Der Wächter der Kasse

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Hintergrund

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Kurz vor Dienstschluss gerät Walter Kolasa mit einem Zuschauer aneinander. Das Grinsen, das üblicherweise die Lippen des Kassierers des TSV Heimerdingen ziert, verschwindet.

Der Mann möchte ins Stadion, um eine Wurst zu essen. Doch Eintritt zahlen? Das sieht er nicht ein. Kolasa hingegen bleibt hart: „Das ist kein Grund nicht zu bezahlen, aber ich lasse dich gerne für zwei Euro rein.“ – „Dann komm ich eben erst nach der Pause rein, dann kannst du nichts mehr verlangen.“ – „Wenn ich will, kann ich auch dann noch Geld von dir verlangen“, sagt Kolasa, lässt den Wurstliebhaber stehen und dreht sich wieder zum Spielgeschehen. Letztlich lenkt der Gast ein und wirft die Münze auf die Kasse: „Viel Spaß und danke“, wünscht ihm Kolasa, der prompt wieder eine freundliche Miene aufsetzt. „Da muss ich konsequent sein, sonst tanzt mir jeder auf der Nase rum“, erklärt er. Auch das gehört zum Job des gebürtigen Reichenbachers.

Samstagmittag, 15:15 Uhr. Der letzte Heimspieltag des TSV Heimerdingen in der Saison 2015/16 steht kurz bevor. Die Wolken bedecken die Sonne und ein leichter Wind geht über das Spielfeld. Zeitgleich tigert Walter Kolasa um das von Bäumen umstellte Stadion. Das Heimerdinger Urgestein geht seinen Aufgaben als Ticketverkäufer nach: „Gerade muss ich die anderen Zugänge verschließen, damit die Zuschauer lediglich über den Haupteingang Zutritt haben“, erklärt Kolasa, der bereits seit 15 Jahren als Ticketverkäufer tätig ist, und schließt ein weiteres Tor. Anschließend macht sich der frischgebackene Rentner auf den Weg zum Parkplatz, der unmittelbar vor dem Stadion liegt. Mit zwei großen, orange-weißen Pylonen versperrt er die zwei einzigen Behindertenparkplätze: „Den Leuten ist das egal, dass diese Parkmöglichkeiten für körperlich eingeschränkte Menschen reserviert sind. Da denken sie nur an sich. Deshalb muss ich sie versperren und bei Bedarf freigeben“, verrät Walter Kolasa. Nun hat der Rentner etwas Zeit für eine Unterhaltung mit den Verantwortlichen auf dem Rasen.

,,Er war einfach super. Der beste Trainer, den wir je hatten.“

Die dreht sich vor allem um den scheidenden Trainer Andreas Bross, der nach sieben Jahren in der Fußballabteilung des TSV Heimerdingen aus privaten Gründen sein Amt niederlegt. Für Walter Kolasa ein herber Schlag: „Als er die Neuigkeit beim vergangenen Auswärtsspiel im Bus bekanntgab, war es mucksmäuschenstill“, beschreibt der 66-Jährige die Stimmung mit traurigem Blick. Der gelernte KFZ-Mechaniker hat eine hohe Meinung von Bross: „Er war einfach super. Der beste Trainer, den wir je hatten, denn auch menschlich hat er hier perfekt reingepasst“, schwärmt Kolasa, während sich seine Mundwinkel wieder heben. Nach mehreren Wortwechseln mit dem Abteilungsleiter begibt sich der Ticketverkäufer langsam und gemächlich zu seinem Arbeitsplatz – ein schlichter Biertisch steht am Ende der kleinen Treppe, die zum Stadion führt.

„Hier verkaufe ich heute die Tickets“, verrät der 1,82 Meter große Reichenbacher und ergänzt: „Normalerweise stehe ich hier“.

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Am Ende der Treppe wartet Walter Kolasa, um abzukassieren.

