Leben und Arbeiten an Bord

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An Bord

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Wer auf einem Kreuzfahrtschiff anheuert, der lebt im Schatten der Luxusgäste. Auf 4000 Urlauber kommen rund 1000 Bedienstete, für die ist harte Arbeit statt Urlaub Alltag. Die Crew ist ihre Familie, das Schiff ihr Zuhause. Zumindest für den Moment.

Es ist 10 Uhr. Im Restaurant auf Deck 14 wird für die Gäste das opulente Frühstücksbuffet aufgetischt. Croissant, pochiertes Ei und Lachs landen auf den Tellern. Franziska Moser ist währenddessen bereits mehr als drei Stunden auf den Beinen. Zehn weitere folgen. Frühstück gab es in der Crew-Mensa auf Deck 2 – Müsli mit Obst. Sie greift zu den grünen Handtüchern, beginnt dann den Rücken vor sich mit Avocadoöl einzucremen. „Lumi Lumi Massage“ hat der Gast gebucht. 50 Minuten kneten. Danach kommt gleich der nächste Gast – 80 Minuten. Das Schiff schaukelt besonders heftig an diesem Seetag. Die Route ist für ihren rauen Seegang im Winter bekannt.

Die Mittelmeer-Route der Aida „Perla“

Franziska Moser hat vor zwei Wochen auf der Aida „Perla“ angeheuert. Als Erstaufsteigerin arbeitet sie nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin im Spa-Bereich des Kreuzfahrtschiffes. Von ihrem Arbeitsplatz aus sieht die 24-Jährige die Küste der Côte d’Azur , Rom, Barcelona, Palma. Manchmal weiß sie am Morgen nach dem Aufwachen nicht, wo sie ist. „Italien, Spanien, Frankreich?“ Wenn sie das sagt, klingt ihre Arbeit wie Urlaub. Doch die Arbeit an Deck verlangt ihr einiges ab.

In ihrem Behandlungsraum mit Meerblick ist es klinisch rein. Ein seichter Duft von Chlor und mildem Parfüm liegt in der Luft. Kurz bevor das Schiff auf seiner Mittelmeerroute in Palma startete, trat der Fall ein, vor dem sich jeder der 960 Mitarbeiter an Bord fürchtet: Eine Magen-Darm-Grippe breitete sich aus. Rund 80 Gäste haben sich angesteckt. Das bedeutet Quarantäne für die Infizierten und Großputz für die Crew. Die 960 Männer und Frauen putzen jeweils vier Stunden das gesamte Schiff. Eimer für Seife, Cleaner, Desinfektionsmittel und Chlor stehen bereit. Böden, Decken, Wände – jede Ritze der 15 Decks wird gereinigt. Sogar mit Dampfreinigern rückt die Crew an. Knapp eine Woche lang dürfen die Mitarbeiter nicht in die Gäste-Bereiche. Eine Ausnahmesituation, die Franziska Moser zum ersten Mal miterlebt.

Und es bleibt nicht die einzige an diesem Tag. Am Abend entschließt Kapitän Jens Janauschek, die Route des Schiffs zu ändern. Der Seegang ist zu rau, ein Anlegen am ersten Hafen in Civitaveccia in Italien unmöglich. Die Durchsage des Kapitäns kommt um 20 Uhr. Erneuter Ausnahmezustand für viele Mitarbeiter, die den Ärger der Gäste aushalten müssen, Programme umplanen und Terminänderungen koordinieren müssen.

Auch Miriam Schidlewski ist an diesem Abend als Spa Managerin bis spät in die Nacht im Einsatz. Sie ist für die 25 Crew-Mitglieder des Spa- und Fitnessbereichs verantwortlich und die Koordination der Dienst- und Behandlungspläne. Zweieinhalb Streifen zieren die dunkle Schulterklappe ihrer reinweißen Offiziersuniform.
Fragt man die Frau mit dem streng gebundenen Pferdeschwanz, ob es in ihren sechseinhalb Jahren an Bord Tage gibt, an denen sie sich fragt, weshalb sie sich den Stress antut, dann ist dies einer dieser Tage, sagt sie. „Eine Hand für das Schiff, eine für uns selbst“, lautet ein alter Seemannsspruch. Miriam Schidleswki lebt dieses Sprichwort.

„Eine Hand für das Schiff,
eine für uns selbst“

Lange Tage sind für sie Alltag. Von sieben bis nachts um 23 Uhr arbeitet sie. Dazwischen liegt eine vierstündige Offizierspause, in der sie meist schläft oder auch mal an Land geht. Das Leben und Arbeiten an Bord sei hart. „Aber dann steht man an Deck und schaut aufs Meer raus oder läuft in New York ein und man weiß, wieso man das macht“, sagt Miriam. Der Enthusiasmus in ihrer Stimme wirkt echt.

