Die neue Heimat: Integration auf der Alb

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Alb im Wandel

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Auf der Flucht vor Krieg und humanitärer Not haben viele Menschen aus der ganzen Welt inzwischen Zuflucht in Deutschland gefunden.

Sie kommen sowohl in großen Städten unter, wo es eine ausreichende Infrastruktur gibt, man viele Menschen kennenlernen kann und es Sprache- und Aktivitätsangebote für die neuen Mitbürger gibt. Andere kommen in kleine Gemeinden oder in ländlichen Gegenden, wie beispielsweise der Schwäbischen Alb. Dort ist es ohne eigenes Auto manchmal schwierig und jeder kennt jeden.

Wie ist es für Einheimische, die neuen Mitbürger in ihrer Mitte aufzunehmen, sie in die Gemeinde zu integrieren? Wie ist es für die Heimatsuchenden in eine ihnen völlig unbekannte Umgebung zu kommen?

Die Geschichte einer Begegnung.

Zuflucht in einem fremden Land

Die nackten Zahlen einer der größten humanitären Krisen derzeit:

Laut UNCHR, dem Mandat der Vereinen Nationen zum Schutz von Flüchtlingen weltweit, gab es 2015 rund 63,5 Millionen Menschen, die aus ihren Ländern oder ihrem Zuhause vertrieben wurden. Rund 21,3 Millionen von ihnen galten als Flüchtlinge. Sie erhalten einen besonderen Schutz durch die Genfer Flüchtlingskonvention, den beispielsweise Binnenflüchtlinge, also Menschen, die innerhalb ihres Landes auf der Flucht sind, nicht haben. Etwa 3,2 Millionen Geflüchtete haben Asylanträge in den Ländern gestellt, in denen sie Zuflucht gefunden haben.

Allein in Deutschland wurden 2015 beinahe 477 000 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) gestellt, 2016 waren es rund 745 000. Das ist die größte Zahl an Asylanträgen, die Deutschland je verzeichnet hat. 1992, während des Balkankonflikts  waren es „nur“ 438 000 Asylanträge.

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Interaktive Grafik – Anzahl der in Deutschland gestellten Asylanträge seit 1990

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890 000 Asylsuchende kamen laut dem Bundesinnenministerium 2015 nach Deutschland, ein Jahr später waren es nur noch 280 000. Die viel größere Zahl an Asylanträgen komme daher, dass 2015 nicht alle Anträge vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bearbeitet werden konnten.

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Interaktive Grafik – Zugang an Asylbewerbern in Baden-Württemberg seit 1990

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Der sogenannte „Königsteiner Schlüssel“ legt fest, wie viele Flüchtlinge ein Bundesland aufnehmen muss. Baden-Württemberg nimmt mit Nordrhein-Westfalen und Bayern die meisten Asylsuchenden auf. Wo diese wiederum untergebracht werden, regelt in Baden-Württemberg ein dreigliedriges Aufnahmesystem: Asylbewerber kommen zunächst in die Landeserstaufnahmestellen, die LEAs. Anschließend werden sie auf die sogenannten „unteren Aufnahmebehörden“, dass heißt die Stadt- und Landkreise aufgeteilt. Nach dem Ende der vorläufigen Unterbringung werden sie auf die Gemeinden verteilt.

Gemeinden, wie beispielsweise Laichingen auf der Schwäbischen Alb.

Engagement in der Kleinstadt

Das Asylcafé in Laichingen ist an diesem Tag gut besucht:

Kinder springen umher, spielen im Garten Fußball oder Karten mit ehrenamtlichen Helfern. An einem der Tische hilft ein älterer Herr einem Jungen bei den Hausaufgaben, Eltern unterhalten sich lachend mit den anderen Erwachsenen. „Wir wollten den alten und neuen Laichingern eine Möglichkeit geben, sich zu treffen und sich kennenzulernen“, erklärt Manuela Böhringer, eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, bevor eine Frau auf sie zukommt, und sie um Hilfe bei einem Schreiben bittet. Jeden Montag verwandelt sich ein Raum im evangelischen Gemeindehaus für zwei Stunden zu einem Treffpunkt für Flüchtlinge, ehrenamtliche Helfer und interessierte Stadtbewohner.

