Neustart in der Provinz

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25 Jahre Mauerfall

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Marianne Streisand war bereits eine anerkannte Theaterwissenschaftlerin, als die Mauer fiel. Für die Frau aus dem Berliner Osten folgte eine Zeit der Ungewissheit, eine Weile war sie arbeitslos. 2003 wurde sie Professorin für Angewandte Theaterwissenschaft in der niedersächsischen Stadt Lingen. Ein Wechsel von der Großstadt in die Provinz.

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Das Institut für Theaterpädagogik in Lingen ist klein, aber fein. Wenn Professorin Marianne Streisand über die Flure des Altbaus im Ortszentrum läuft, wird sie von jedem Studenten gegrüßt, und sie grüßt freundlich zurück. Wie im Vorbeigehen werden Termine abgesprochen und Fragen zu den nächsten Stücken erörtert. Zufällig läuft die 63-Jährige dann auch noch einer Gruppe von Studentinnen über den Weg, die gerade ein Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder einstudiert. Ob sie bei den Proben zuschauen möchte? „Klar“, antwortet die Professorin. Sie begleitet das Trio in den Theatersaal. Das Stück heißt „Anarchie in Bayern“ – die beiden Schauspielerinnen und die Spielleiterin sind schon recht weit, die Professorin ist zufrieden.

Mit den Aufführungen hat Marianne Streisand normalerweise nicht viel zu tun. Ihre Spezialgebiete am Standort Lingen der Hochschule Osnabrück sind Theorie und Geschichte des Theaters sowie Dramaturgie. Aber sie arbeitet mit ihren Studenten auch Monologe ein, coacht sie für die Aufführungen und gibt Tipps. „Ich bin eben einerseits Wissenschaftlerin, andererseits habe ich auch schon oft auf der Bühne gestanden“, sagt sie.

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Aber was verschlägt eine Frau, die in Berlin an der Akademie der Wissenschaften geforscht, an der Humboldt-Universität gelehrt und in der Stadt eigentlich fest verwurzelt war, in die niedersächsische Provinz? Die Situation in Berlin sei für sie beruflich äußerst schwierig gewesen, sagt sie. „Seit 1987 war ich als wissenschaftliche Assistentin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität fest angestellt.“ Der eigentlich unbefristete Vertrag wurde dann aber wie in anderen Fällen in einen befristeten umgewandelt. „Dann war ich plötzlich ein halbes Jahr lang arbeitslos“, erzählt die Professorin. Ihre zahlreichen Veröffentlichungen – unter anderem Werkanalysen von früheren Theaterstücken Heiner Müllers – schienen mit einem Mal kaum noch etwas wert zu sein. Immerhin erhielt sie eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin, was ihr den Mut gab, sich auf andere Professorenstellen zu bewerben. „Ein paar Mal kam ich in die engere Wahl. Bis es 2003 in Lingen geklappt hat“, sagt sie.

Generell hätte man im Umgang mit ostdeutschen Wissenschaftlern nach der Wende einiges anders machen sollen, kritisiert sie.

„Ich sehe darin eine Demütigung, wenn sich Wissenschaftler mit internationaler Reputation auf ihre eigenen Stellen noch einmal bewerben mussten.“

Andererseits sei ihr auch klar, dass man nicht alle Kollegen habe blind übernehmen können. „Da waren manche dabei, die die wissenschaftliche Qualifikation nicht hatten.“

Dass sie aus dem Osten stammt, spielt in ihrem täglichen Leben im westlichen Zipfel Niedersachsens kaum eine Rolle. „Ich wurde hier von Anfang an gut aufgenommen. Den Unterschied von der Großstadt zur Kleinstadt empfinde ich stärker als den von Ost und West.“ Hin und wieder passiert ihr es allerdings doch, dass sie auf ihre Herkunft angesprochen wird. „Da geht es dann zum Beispiel darum, wie schlimm es für die Westler war, an der DDR-Grenze den Kofferraum aufzumachen. Das kann schon nerven.“

Text: Michael Gabel
Fotos: Ronny Fonfara, Michael Gabel

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