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25 Jahre Mauerfall

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Frank Schuster parkt seinen Wartburg 312 HT vor dem Magdeburger Dom. Keine 600 Stück wurden davon in der DDR in den 60ern gebaut. Schuster zählte zu den DDR-Bürgern, die im Herbst 1989 gegen das Regime protestierten. An vorderster Front war dabei der Magdeburger Domprediger Giselher Quast. Er wurde von der Stasi überwacht.

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Der Magdeburger Domprediger Giselher Quast in einem Gottesdienst im Magdeburger Dom.

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„Sie finden Magdeburg schön? Ich finde ziemlich viele Ecken hässlich“, sagt Giselher Quast auf dem Weg zu einem Besprechungszimmer. „Ich habe bisher nur Sudenburg gesehen und die Straßen von dort bis hierhin zum Magdeburger Dom“, verteidigt sich der Gast. „Sudenburg ist tatsächlich schön, aber es gibt wirklich viele hässliche Gebäude in Magdeburg, schauen Sie sich nur einige der neuen Kaufhäuser hier im Zentrum an.“ Der Gast gibt zu: „Das stimmt.“ Dem Magdeburger Domprediger Quast sind offensichtlich grundlose Komplimente zu wider. Wenn er findet, jemand redet Unsinn, dann sagt er das. Giselher Quast macht vom ersten Moment an einen sympathischen Eindruck, auch wenn es bestimmt nicht immer einfach ist mit ihm. Wer ihn zum Feind hat, der sollte Obacht geben.

Die DDR-Führung sah in Quast einen Staatsfeind, und sie gab Obacht. Die Staatssicherheit überwachte ihn und vermerkte seine Predigten und Reden, die er hielt, als im Herbst 1989 immer mehr Magdeburger zum Dom kamen, um ihren Unmut über die DDR zu äußern. Quast war Mitinitiator der Montagsdemonstrationen in Magdeburg und moderierte am 6. November 1989 ein Bürgerforum mit 60.000 Teilnehmern auf dem Alten Markt bei strömenden Regen.

Quasts Mut und Durchhaltevermögen damals kamen nicht aus heiterem Himmel. Der 1951 als fünftes Kind eines Pastors geborene Quast wurde schon zu Schulzeiten diskriminiert, weil er gläubig war, weil er sich nicht alles sagen ließ. Als Pazifist verweigerte er den Wehrdienst. Nachdem er 1970 nicht zum Theologiestudium in Halle zugelassen wurde, legte er eine Sonderreifeprüfung am kirchlichen Proseminar in Naumburg ab und studierte Theologie am Kirchlichen Oberseminar. Ab 1979 war er Domprediger in Magdeburg.

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Auf seine Worte hörten im Herbst 1989 viele in Magdeburg: Domprediger Giselher Quast bei einem Montagsgebet.

Punctum

Nach der Wende fand Quast seine „gesammelten Werke“, die Predigten, in seiner Stasiakte wieder. In seiner, wie Quast selbst sagt, pointiertesten Predigt Ende September 1989, sagte Quast, er sei ein Staatsfeind – „wenn man die Maßstäbe des DDR-Regimes anlegt, das die Protestbewegung ‚Neues Forum’ gerade als staatsfeindlich erklärt hatte“. Ein wichtiger Punkt. In Wahrheit wollte Quast die DDR verbessern. Wie viele, die damals auf die Straße gingen, hatte er nicht die Wiedervereinigung im Sinn, sondern in erste Linie eine andere DDR – ohne diktatorisches Einparteienregime, ohne Unterdrückung, ohne Stasigefängnisse, ohne Stasi und mit Reisefreiheit und demokratischen, freien, geheimen, gleichen Wahlen.

Als Quast und andere DDR-Bürger mit ihren friedlichen Massenprotesten die Mauer am 9. November 1989 zum Einsturz gebracht hatten, ging ihm danach vieles zu schnell. Die Ostdeutschen und ihre Wünsche seien zu wenig im Einigungsprozess berücksichtigt worden, sagt er.

Frank Schuster hat Quast bei den Montagsgebeten und Demonstrationen in Magdeburg sprechen hören. „Ich bin relativ spät dazu gestoßen, habe erlebt, wie man in den Dom kaum noch reinkam“, sagt er. „Meine Frau ist mit den Kindern, damals drei und fünf Jahre, zu Hause geblieben.“

Wie Quasts Leben ist Schusters eng mit der Stadt und dem Magdeburger Dom verbunden. Mit einem wunderschönen Wartburg 312 HT aus dem Jahr 1965 ist er gerade auf dem Domplatz vorgefahren. Der Steinmetz führt ein Bauunternehmen, das bald sein 130-jähriges Bestehen feiert. Bilder aus dem Jahr 1946 zeigen bereits, wie Schusters Familie im Dom arbeitet – zum Teil zwischen Trümmern, da das älteste Bauwerk der Gotik auf deutschem Boden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. „Wir haben bis in die 90er sehr intensiv im Dom gearbeitet“, sagt der 55-Jährige.

Auch Schuster hat sich nach der Wende öfter gefragt, was man im Zuge des Einigungsprozesses hätte besser machen können. „Sicherlich hat es da viel Kleinholz gegeben“, sagt der Magdeburger CDU-Stadtrat, aber „vielleicht war es doch ganz gut, dass Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher Druck gemacht haben.“

Was Schuster heute mehr bewegt, ist, wenn immer noch offen oder unterschwellig Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschen geschürt werden.  „Ich bin ehrenamtlich im Handwerk unterwegs“, sagt Schuster, „und dann wird manchmal gesagt: ,Ihr müsst jetzt mal im Osten dieselben Löhne zahlen wie wir im Westen’. Und dann sage ich: ,Na ja, in Schleswig-Holstein wird ja auch anders gezahlt als im tiefen Bayern.’ Und dann gucken sie einen immer ein bisschen komisch an.“

Vor allem stört ihn aber das „Ostalgie“-Gerede, das er sich – auch wegen seines nur 542-mal gebauten Wartburg-Oldtimers – immer wieder anhören muss. „Wenn sich Leute aus meiner Generation, Wolfsburger etwa, gerne darüber unterhalten, dass sie mit dem Käfer über die Alpen zum Gardasee gefahren sind“, sagt Schuster, „dann sind das doch die ähnlichen Erlebnisse, wie der Ossi sie hatte bei seinen Trabi-Fahrten zum Balaton.“

Da zwischen Nostalgie und „Ostalgie“ zu trennen, sei nur eins: Blödsinn.

Text: Andreas Clasen
Fotos: Christine Liebhardt

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