Mit 21 Jahren kam sie an Bord. Seither lebt und arbeitet sie vier Monate auf See, dann folgen ein bis zwei Monate Heimaturlaub. In denen haben Freunde und Familie Priorität. Sie verreist nicht mehr, ist im Urlaub nur für Familie und Freunde da. „Seitdem ich hier arbeite, stehe ich meinen Lieben noch näher“, ist sie überzeugt. Wenn die Familie sie besuchen kommt, merkt Miriam Schidlewski, wie surreal ihr Leben erscheinen mag. Eine strenge Aura umweht die zierliche, aber sportliche Frau. Ihr Blick ist fest und starr, aber stets wach, ihr Gegenüber bestätigt sie mit „korrekt“. Aufgewachsen ist sie auf einem Sport-Internat. Das sei die beste Schule für die Zeit auf dem Schiff gewesen, erklärt sie. Mit zwölf zog sie deshalb von Zuhause aus. Disziplin, Regeln, ein starker Wille – das habe sie alles früh gelernt. Sie ist überzeugt, dass ihr steiler Aufstieg von der Erstaufsteigerin als Fitnesstrainerin an Bord zur Spa-Mangerin auf dem Schiff leichter war, als es an Land der Fall gewesen wäre. „Hier wird einem alles ermöglicht“, ist sie sich sicher. Durch gezielte Laufbahnplanung und ein „Management Development Programm“ fördere das Unternehmen Crew-Mitglieder für eine Führungslaufbahn an Bord und an Land, berichtet auch Kathrin Heitmann, die bei der Aida für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Engagierte Führungskräfte aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Umfeld bereiten wir mit einem maßgeschneiderten 18- bis 24- monatigen Trainee-Programm zielorientiert auf eine Top-Führungsposition an Land vor“, erklärt Heitmann. Aus Miriam Schidleswkis Sechs-Monate-Vertrag wurde schnell ein Zwei-Jahres-Vertrag, der nächste folgte. „Das Leben und Arbeiten an Bord war genau das Richtige für mich“, sagt sie heute. Sie spricht in der Vergangenheitsform. Ein paar Jahre möchte sie noch bleiben, dann will sie absteigen. Vom Schiff, aber nicht beruflich. „Ich schaue immer wieder nach Jobs an Land. Aber ich möchte meine Position behalten“, sagt sie bestimmt.

Auch Franziska Moser hat zunächst für sechs Monate angeheuert. Sie würde gerne länger bleiben – trotz der harten Arbeit. „Dazwischen brauche ich aber Urlaub – ich will ja auch mal wieder ein normales Leben haben“, sagt die 24-Jährige, die auch nach einer Woche mit kräftezehrenden 10-Stunden-Arbeitstagen fröhlich bleibt. Ihre hellbraunen Haare sind praktikabel nach hinten gebunden. In ihrer Hand hält sie einen Kaffee. Wach bleiben. Durchhalten. Lernen. Anstrengen. Darauf konzentriert sie sich in ihren ersten Wochen an Bord. „Abends nach der Schicht fühle ich mich manchmal wie ein zerrupftes Huhn“, sagt sie, lacht die Müdigkeit weg und nimmt einen Schluck Kaffee. Der Schritt-Zähler an Franziska Mosers Arm zeigt 1200 Schritte an. Neben der Arbeit an Bord absolviert sie ein berufsbegleitendes Fernstudium. Der Schiffskapitän darf mit Zustimmung der Hochschule ihre Prüfungen abnehmen.

Sie hat nicht viel Zeit zwischen ihren Schichten. In wenigen Stunden beginnt der Safety Drill, eine verpflichtende Sicherheitsübung für alle Gäste und die Crew. Zeit ist Mangelware an Bord. Arbeiten, Schlafen, Essen – beschreibt den Alltag Franziska Moser, die ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin an der DAA in Mutlangen absolviert hat. „Man muss verrückt sein um das hier zu machen“, sagt sie, ein wenig Stolz schwingt mit. Zehn Stunden Arbeit und auf den Beinen sein liegen bereits hinter ihr. Beim anschließenden Safety Drill muss sie noch einmal wach sein. „Durchziehen“, wie sie sagt. 3000 Passagiere und rund 960 Besatzungsmitglieder nehmen an der Übung teil. „Jedes Crewmitglied hat seine feste Aufgabe während eines Notfalls – egal welche Jobposition es an Bord normalerweise ausfüllt“, erklärt Unternehmensseprecherin Kathrin Heitmann. „An Land wird in Mannschaftsübungen und theoretischen Schulungen jeder Handgriff antrainiert. Dieses Basic Safety Training muss mit einer Prüfung absolviert werden.“ An Bord finden wöchentlich weitere Sicherheitsübungen statt. Sollte es zu einem Unfall kommen, müssen alle Passagiere in 20 Minuten in die Rettungsboote gebracht werden. Die Crew geht zuletzt.

