Die letzte ehrliche Straße

swp-logo

Die letzte ehrliche Straße

Auf Facebook empfehlen Twittern Google +1 Pin it!

Oft verranzt, stellenweise trostlos und grau, gespickt mit Pizzabuden und zwielichtigen Kneipen: Für viele Menschen, die jeden Tag durch sie hindurchrauschen, ist die Karlstraße kein Ort zum Verweilen. Für diejenigen, die dort leben, arbeiten und ausgehen, ist sie eine Lebensader: eine Insel für die einen, der letzte ehrliche Ort der Stadt für andere.

Jetzt wird aus der Ost-West-Magistrale wieder das, was sie ganz früher schon einmal war: eine Allee. Der Umbau wird einige Jahre dauern. Was bedeutet das für Anwohner und Betriebe? Wie nehmen sie ihre Straße wahr? Welche Geschichten stecken hinter den Fassaden? Mit unserem multimedialen Projekt „Die letzte ehrliche Straße“ besuchen wir die Menschen der Karlstraße und reisen durch ihre Geschichte.


Grüne Insel an der Karlstraße

Karlstraße

Hermann Stark steht in seinem Garten und winkt der Regionalbahn hinterher. Keine zwei Meter entfernt rattert der rote Zug – vorbei an Obstbäumen, deren Äste schwer beladen ins lange Gras hängen.

Der Ostbahnhof ist in Sichtweite, parallel zu den Gleisen verläuft in ein paar dutzend Metern Entfernung das Ostende der Karlstraße. Stark ist kein Guerilla Gärtner. Seine tausend Quadratmeter Grün in der Stadt gehören zum Haus mit der Nummer 101. Dort ist der 66-Jährige aufgewachsen, dort lebt er heute noch. Ein Ort, von dem er sagt: „Es ist eine Insel.“

Es gibt sie in jeder Stadt, diese Orte, die überraschen, weil man sie nicht vermutet hätte an dieser Stelle, in jener Nische. Wie eben diesen Garten an einer vierspurigen Straße, auf der die allermeisten Menschen immer nur durchfahren, weil sie halt müssen, um von Ost nach West durch die Stadt zu kommen oder umgekehrt. Wer dort lebt, hat eine andere Perspektive. Hermann Stark, der an der Pforte des Theaters arbeitet, findet jedenfalls:

„Die Karlstraße ist ja nicht nur eine abgefahrene, verwahrloste Straße.“

Er muss es wissen. Von seiner luftigen Maisonette-Wohnung im sechsten Stock blickt Stark über die Dächer der Oststadt, vom Balkon aus links die Georgskirche, in der Mitte das Münster und rechts die Pauluskirche. Nein, von der vielbefahrenen Straße, durch die jeden Tag abertausende Autos rauschen, hört und sieht man wirklich nicht viel. Auch seine Schwester Angelika lebt seit kurzem wieder dort oben – nach zwanzig Jahren in New York auf Long Island. Seit einem Jahr ist sie zurück in Ulm, zurück in der Karlstraße, zurück im Haus mit der Nummer 101. Sie war angereist, um ihre Mutter zu pflegen. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Amerikaner, ist sie geblieben.

1911 wurde das Haus erbaut, seit bald 75 Jahren ist es die Heimat der Familie Stark. Die Eltern waren in die Wohnung im vierten Stock gezogen, nachdem sie geheiratet hatten. 1940 war das. Bald danach mussten sie raus aus der Karlstraße und raus aus der Stadt, auf die die Bomben des Zweiten Weltkriegs fielen. Die Familie kam aufs Land: Erst nach Finningen, dann aufs Lauinger Schloss. Als die Mutter nach Kriegsende mit ihren Kindern wieder nach Ulm kommt und zurück in ihre Wohnung will, lebt dort eine andere Frau. Alleine in vier Zimmern. Die Starks sollen in die Gaisenbergkaserne. Das kommt Elisabeth Stark nicht in die Tüte. Sie setzt sich vors Haus und geht nicht fort, bis sie mit den Kindern zurück in ihre Wohnung kann.