Laichingen ist mit seinen 11 000 Einwohnern eine Kleinstadt. Dennoch bildet es zusammen mit Blaubeuren ein Mittelzentrum in der Umgebung. Mitten auf der Schwäbischen Alb gelegen, musste die Stadt wie viele andere Gemeinden Flüchtlinge bei sich aufnehmen, ihnen Unterkünfte und eine Versorgung bieten. 199 Menschen haben bis Juli 2016 hier Zuflucht gefunden. Seitdem wurden der Stadt keine weiteren Flüchtlinge zugeteilt.

„Natürlich haben die Flüchtlinge das Stadtbild verändert“, sagt Kurt Wörner. Der ehemalige Realschulrektor ist der Koordinator des Helferkreises „Laichingen für Menschen auf der Flucht und in Not“, der im Oktober 2015 gegründet wurde. Sechs Arbeitskreise wurden gebildet, darunter Soziales und Kultur, und das Asylcafé gegründet. Mit etwa 100 Laichingern startete die Arbeitsgemeinschaft seine Arbeit, inzwischen sind noch etwa 50 bis 60 aktiv.

„Das Stadtbild ist farbiger geworden“, sagt Wörner. Auf einmal gebe es es viel mehr Frauen mit Kopftüchern, man sehe dunkelhäutige Menschen und Leute, die ihre Einkaufstaschen durch die Stadt schleppen, weil sie kein Auto besitzen. „Das sind meistens die Flüchtlinge.“

Die Ehrenamtlichen sehen die Flüchtlinge als Bereicherung für die Gemeinde „Wir bekommen auch viel Unterstützung“, sagt Brigit Tegtmeyer, die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt. Als die ersten Geflüchteten in Laichingen eintrafen, habe die Volkshochschule spontan und unbürokratisch Sprachkurse organisiert. Bei Kleiderbazaren oder bei der Suche nach Fahrrädern für die Flüchtlinge spenden die Laichinger großzügig. „Plötzlich ist Laichingen eine Fahrrad-Stadt“, sagt Manfred Gast, ein Mann mit Schnauzer und freundlichen Augen, und lacht. „Wir haben vor kurzem ein Verkehrssicherheitstraining für die Kinder mit den Fahrrädern durchgeführt. Viele müssen das alles ja erst einmal lernen.“

Es sind wertvolle Freundschaften entstanden. Manuela Böhringer, Sekretärin und ehrenamtliche Helferin

Zwischen den Ehrenamtlichen und den Flüchtlingen, aber auch unter den Helfern selbst seien wertvolle Freundschaften entstanden. „Plötzlich begegnen sich Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Obwohl wir in derselben Stadt leben“, sagt Böhringer. Natürlich komme es auch zu Konflikten untereinander, wie überall, wo Menschen aufeinander treffen und miteinander arbeiten. „Die entstehen sowohl unter den Ehrenamtlichen, als auch unter den Flüchtlingen selbst“, sagt Wörner. „Da geht es dann um Dinge wie den Umgang mit Frauen und Alkoholkonsum, ethnische und religiöse Auseinandersetzungen.“

Bei manchen Themen fehle noch das Verständnis für Gepflogenheit in der neuen Heimat. „Die Abstraktion von Geld ist so eine Sache“, erzählt Tegtmeyer. „Ich meine nicht, dass die Flüchtlinge nicht damit umgehen können, aber viele von ihnen hatten noch nie mit Schecks, Abschlagszahlungen, oder dergleichen zu tun.“ In ihren Heimatländern konnten die Flüchtlinge vieles mit Bargeld erledigen. „Das sind technisch schwierige Vorgänge, bei denen die Leute Hilfe brauchen.“ Und auch jeder Deutsche würde wohl zunächst erschrecken, wenn er einen dicken Briefumschlag mit Texten im schönsten Beamtendeutsch bekommen würde.