Der Kaffee ist leer. Franziska Moser mobilisiert die letzten Reserven ihres Energie-Akkus und eilt zu ihrem Sammelplatz für den Drill. PCM, Pax Master Charlie, heißt ihr Treffpunkt. Das Vokabular der Crew ist ans NATO-Alphabet angelehnt. Auch die Hierarchien erinnern ans Militär und an die Marine. Zur hierarchischen Struktur gehört auch: Je höher der Rang, desto mehr Annehmlichkeiten. Franziska Moser wohnt mit einer Kollegin in einer Kabine auf Deck 2. Kein Fenster. Stockbett. Ihre Augen werden groß, wenn sie die Kabinen in den oberen Decks sieht. Veranda. Begehbarer Kleiderschrank. Meerblick. Viel Platz und zwei Bäder. Crewmitglieder mit höherem Rang haben ihr eigenes Zimmer, oft sogar mit Bullauge und Meerblick. Im Crewbereich auf Deck 2 herrscht nicht der Luxus, wie auf den übrigen Decks. Aber auch für die Besatzung gibt es Annehmlichkeiten. Ein Fitnessbereich, eine Mensa, Gemeinschaftsräume. Auch Party, Plätzchenbacken und Crew-Ausflüge werden von den Supervisoren organisiert.

„Eins verbindet uns alle: Dass wir verrückt genug sind, hier zu arbeiten und zu leben.“

Trotzdem sei es zu Beginn schwer, Vertrauen zu fassen und Anschluss zu finden. Franziska Mosers erster Tag? „Heillose Überforderung“, sagt sie ohne Umschweife. Sie habe sich verlaufen, was ihr heute noch manchmal passiere und sei mit den vielen Anforderungen überfordert gewesen. Doch mit wem darüber sprechen? Plötzlich wird spürbar, dass Vertraute, Freunde und Familie weit weg sind. Mit der Zeit jedoch, weiß Miriam Schidlewski, wird die Crew zur Familie. „Eines verbindet uns alle: Dass wir verrückt genug sind, hier zu arbeiten und zu leben“, sagt sie. Auch Franziska Moser hofft, dass sie sich an Bord irgendwann zuhause fühlen wird.

Rundgang durch das Schiff im Schnelldurchlauf

Am nächsten Tag habe sie IPM, seufzt Franziska Moser am späten Abend. Das bedeutet: Bereitschaftsdienst bis 23 Uhr und kein Landgang.
Moser hat roten Lippenstift aufgelegt und trägt eine Bluse. In der ersten Woche an Bord habe sie an Land erstmal schicke Kleidung kaufen müssen. Die Gäste putzen sich am Abend heraus, auch von der Crew wird das erwartet. Ihr Namensschild trägt sie auch, wenn sie abends in ihrer Freizeit in eines der Restaurants oder eine Bar an Bord geht. Freie Tage gibt es nicht. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Italien, somit gilt das italienische Arbeitsrecht. Arbeitstage bis 14 Stunden sind demnach rechtlich in Ordnung,  Freizeitausgleich gibt es nur in Form von Pausen bis maximal vier Stunden.

Manchmal habe sie Angst, Arbeit, Privatleben und Freizeit nicht vereinbaren zu können, den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden zu vernachlässigen. Aber sie habe gewusst, worauf sie sich einlässt, sagt die 24-Jährige gefasst. Die Konditionen sind gut, sie verdiene hier als Physiotherapeutin besser als an Land, auch wenn ihre Arbeit an Bord mehr Massagen, als therapeutische Behandlungen umfasst. Dass am Ende des Monats viel Geld übrig bleibt, liegt auch daran, dass die Crew in den Genuss von Steuervorteilen kommt, da das italienische Steuerrecht gilt. Das mache viel der Anstrengung wett, sagt Moser. Dass die Tage anstrengend sind, liegt auch am Umgang mit vielen verschiedenen Menschen. „Wir versuchen, den Gästen alles möglich zu machen“, wiederholt sie das Credo der Crew. „United for a safe and successfull future. Trust. Passion. Colorful. Respect.“, steht auf ihrer Mitarbeiter-Karte. Von ihrer Arbeit an Bord erhofft sie sich auch Routine im Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen, sie hofft selbstbewusster zu werden und sich persönlich weiterzuentwickeln. Alles Gründe, weshalb auch Miriam Schidlewski an Bord ging. „Die Aida lehrt das“, sagt sie, wenn sie von den vielen Herausforderungen des Arbeitens an Bord spricht.

Rocking around the Christmas tree 🎄🌊💋 #portopisanta #aidaperla #christmas #traveltheworld

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Auf Instagram erzählt Franziska Moser in Bildern von ihrer Zeit an Bord.

Heimweh, Sehnsucht nach Zuhause oder Reue, sich für sechs Monate auf die Arbeit auf See eingelassen zu haben, davon sei bisher keine Spur, sagt Franziska Moser. Auch ihre Chefin fühlt sich mit ihrem Leben an Bord wohl. Nur an Weihnachten überkomme sie Traurigkeit, gibt Miriam Schidlewski zu. Da wäre sie gerne zuhause bei Freunden und Familie. Doch daraus wird in aller Regel nichts: Auch Feiertage sind für „Aida“-Besatzungen Arbeitstage auf See.

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