Nadelöhr zwischen den Welten

swp-logo moz-logo

25 Jahre Mauerfall

Auf Facebook empfehlen Twittern Google +1 Pin it! Impressum

Vor der Wende war Marienborn der wichtigste innerdeutsche Grenzübergang. Heute ist die Anlage eine Gedenkstätte. Als am 9. November 1989 SED-Politbüromitglied Günter Schabowski eine neue Reiseregelung verkündete, probierten in Marienborn Annemarie Reffert und ihre Tochter als erste DDR-Bürger aus, ob seine Worte stimmten.

16268478
Annemarie Reffert kehrt immer mal wieder nach Marienborn zurück (oben). Am 9. November 1989 wurde sie mit Tochter Juliane in ihrem Wartburg von wartenden Journalisten umringt.

dpa

Es ist eine historische Fahrt. Annemarie Reffert weiß es an diesem
9. November 1989 bloß noch nicht. Die Narkoseärztin im Fachkrankenhaus Vogelsang-Gommern bei Magdeburg spürt in ihrem Wartburg gerade nur ein mulmiges Gefühl im Magen, als der Zweitakter am letzten Autobahn-Rasthof Börde vor der Grenze vorbeiknattert und sie liest: „Letzter Wendepunkt für Bürger der DDR, frei nur für Transitreisende“.

Annemarie Reffert fährt trotzdem weiter auf die „Grenzübergangsstelle Marienborn“ zu, dem bedeutendsten Übergang an der innerdeutschen Grenze. Schließlich hatte die Tagesschau um 20 Uhr unter Berufung auf SED-Politbüromitglied Günter Schabowski getitelt „DDR öffnet Grenze“. Und ähnliches hatte Reffert in der ZDF-„Heute“-Sendung um 19 Uhr und wenig später in der „Aktuellen Kamera“ über die neue Reiseregelung gehört, die laut Schabowski „unverzüglich“ gelten soll. Zusammen mit ihrem Ehemann Michael und Tochter Juliane hatte sie die Nachrichten gesehen. „Und Juliane hat gleich gedrängelt: ,Komm, lass‘ uns das probieren’“, erinnert sich Annemarie Reffert noch genau an die Fahrt vor 25 Jahren.

Die 15-jährige Juliane sitzt auf dem Beifahrersitz, als der Wartburg 353 vor der Grenzkontrolle zum Stehen kommt. Michael bleibt zu Hause, um ans Telefon zu gehen, falls das Krankenhaus anruft. „Und bringt ’ne Büchse Bier mit“, hatte er zum Abschied noch gesagt. Das Gelände ist taghell ausgeleuchtet. Wieder ist der Mutter mulmig. Uniformierte kontrollieren ihren Kofferraum, die Pässe. Immer wieder wird sie gefragt, was sie hier will, immer wieder beruft sie sich auf Schabowski – bis der Weg frei ist.

Der Wartburg rollt auf den westdeutschen „Kontrollpunkt Helmstedt“ zu. Journalisten erwarten sie mit Notizblöcken und Mikrofonen. Reffert hat Angst, etwas zu sagen, wodurch sie die Wiedereinreise gefährden könnte. Sie will nicht weg aus der DDR, und als sie das sagt, lassen die Journalisten bald von ihr ab.

Juliane und ihre Mutter drehen eine Runde durch Helmstedt, schauen nach dem Dosenbier für Michael, das es in der DDR nicht gibt. „Kostet zwei Mark“, sagt die Tochter, nachdem sie aus einem Laden kommt. Aber da sie keine Westmark haben und nicht betteln wollen, fahren sie ohne Bier heim. An der Grenze müssen sie noch einmal den ganzen Zirkus über sich ergehen lassen, aber sie kommen durch.

Deutschland-Grenzübergänge_gross

Dass diese Fahrt eine historische war, erfährt Annemarie Reffert Mitte der 90er von einem Historiker. Ihre Tochter und sie waren tatsächlich die ersten DDR-Bürger, die nach Schabowskis Ankündigung die innerdeutsche Grenze gegen 21.15 Uhr passierten.

Heute ist Annemarie Reffert 71 und Rentnerin. Noch immer wohnt sie in Gommern. Die einstige Grenzübergangsstelle ist zur Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn geworden. Refferts Fahrt hat dazu beigetragen, dass dieser schreckliche Ort seinen Schrecken verlor. Wer wissen will, warum Annemarie Reffert 1989 mulmig war, und es ein Glück ist, dass diese Grenze nicht mehr existiert, sollte diese Gedenkstätte besuchen.