T. Hackert

Er zeigt auf einen etwas in die Jahre gekommenen, weißen Ticketschalter, auf dem die verschiedenen Eintrittspreise prangern. „Aber das geht heute nicht, da der Getränkewagen mir die Sicht auf das Spielfeld versperrt“, erklärt er angefressen. Genau vor dem Ticketschalter ist ein großer Getränkewagen geparkt, in dem sich rund 180 Kisten mit verschiedensten Erfrischungen befinden. „Leider haben wir keine Zeit mehr gefunden, um ihn wo anders abzustellen, aber mit dem Biertisch habe ich eine Möglichkeit gefunden, die heutige Partie dennoch zu verfolgen“, sagt Kolasa freudig: „Außer Fußball gibt es bei mir fast nichts. Das weiß auch meine Frau“, fährt der Vater einer 29-jährigen Tochter fort. „Sie muss sich sonntags anders beschäftigen, wenn ich beim Spiel bin.“ Denn auch bei den Auswärtspartien ist er immer dabei – ob mit dem eigenen Auto hinterher oder im Mannschaftsbus mit an Bord, für sein allerliebstes Hobby ist ihm kein Weg zu weit: „Ich bin schließlich nicht nur Kassierer des Teams, sondern auch Fan.“

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Etwas in die Jahre gekommen, aber erfüllt seinen Zweck - der Ticketschalter vor dem Stadion.

T. Hackert

Und wie es sich für einen Fußballfanatiker gehört wurde die heutige Gattin selbstverständlich im Jahr der zweiten deutschen Weltmeisterschaft, 1974, geheiratet: „Als wir gewonnen haben, sagte ich zu meiner Frau, jetzt können wir heiraten“, erzählt Kolasa und lacht.

Inzwischen haben sich die Wolken verdichtet und es beginnt zu nieseln. Der 66-Jährige verstaut seine Arbeitsutensilien wieder im Ticketschalter. Dazu gehört die Kasse: eine kleine, schwarze, metallene Box, die mit 200 Euro Wechselgeld gefüllt ist; die Eintrittskarten und das Stadionheft, das heute speziell dem Trainer gewidmet wurde. „Die ganzen Sachen benötige ich nur bei Spielen der ersten Herrenmannschaft. Bei den anderen beiden Teams habe ich eine Geldtasche, mit der ich rumgehe und den Eintritt verlange.“ Heute kostet ein reguläres Ticket fünf Euro, Rentner und Studenten zahlen den vergünstigten Preis von 3,50 Euro, Frauen hingegen müssen überhaupt keinen Eintritt zahlen. Aber warum eigentlich? Kolasa klärt auf: „Wir sind froh über jede Frau, die kommt, denn oftmals begleiten sie ihre Männer und essen anschließend eine Wurst oder trinken etwas.“ Begrüßt werden die Damen meist sogar noch mit charmanten Worten: „Ich sage dann gerne mal, dass solch eine hübsche, junge Frau natürlich keinen Eintritt zahlen muss, das gefällt ihnen.“

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Die Arbeitsutensilien von Walter Kolasa sind überschaubar.

T. Hackert

Und auch sonst ist der frühere Linksaußen mit Herzblut bei der Sache – nicht weil er muss, sondern weil er möchte. „Der frühere Kassierer war immer etwas unfreundlich, das hat mir nicht sehr gefallen“, erklärt das Urgestein mit leicht schüttelndem Kopf. Als der damalige Ticketverkäufer aufhörte, brauchte es nicht viel Überzeugungskraft, um Walter Kolasa für den Job zu begeistern. Seitdem steht er bei Wind und Wetter parat und verkauft die Tickets und hat dabei stets ein paar freundliche Worte auf den Lippen für die Fans, die den Weg ins Stadion finden: „Inzwischen ist es für einige selbstverständlich, dass ich immer da bin.“ Nur selten wird ihm dafür gedankt.

Dennoch fühlt sich der Rentner, der seit 1990 dem TSV angehört, wohl. Den Job macht er schon allein wegen der Vereinszugehörigkeit und weil er möchte, dass Geld in die Kasse kommt: „Manchmal stinkt es mir auch, aber der Spaß überwiegt“, begründet er.

Langsam wird es im Stadion belebter. Zwischen dem Donnern der Bälle, die gegen den Fangzaun krachen, kommt immer wieder ein Betreuer oder Jugendcoach, mit denen Kolasa freundschaftlich einschlägt.