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Video – Das Asylcafé der Gemeinde

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Wörner, Tegtmeyer, Gast, Böhringer und Hirning gehören zu den Engagierten im Ort. Wie die Sicht der restlichen Bewohner in Laichingen bezüglich der Flüchtlinge ist, können sie nur erahnen. Doch bisher haben sie kaum negative Rückmeldungen oder Kommentare mitbekommen. „Wir sind zudem nicht nur ein Helferkreis für Geflüchtete, sondern auch für andere Menschen in Not und die Hilfe benötigen.“

Was die Zukunft bringen wird, vermögen sie nicht zu sagen. „Es gibt Flüchtlinge, die ein Interesse daran haben, sich zu integrieren und hier anzukommen. Andere nicht. Vielleicht haben sie keine Vorstellung, wie es weitergehen soll, vielleicht fehlt ihnen dazu auch die Kraft.“ Dennoch sind sich die Helfer einig, dass man trotz mancher Schwierigkeiten, die es bei der Arbeit mit geflüchteten Menschen manchmal gibt, „auf einem guten Weg“ in Richtung Integration und Zusammenleben sei.

Die neue Heimat auf der Alb

Die Stufen der steilen Holztreppe knarren unter den Schritten von Karl Hirning und Nada und Habib Azank.

Die Decke der Wohnung ist niedrig, wie es in alten Bauernhäusern üblich ist. Farbenfrohe Bilder an der Wand bilden einen harmonischen Kontrast zu den dunklen Balken des Fachwerks.

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Habib und Nada Azank haben in Laichingen ein neues zu Hause gefunden

Foto: Andreas Spengler

„Meine Mutter hat hier bis 1992 gelebt“, erzählt Hirning und setzt sich in einen gemütlichen Ohrensessel. „Wir konnten das Haus renovieren und mit Nada und Habib ist wieder Leben herein gekommen. Wir haben wunderschöne Gespräche und Begegnungen, und ich freue mich, dass sie hier bei uns sind.“ Das junge syrische Paar sitzt ihm gegenüber auf dem Sofa und lächelt ihn an.

2015 kamen die 28-jährige Nada und der 30-jährige Habib in Deutschland an. Ihre Geschichte ähnelt der vieler Flüchtlinge: Sie flohen vor dem Krieg in Syrien aus ihrer Heimatstadt Latakia zunächst in den Libanon. Die Frischvermählten lebten dort zwei Jahre, bevor sie in die Türkei flogen und von dort zu Fuß nach Griechenland gingen. Drei Monate blieben sie dort, bis sie schließlich die Gelegenheit erhielten, nach Deutschland zu kommen. Doch ihr Weg führte sie nicht in den Süden, sondern zunächst einmal in den Norden von Deutschland, nach Hamburg.

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Interaktive Grafik – Die zehn häufigsten Herkunftsländer Asylsuchender in Baden-Württemberg

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„Ein Teil von Habibs Familie lebt in Holzmaden“, erzählt Nada und der Name des Dorfes fließt ihr problemlos über die Lippen. „Wir haben gefragt, ob es eine Asylantragsstelle in der Nähe gibt. Wir fuhren mit dem Bus nach Karlsruhe und sind schließlich in Laichingen angekommen.“

Dort, in der Gemeinschaftsunterkunft der Stadt, lernten sie auch Karl Hirning und seine Frau Margret kennen. Sie waren mit dem Helferkreis vor Ort. Neben Nada und Habib, die Christen sind, wohnt ein noch ein muslimisches Ehepaar mit im Haus „Wir konnten uns bei ihnen vorstellen, gemeinsam unter einem Dach zu leben“, erzählt Hirning. „Wir haben uns sehr gefreut, als wir beide Kulturen aufgenommen haben, das war uns wichtig.“