Lesen Sie im Folgenden, wie so eine Führung über die Anlage ist.

Gedenkstätte Deutsche Teilung

Jahr für Jahr besuchen 150.000 Menschen den früheren Grenzübergang Marienborn. In der Gedenkstätte wird ihnen vor Augen geführt, wie sich die Kontrollen einst abspielten und zu welchen Tragödien es dabei kam.

Rüdiger Greilich führt Besuchergruppen über das Gelände der ehemaligen Grenzübergangsstelle. Gerade erzählt er vom missglückten Fluchtversuch der Familie Grünheid. Dieser endete 1978 in Marienborn damit, dass Vater und Mutter Grünheid mehrere Jahre ins Gefängnis kamen und ihre Kinder einfach zur Adoption freigegeben wurden. Bei Verdächtigen ist es auch zu Körperdurchsuchungen gekommen, sagt Greilich. „Es blieb keine Körperöffnung unkontrolliert. Das war für viele nicht nur hochpeinlich, sondern hat auch bei vielen psychologische Probleme verursacht.“ Er weiß, dass für viele die Vergangenheit noch längst nicht passé ist. „Gerade letztens kam wieder einer, der sagte, er müsse gleich noch weiter, in die ,Zone‘ nach Magdeburg“, erzählt er.

Außer Schulklassen besuchen vor allem viele ältere Menschen die Gedenkstätte. Sie wollen sich an die Zeiten erinnern, als der Grenzübergang noch das Nadelöhr zwischen Ost und West war, das nicht nur Deutsche von Deutschen trennte, sondern die Welt in zwei sich feindlich gegenüberstehende Machtblöcke. Bernd Meyer ist so ein Besucher. Mit großem Interesse inspiziert er die Gebäude der ehemaligen Pkw-Einreise, der Passkontrolle und der Kontrollgarage, in der Fahrzeuge auf versteckte Passagiere untersucht wurden und in der manche Flucht auf tragische Weise endete.

Bernd Meyer erinnert sich noch gut daran, wie er gleich nach der Grenzöffnung am 10. November 1989 in Burg bei Magdeburg auf die Autobahn gefahren ist und nach Hamburg wollte. „Wir standen bis zum Grenzübergang Marienborn im Stau – 50 Kilometer“, sagt er. Schlimm fand das niemand. „Die Menschen standen auf den Trabis und feierten.“

Greilich, der aus der Nähe von Hamburg stammt, war 1996 einer der Ersten, die nach der Eröffnung der Gedenkstätte Führungen übernommen hat. Der frühere Bundeswehr-Offizier lebt in der Nähe von Helmstedt. Die Beschäftigung mit der Teilung und ihrer Überwindung ist zu seiner Lebensaufgabe überworden. „Das färbt auch auf das Privatleben ab“, sagt er. „In Urlaub fahre ich nicht nach Mallorca, sondern nach Prerow an die Ostsee.“

Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn wird von einer Stiftung getragen und erhält Zuschüsse des Landes Sachsen-Anhalt und des Bundes. Rund 150.000 Besucher kommen Jahr für Jahr, darunter 60.000 Jugendliche. „Ost und West halten sich dabei die Waage“, sagt Greilich. Auch das ein Beispiel für deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten.

Wie die Menschen 25 Jahre nach dem Fall der Mauer über die Wiedervereinigung und die Klischees vom Wessi und Ossi denken, danach haben wir sie auf unserer Reise durch Deutschland gefragt. Die Antworten gibt’s im Video.

 Text: Andreas Clasen, Michael Gabel
Foto: Christine Liebhardt
Grafik: Tanja Krapp

Button_Prev Button_MainNav Button_Next

© 2018 SÜDWEST PRESSE

© 2014 SÜDWEST PRESSE und MÄRKISCHE ODERZEITUNG/MÄRKISCHE ONLINEZEITUNG

Idee und Koordination: Andreas Clasen
Redaktion: Andreas Clasen, Ronny Fonfara, Michael Gabel, Christine Liebhardt
Grafik: Christopher Gram
Technische Umsetzung: Artjom Simon, Annick Schönberger

Impressum

Impressum | Datenschutz | AGB

  Comments

Be the first to leave a comment!

Schreiben Sie einen Kommentar