Die Katzen machten „miäü“

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25 Jahre Mauerfall

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Kabarettist Nils Heinrich stammt aus Sangerhausen, lebt aber seit langem im Westen. In seinen Bühnenprogrammen thematisiert er ausführlich seine DDR-Vergangenheit – erstaunlicherweise wird er vor allem von westdeutschen Veranstaltern gebucht.

Ist er jetzt Ostdeutscher oder Westdeutscher? Kabarettist Nils Heinrich stammt aus Sangerhausen. Den dortigen breiten, dem Sächsischen nicht unähnlichen Dialekt spricht er perfekt und macht auf der Bühne ausgiebig Gebrauch davon. Auch erzählt er in seinem aktuellen Programm – Titel: „Wir hatten nichts – außer Umlauten“ – ausführlich von seiner DDR-Vergangenheit.

Und doch: „Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich im Westen verbracht“, sagt der 43-Jährige. Er zog 1991 aus dem Süden Sachsen-Anhalts weg, lebte einige Jahre in Hannover, später in München, wohnt nun in Berlin. Und zwar in Berlin-West: in Schöneberg, Stadtteil Friedenau. „Da ist die Miete billiger als in den angesagten Ostbezirken wie Mitte und Friedrichshain“, sagt der verheiratete Vater eines Kindes. Man könnte also sagen: Nils Heinrich ist ein typischer „Wossi“.

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Sein Publikum findet der Kabarettist erstaunlicher­weise vor allem in den west­deutschen Bundes­ländern. „90 Prozent meiner Auf­tritte habe ich dort. Wieso das so ist, kann ich gar nicht sagen. Natürlich sind auch immer viele Ostdeutsche im Publikum, aber der Großteil ist aus dem Westen.“ Vielleicht profitiert Heinrich ja von dem Stefan-Möller-Effekt: Dieser deutsche Kabarettist ist hierzulande ziemlich unbekannt und wird von den Polen als Star gefeiert – weil er in deren Augen auf humorvolle Weise den typischen Deutschen repräsentiert.

Typisch DDR sind die – natürlich kabarettistisch überzeichneten – Geschichten allemal, die Nils Heinrich an diesem Abend bei seinem Auftritt im Hannoveraner Theater am Küchengarten erzählt: von den alljährlichen Sommerurlauben im Harz, von dem man selbst doch nur wenige Kilometer entfernt wohnte, und von diesem merkwürdigen Dialekt mit Umlauten – sogar die Katzen machten angeblich „miäü“.

Lachen Ost- und Westdeutsche seiner Erfahrung nach über verschiedene Dinge? „Nicht unbedingt“, sagt Nils Heinrich. „Es gibt aber Sachen, die Westdeutsche kaum verstehen können. Zum Beispiel, wenn ich Witze darüber mache, wie wir uns manchmal über den Inhalt von Westpaketen aufgeregt haben. Wenn statt der schönen Sachen aus der Werbung etwas mit der Aufschrift ,Hergestellt für Aldi, Mülheim/Ruhr‘ in den Päckchen war. Aldi macht nämlich keine Fernsehwerbung, und deshalb kannten wir die Sachen nicht.“

Als kleinen Gag hat Nils Heinrich auch den Pioniergruß in seinem Programm. „Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!“, ruft er ins Publikum. Meistens sind es zehn oder fünfzehn Personen, die dann antworten: „Immer bereit!“ – das sind die Ostdeutschen.

Grundsätzlich darf ein Kabarettist natürlich keine Hemmungen haben, alles, was irgendwie zu seinem Thema gehört, humorvoll zu verarbeiten. Nils Heinrich macht aber eine Ausnahme: „Das Thema Arbeitslosigkeit eignet sich nicht wirklich, um darüber Scherze zu machen.“ Und worüber kann er selbst überhaupt nicht lachen? „Ich war direkt nach der Wende einmal im Westen bei einem Arzt. Der Mann wollte mir tatsächlich erklären, wie man mit dem Fußhebel einen Mülleimer aufbekommt – dabei hatten wir selbst so welche. Das fand ich überhaupt nicht lustig.“

Text: Michael Gabel
Fotos: Ronny Fonfara, Michael Gabel

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