Für jeden nimmt er sich ein wenig Zeit und wechselt ein paar Sätze. Schließlich erscheint ein dunkles Auto auf dem Parkplatz. Drei junge Männer steigen aus dem PKW: „Das sind die Schiedsrichter, das erkenne ich gleich“, sagt Kolasa mit einem verschmitzten Lächeln. Die drei jungen Herren nähern sich dem Biertisch. Hinter sich ziehen sie ihre klappernden Trollies: „Wo geht es denn bitte zu den Kabinen“, fragt einer der Schiedsrichter und bekommt prompt die Anweisungen vom Ticketverkäufer, der ihnen ein Stadionblättchen anbietet: „Heute wird unser Trainer nach dem Spiel verabschiedet“, verrät er den jungen Männern. „Alles klar, das bekommen wir hin“, antwortet ihm der Referee und begibt sich in Richtung Kabinen.

,,Mir ist die Jugend unglaublich wichtig.“

Der Regen lässt inzwischen nach und Kolasa baut seine Utensilien wieder auf seinem Holztisch auf. Nach und nach strömen immer mehr Menschen herbei und bezahlen ihren Eintritt beim freundlichen Kassierer. Das Geld klimpert in der Kasse und die Partie rückt immer näher. Auch mit den Zuschauern unterhält sich der grauhaarige Rentner mit Schnauzer und markanten Koteletten gerne und fragt die unbekannten Gesichter: „Sie hab ich hier aber noch nie gesehen. Darf ich fragen woher sie kommen?“ Meist ist die Antwort dieselbe: „Aus Satteldorf.“ Dem Städtchen, aus dem die Gästemannschaft heute angereist ist. Und auch mit den jungen Fans versteht sich Kolasa gut: „Ich kann mit Kindern und sie können mit mir. Mir ist die Jugend unglaublich wichtig“, sagt der Familienvater, der sein Trinkgeld nicht einsteckt, sondern stattdessen in die Jugendkasse spendet. „Ich kann und will mich mit dieser Tätigkeit nicht bereichern, sondern ich möchte den Verein unterstützen“, erklärt er.

Mit dem Anpfiff des Spiels ist die Arbeit von Walter Kolasa noch nicht beendet: „Ich kassiere bis zur Halbzeit ab und anschließend sperre ich die Kasse im Tickethäuschen weg und schaue mir die Partie von der Tribüne aus an.“

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Der Blick auf's Spielfeld ist dem 66-Jährigen besonders wichtig.

T. Hackert

Zwar nimmt der Betireb ab, dennoch verpasst der leidenschaftliche Bayernfan, während er einen Zuschauer abkassiert, das erste Tor seines TSVs. Schnell dreht sich Kolasa nervös um, um einen Blick auf den Torschützen zu erhaschen. „Tor für unseren TSV durch die Nummer acht: Nils Lüdcke“, hallt es durchs Stadion, während die Fans lautstark klatschen. Kolasa nickt zufrieden und wendet sich wieder mit einem Lächeln dem Kunden zu und erinnert sich an das schönste Erlebnis als Kassierer: „Das war das Viertelfinalspiel im wfv-Pokal gegen den FC Heidenheim vor rund 1200 Zuschauern.“ Zwar ging die Partie damals verloren, aber der Verein freute sich über rund 8000 Euro Einnahmen und eine unbeschreibliche Stimmung.

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Bei ganz besonderen Spielen klimpert viel Geld in der kleinen Kasse des Ticketverkäufers.

T. Hackert

Mit dem Halbzeitpfiff und nach der Diskussion mit dem Wurstliebhaber endet die Schicht des 66-Jährigen. Er nimmt die schwarze Kasse und verschließt sie gemeinsam mit den Stadionheften im alten Ticketschalter, dann öffnet er auch wieder die anderen Tore für die Zuschauer. Wie viel er heute eingenommen hat, rechnet er später, im fünf Minuten entfernten zuhause aus und trägt es in seinen Computer ein. „Normalerweise liegen die Einnahmen bei Partien der ersten Herren-Mannschaft bei rund 200 bis 700 Euro, je nach Spiel“, verrät er. Sein Arbeitstag auf dem Platz ist für heute jedoch beendet und er kann sich den Abschied des beliebten Trainers gemütlich von der Tribüne aus ansehen.

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