“, sagt Forschungschefin Gro Eide. „Wir verwenden eine metallurgische Methode“, fügt sie zur Erklärung hinzu. Mehr will sie nicht verraten, bevor sie zum nächsten Termin eilt.
Norwegen hat sich mit der Effizienz seiner Industrie einen gewissen Ruhm erarbeitet. Über die petrochemische Industrie sagt man, sie sei wegen ihres niedrigen CO-2-Ausstoßes die effizienteste der Welt. Auch die Gewinnung des Öls gilt als vorbildhaft: Weil die norwegische Regierung nach den ersten Erdölfunden beschloss, „gas flaring“ – das Abbrennen überschüssigen Gases bei der Erdölförderung – zu verbieten und das Gas stattdessen ebenfalls zu nutzen, gilt auch dieser Teil der norwegischen Technologie als effizient und CO2-sparend. Dieser Effizienzgedanke soll nun Norwegens Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt sichern.

„Jeder hier weiß, dass wir unsere Ressourcen in Zukunft nicht weiterhin so verschwenden können, wie wir es heute tun.“ Lars Petter Maltby, Geschäftsführer des Eyde Clusters

Elkem ist Teil des „Eyde Clusters“, einem Zusammenschluss von Unternehmen aus der Prozessindustrie, die sich austauschen, um – man ahnt es bereits – ihre Effizienz zu steigern und so gleichzeitig ihren CO-2-Fußabdruck zu verringern. Gemeinsam arbeiten sie unter Federführung von Elkem an einer Methode, auch Abfallprodukte der Silizumherstellung wie Schlacke wiederzuverwenden. „Waste to value“ lautet das Programm.

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Lars Petter Maltby glaubt an den nachhaltigen Wandel.

„Jeder hier weiß, dass wir unsere Ressourcen in Zukunft nicht weiterhin so verschwenden können, wie wir es heute tun“, sagt Lars Petter Maltby, Geschäftsführer des Eyde Clusters. Der 55-Jährige ist sich sicher, dass Unternehmen aus solchem Engagement in Zukunft Wettbewerbsvorteile ziehen werden: „Wir bereiten uns auf eine Zeit vor, in der Konsumenten von dir erwarten, nachhaltig zu arbeiten.“

Eyde nimmt damit vorweg, was ein von der Regierung eingesetztes Expertenkommitee unter „Green Competitiveness“, „Grüner Wettbewerbsfähigkeit“, zusammengefasst hat: Norwegen will bis 2030 40 Prozent seines Emissionsausstoßes gegenüber 2005 abbauen, bis 2050 sogar „Null-Emissions-Gesellschaft“ werden. Das Papier stößt mit seinen Vorschlägen, wie dabei gleichzeitig die hohe Beschäftigung im Land beibehalten werden soll, selbst bei Umweltorganisationen wie Bellona auf Beifall. Außer bei der Herstellung von Silizium, könnte Norwegen führend in der Gewinnung von Wasserstoff, der Speicherung von CO2 oderbei elektrischen Fähren oder Schiffen werden.

„Es ist wichtig, dass in unserem Land etwas Neues passiert. Damit die Menschen hier bleiben können – und Arbeit haben.“ Inger Tone Homme, Glasbläserin

Inger Tone Homme, der die Glashütte in Bygland gehört, freut sich deswegen, dass in Norwegen Bewegung Einzug gehalten hat. Auch wenn die Besitzer der Elektroautos nur selten nach geladener Batterie noch etwas in ihrer Hütte kaufen, ist sie sich sicher. „Es ist wichtig, dass in unserem Land etwas Neues passiert“, sagt sie. „Damit die Menschen hier bleiben können und Arbeit haben.“

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