Auf den Spuren der Indianer

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Mit einem heiseren „here‘s your help“ fordert Neal Bacher den Ball. Der Pass kommt. Neal fängt ihn mit seinem Kescher. Mit dem Ball kommt auch der Verteidiger und der macht keine halben Sachen. Mit einem Krachen haut er von oben auf Neals Schläger und der Ball rollt über den Kunstrasen davon.

Beide stürzen hinterher. Die Schläger am Boden wie beim Hockey. Neal verpasst seinem Kontrahenten einen Bodycheck und verschafft sich so die Zeit, den Ball wieder auf zu nehmen und weiterzuspielen.

Sechs Jahre ist es her, dass Neal zu ersten Mal von der uralten Indianischen Tradition Lacrosse gehört hat, die ihn bis heute Woche für Woche fesselt. Damals hat der Lacrosseverein in seiner Heimatstadt Marburg an den Schulen Jugendspieler gesucht und die Sportart im Unterricht vorgestellt.

Was bei den nordamerikanischen Ureinwohnern noch Initiationsritus in die Männlichkeit war, ist heute eine dynamische Teamsportart, die vor allem in Nordamerika verbreitet ist und ihren Weg langsam auch nach Europa findet.

In der  heute gespielten Form versuchen neun Feldspieler, über vier mal zwanzig Minuten, einen kleinen Hartgummiball an dem generischen Torhüter vorbei in das Tor zu schießen.  Die Schläger haben eine Netztasche am Kopfende und sehen aus wie zu klein geratene Kescher. In der Netztasche darf der Ball getragen und geschossen werden. Mit dem Schläger darf auf die Hände und den Schläger des Gegners geschlagen werden. Außerdem sind Bodychecks und Stöße mit dem Schläger bei den Herren erlaubt. Zum Schutz tragen alle Spieler einen Helm, gepolsterte Handschuhe und einen Mundschutz. Die Damen spielen eine Variante ohne Körperkontakt. Sie ist, technisch und taktisch jedoch genauso schnell und herausfordernd.

Es ist nicht immer einfach beim Lacrosse den Überblick zu behalten. Das Tor ist klein, die Spieler wuseln durch die Gegend und im Flutlicht verschwimmt der Ball schon bei einfachen Pässen zu einem roten Schatten. Doch, mit etwas Verständnis für die Spielabläufe entwickelt man schnell gefallen an Tempo und Vielfalt des Spiels. Im Training der Saisonvorbereitung sind die Ziele für die nächste Saison omnipräsent. Immer wieder motivieren sich die Spieler gegenseitig alles zu geben und konzentriert zu bleiben. Allen ist bewusst, dass man gute Leistungen nur als Mannschaft erzielen kann.

,,Eigentlich sind die Aktionen, die wirkliche Schmerzen bereiten, auch nicht regelgerecht und werden abgepfiffen.“

Bei einem Torschuss kann der Ball mit bis zu 160 Stundenkilometern aus der Netztasche eines Schlägers kommen. Kein Wunder also, dass in der ersten Hälfte des Trainings vor jeder Übung die Ansage kommt, „nicht voll durchziehen der Goalie ist noch nicht aufgewärmt!“ Wenig überrraschend aber auch, dass der Goalie spätestens nach dem dritten Schuss lauthals Schimpft, nachdem er hart am Bein getroffen wurde. Beim Lacrosse tut es nicht nur weh, wenn einen der Ball trifft, es kann auch ein bissiger Verteidiger sein. „Wenn einem da der Schutzhandschuh mal verrutscht und man dann einen Schlag auf die Hand bekommt, kann einem auch mal der Nagel schwarz anlaufen. Doch eigentlich sind die Aktionen, die wirkliche Schmerzen bereiten, auch nicht regelgerecht und werden abgepfiffen“, erklärt der durchtrainierte 21- Jährige mit einem schiefen Grinsen. Die Einstellung zu Schmerzen scheint sich seit den Indianerzeiten nicht geändert zu haben.

Die härte seiner Sportart sieht man dem blonden Studenten nicht unbedingt an. Seit 2016 spielt er beim TSG Tübingen im Sturm als sogenannter „Attacker“. Es gefällt ihm mit dem ganzen Team auf Tore hinzuarbeiten und dafür seine Schnelligkeit und Wendigkeit einzusetzen. „Der Teamgeist in dieser für mich völlig neuen Sportart hat es mir sofort angetan.“ Erzählt Neal mit leuchtenden Augen. „Wenn Tore im Spiel aus Teamleistung entstehen und du einfach genau weißt, was gemacht werden muss, damit der richtige Spielzug zustande kommt und die Verteidigung nichts mehr machen kann. Das sind die Momente, die diesen Sport einfach ausmachen.“ Meistens wechselst der Ball so schnell und oft zwischen den Spielern, dass man ihn erst wiedersieht, wenn er neben dem Kopf des Torhüters im Tor einschlägt. Oder, wenn der Goalie den Ball mit einem schnellen Zucken aus der Luft fischt.

In Deutschland gibt es seit 1998 einen Lacrosseverband und bis heute wächst der Sport stetig weiter. Auch in Tübingen ist die Entwicklung zu beobachten. In die nächste Saison will die TSG mit einer zweiten Mannschaft starten und bereits seit Mai trainiert auch eine Jungendmannschaft, bei der Neal als Trainer mitwirkt. Die Entwicklung des Teams liegt ihm am Herzen, weil er aus der eigenen Jugend weiß, was es heißt, einen Sport zu betreiben, bei dem es in ganz Deutschland nur wenige Teams gibt. „Die Fahrzeiten sind teilweise echt extrem, vor allem in der Jugend, da fährt man auch mal fünf Stunden hin und fünf zurück für einen einzigen Spieltag. Auf diese Art und Weise lernt man jedoch Spieler aus der ganzen Bundesrepublik kennen und freundet sich mit ihnen an“.

Diese Freundschaften werden nicht nur während der regulären Saison gepflegt. So waren Neal und ein paar andere Jungs von der TSG in Amsterdam auf dem „Lowlands Lacrosse Tournament“, einem internationalen Spaßturnier, bei dem sogar Teams aus Übersee teilnahmen. In ihrem Team spielten Spieler aus ganz Deutschland. „Das ist eigentlich wie drei Tage Festival, nur das es halt statt Musik Lacrosse gibt“, sagt er.

Wenn man den Zusammenhalt der Mannschaft erlebt und mit Neal über den Sport spricht, versteht man, warum die Ureinwohner Nordamerikas ihre Konflikte in Lacrossespielen ausgetragen haben.

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