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Video – Ein neues Zuhause

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Seit April 2016 leben Nada und Habib nun schon bei den Hirnings. Dass es sie in eine eher ländliche Gegend verschlagen hat, scheint ihnen bis auf eine Sache nichts auszumachen: das Pendeln. „Ich bin jeden Tag vier Stunden unterwegs“, erzählt Habib, der eine Ausbildung als Fachinformatiker in Ulm und zusätzlich einen Integrationskurs macht. Auf Bahn und Bus angewiesen dauert der Weg zu seiner Arbeit nun mal länger. „Das ist anstrengend und schwer, und es wird noch schwerer irgendwo hinzukommen, wenn das Kind da ist“, sagt er und schaut Nada mit einem Lächeln an. Unter ihrem gestreiften Pullover wölbt sich ein kleiner Babybauch. Auch die Sprache sei noch etwas schwierig. „Schwäbisch verstehen wir gar nicht“, lacht Habib, doch Margret Hirning wirft ein „Doch! Du kannst doch sogar ein bisschen was sagen?“ – „A bissal“, sagt Habib, grinst, und alle lachen. „Aber es ist wirklich wie eine andere Sprache für uns.“

Es liegt einfach in mir drin, Liebe weiter zu geben, wo man es geben kann. Karl Hirning, ehrenamtlicher Helfer

Nada und Habib scheinen nur ein Jahr nach ihrer Ankunft bereits in der neuen Heimat angekommen zu sein: Sie besuchen beide den Integrationskurs, haben sich in die Dorfgemeinschaft eingelebt. „Wir kennen unsere Nachbarn“, erzählt Nada nicht ganz ohne Stolz. „Wir gehen mit den anderen Flüchtlingen und den Helfern grillen, und ich helfe bei Übersetzungen, wenn jemand zum Arzt muss, oder sein Kind im Kindergarten registrieren lassen will.“ Sie haben in Laichingen nie Probleme gehabt, keiner habe seltsam auf sie reagiert. „Wir haben aus anderen Städten gehört, dass es dort manchmal anders ist, aber wir haben es hier gut. Wir sind glücklich in Laichingen“, sagt Habib.

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Karl Hirning engagiert sich seit vielen Jahren für Flüchtlinge und Aussiedler.

Foto: Andreas Spengler

„Integration gelingt nur, wenn auch der Wille dazu da ist“, sagt Hirning. „Den hat aber nur jemand, der eine Vision oder eine Aussicht im neuen Land hat. Sonst ist es schwierig.“

Der ehemalige Realschullehrer Hirning hat sich schon vor 20 Jahren um Aussiedler gekümmert, die in Lachingen ankamen. „Es liegt einfach in mir drin, Liebe weiter zu geben, wo man es geben kann“, sagt er, ohne dass es pathetisch klingt. „Es ist einfach gut, wenn die Menschen in ihrer neuen Heimat erleben können, dass sie hier ein Zuhause bekommen“, sagt er. In Laichingen engagieren sich zwar einige in der Flüchtlingshilfe, „im Vergleich zur Bevölkerungszahl sind allerdings relativ wenige aktiv“, fügt er hinzu.

Hirning glaubt, dass nach wie vor viel Skepsis gegenüber Flüchtlingen in Laichingen da ist, und auch ihm falle es manchmal schwer, sich vorzustellen, wie mögliche Probleme in Zukunft bewältigt werden können. „Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin und Entscheidungen treffen muss“, sagt er. Die große Frage sei nun mal, wie sich Menschen aus anderen Kulturen am besten integrieren können. „Das Grundprinzip ist ja nicht nur fördern, sondern auch fordern. Sonst funktioniert das nicht.“

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Video – Einander helfen

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Durch die neuen Mitbürger wird sich mehr verändern, als es beispielsweise bei der Zuwanderung der Russlanddeutschen der Fall war, ist sich Hirning sicher. Die Russlanddeutschen hätten ähnlich gelebt wie die Einheimischen, hatten die gleiche Religion wie ihre Großeltern. Diese Veränderungen und der Wandel der mit den heutigen Flüchtlingen einhergehen wird, sieht Hirning als Herausforderung. Dennoch: „Die zwischenmenschlichen Beziehungen können uns sehr, sehr viel geben.“

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Text und Konzeption:
Leonie Maschke
Videos: Leonie Maschke, Andreas Spengler
Fotos: Andreas Spengler, Leonie Maschke

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