Im Wäschekorb überlebt

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Die Nacht der 100 000 Bomben

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An die Bomben, die an diesem 17. Dezember 1944 auf Ulm niedergingen, kann sich Karl Gross nicht erinnern. Wie sollte er auch! Gross war damals ein Baby, etwas mehr als drei Wochen alt.

Aber: Der kleine Karl war die Hauptperson an diesem trüben dritten Adventssonntag. Die Familie hatte sich in die Dreifaltigkeitskirche begeben, die Taufe des Nachzüglers stand an – des dritten Buben nach Rudolf (10) und Georg (8). Der Vater hatte extra Fronturlaub bekommen, die Familie feierte. Kleine Freuden in Zeiten des Krieges.

So beginnt die Geschichte des Karl Gross. Sie hätte auch an diesem 17. Dezember 1944 schon wieder zu Ende sein können. Das Schicksal meinte es anders mit ihm, „das sind die Zufälle des Lebens. Es war, wie es war.“ Das sagt er heute, 70 Jahre danach. Und doch: Der 17. Dezember ist für ihn jedes Jahr aufs Neue ein bedrückender Tag, ein bitterer Tag, ein Tag, der bleischwer auf ihm lastet. Es ist der Tag, als der Krieg seine Familie auslöschte: Vater Karl Appel, Mutter Martha (geb. Gross) und seine beiden Brüder Rudolf und Georg. Lediglich einer überlebte: eben der kleine Karl.

Und das kam so. Die Familie, die in der Schülinstraße 9 wohnte, raffte das Nötigste zusammen, als die Sirenen um 19.05 Uhr losheulten. Die beiden Söhne an die Hand, den Täufling in den Wäschekorb, zwischen Decken, obendrauf noch den Brautschleier zum Schutz für den Kleinen. So zogen die Appels los. Ziel: der Bunker an der Heidenheimer Straße. Eigentlich hätten die Fünf auch bei den Schwiegereltern des Vaters unterkommen können, nicht mal einen Steinwurf entfernt, im heutigen Schülinhof, war der Gross’sche Karosseriebetrieb – und ein Luftschutzkeller. Soldaten der Wehrmacht mussten aber in öffentlichen Bunkern Schutz suchen, weil sie als sicherer galten. Nicht so in diesem Fall, der Bunker an der Heidenheimer Straße geriet zur Todesfalle, in der über 120 Menschen umkommen sollten.

Karl-Gross
In diesem Korb überlebte Karl Gross die Bombennacht. Der Wäschekorb trägt die Initialen seiner Mutter Martha Appel.

Foto: Lars Schwerdtfeger

Stabbrandbomben, so wurde später rekonstruiert, hatten Teerfässer entzündet, die an der Mauer gelagert waren. Das hochgiftige Gas drang durch die Schießscharten ins Festungsinnere. „Getroffen wurde der Bunker nicht, die Menschen sind erstickt“, sagt Karl Gross, der während des Angriffs im „Krätta“ lag, wie der Schwabe zum Wäschekorb sagt. In einer Mauernische und unter dem Brautschleier, der wohl wie eine Art Filter wirkte, so vermutet er.

Jahre später meldete sich ein Feuerwehrmann bei Karl Gross, er hatte damals den Wäschekorb aus dem Bunker getragen, nicht ahnend, dass ein Baby drin lag. Erst als der Wäschekorb Töne von sich gab, bemerkten die Retter den Säugling. Für viele andere, vor allem Bewohner der Oststadt, kam jede Hilfe zu spät. Sie konnten nur noch tot aus dem Bunker getragen werden – so auch die Familie Appel. Eine Szene, die Gross‘ Oma mitansehen musste und an der sie fast zerbrochen ist, wie der Enkel sagt. „Für Leute, die an den lieben Gott glauben, ist das fürchterlich.“

Die Großeltern adoptierten den Enkel – deshalb heißt er auch Karl Gross und nicht Karl Appel. 1953 starb dann die Oma, zwei Jahre später der Opa, der nach dem Krieg den Karosseriebetrieb wieder aufgebaut hatte. Karl Gross ist mit 10 Jahren Vollwaise, nun schon zum zweiten Mal. Tante und Onkel nehmen ihn auf. Der Bub macht sein Abitur, fängt an Maschinenbau zu studieren, wirft aber sein Studium hin, um die Firma des Großvaters zu übernehmen. „Ich habe einfach die Verantwortung gefühlt“, sagt Gross, der vor sechs Jahren seine Firma verkauft hat – ausgerechnet am 17. Dezember.

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