Karlstraßen-Kindheit in der Nachkriegszeit: Hermann, Angelika und ihre vier Geschwister spielen auf der Straße – Federball und Rundläufe um den Häuserblock. Bis zum Kriegerdenkmal an der Stuttgarter Straße geht das Revier. Spektakel gibt es genug: Pferdefuhrwerke bringen lange Eisstangen zu Gold Ochsen, Elefanten stampfen vom Bahnhof zum Wielandplatz, auf dem der Zirkus gastiert. Ein wenig unvorbereitet trifft die beiden Geschwister die Nostalgie, die plötzlich hochkommt, als sie von ihrer Kindheit erzählen. Eigentlich hätten sie es ziemlich gut gehabt, finden die Geschwister unisono.

„Wir können uns über das Aufwachsen hier gar nicht beklagen. Seltsam, dass einem das erst jetzt klar wird.“

In den 1950er Jahren wird es laut. Der Verkehr nimmt zu. Gestört hat das die Kinder nicht. Punkt sechs Uhr abends war die Straße schwarz – vor Arbeitern, die sich auf den Nachhauseweg machten von den Wielandwerken und der Pflugfabrik Eberhardt. Oststadt, das war damals Arbeiterstadt, Industriestadt.

Schienen haben auch schon in der Kindheit der Starks eine Doppelrolle gespielt – nicht nur hinterm Haus. Der Vater war Alt-Ulmer, linkssozialistisch und Eisenbahner. Die Kinder sind mehr oder weniger im Zug aufgewachsen, alle sind viel rumgereist in ihrem Leben. Das Haus aber ist immer Mittelpunkt geblieben. Die Mutter war eine kleine, aber taffe Frau. „Die hat auch unseren Balkon doppelt so groß bauen lassen, wie sie’s gedurft hätte“, erzählt Hermann Stark und ist ein wenig stolz dabei.

1982 stand das Haus zum Verkauf. Die Geschwister wussten: jetzt oder nie. Und waren sich schnell einig. Sie kauften das Haus, die Mutter zog – damals immerhin schon Mitte 60 – in das oberste Stockwerk und baute die Bühne aus. „Bis sie 92 war, ist sie die sechs Stockwerke noch flott hochgelaufen“, erzählt ihr Sohn. Fast ein dreiviertel Jahrhundert lang hat sie in der Karlstraße 101 gelebt. Vergangenen Dezember ist sie gestorben. Mit 96.

Über Jahrzehnte spiegelt sich im Haus die Gesellschaft im Kleinen: Da wohnen kinderreiche Familien und Solo-Fräuleins, Konservative und Linke. Streit gibt’s aber nie. Im Gegenteil. Der Zusammenhalt ist außerordentlich groß. Weihnachten feiern alle gemeinsam und wilde Faschingspartys auch. Elisabeth Stark steht im Zentrum all dessen.

„Meine Mutter ist nirgends hingegangen, alle sind zum Ratschen raufgekommen.“

Irgendwann ist die Nachkriegsgeneration weggestorben, der Zusammenhalt aber blieb. Man wohnte immer familiär. Die Starks füllten das Haus mit Leben – mit Freunden, Bekannten, WGs. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Nur die Feste finden nun draußen statt. Aus dem kleinen Grünstreifen ist durch Zukauf von Bahngrund vor ein paar Jahren ein großzügiger Garten gewachsen.

Immer wieder kam und ging das Grün: Noch in den 1970er Jahren standen mächtige Lindenbäume an der Straße, die Bewohner pflückten sich ihren Tee vom Fenster weg. Als die Bäume gefällt und stattdessen Parkplätze gebaut wurden, bekam Hermann Stark langsam ein Gefühl, das er lange mit sich herumtragen sollte: Diese Straße und ihre Bewohner sind abgeschrieben. Dass inzwischen wieder Linden gepflanzt worden sind, dass die Karlstraße bald wieder eine Allee sein soll mit Flüsterbeton, all das gefällt ihm: „Da sind wir schon versöhnt.“

Bleibt noch ein Wunsch: moderne, geräuscharme Bremsen für die Züge, die am Garten vorbeifahren.

Text: Christine Liebhardt
Fotos: Lars Schwerdtfeger

Die Tanzlehrerin >>

© 2014 SÜDWEST PRESSE

Idee und Koordination: Christine Liebhardt
Grafik: Niklas Döhring
Technische Umsetzung: Artjom Simon, Annick Schönberger

Impressum

  Comments

Be the first to leave a comment!

Schreiben Sie einen Kommentar