War es doch Mord?

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Universum Center

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Tag zwei im Universum-Center-Prozess: Im Internet sprach der enttäuschte Verliebte, der nun auf der Anklagebank sitzt, eine Drohung aus. Aber auch Geld könnte bei dem Tötungsdelikt eine Rolle gespielt haben.

„Der wäre die Idealbesetzung für einen Mörder.“ Es war nur so ein Gedanke, den ein Bewohner des Universum-Centers nach der Begegnung mit dem 26-Jährigen hinter der Wettbüro-Theke hegte. Und den er nun gestern, im Zeugenstand vor der Schwurgerichtskammer, wiederholte. Denn möglicherweise hat die Realität sein fiktives Drehbuch eingeholt. Der Mann aus dem Wettbüro sitzt auf der Anklagebank. Er soll im vergangenen Juni eine 19-Jährige in ihrer Wohnung in dem Wohn- und Geschäftshaus am Ehinger Tor erwürgt haben. Ihre Mitbewohnerin hatte sie mit einer Plastiktüte über dem Kopf, nahezu entkleidet und mit gespreizten Beinen tot aufgefunden.

Es war am Ende eines langen zweiten Verhandlungstags, als Gerd Gugenhan, Vorsitzender Richter am Landgericht, gegen 17.30 Uhr den Hinweis gab, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen oder zur Befriedigung des Geschlechtstriebs in Betracht kommt. Und damit ein lebenslange Haftstrafe. In der am Dienstag verlesenen Anklageschrift wird dem Ulmer lediglich Totschlag zur Last gelegt, maximal 15 Jahre Freiheitsstrafe sieht der Gesetzgeber dafür vor.

Schon zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte ein Schuldbekenntnis abgelegt. Sein Strafverteidiger Ingo Hoffmann hatte eine Erklärung verlesen, in der sich sein Mandant zur Tat bekannte. Er bedauerte den Totschlag „unendlich“ und entschuldigte sich bei der Mutter der jungen Frau, die als Nebenklägerin auftritt. Aber: Der 26-Jährige wisse nicht, was an jenem frühen Sonntagmorgen, am 27. Juni, passiert ist. Seine Erinnerungen setzen nach eigener Aussage Stunden vor dem Tötungsdelikt aus. Er leide an einem rückwirkenden Gedächtnisverlust, der durch die massiven Kopfverletzungen verursacht worden sei. Der Ulmer wollte sich Stunden nach der Tat mit einem Sturz aus dem Fenster im dritten Stock seines Wohnhauses das Leben zu nehmen, überlebte aber schwer verletzt.

Schauspielert der Angeklagte? Die vielen Zuschauer im Schwurgerichtssaal sind sich uneins. Er verfolgt den Prozess erhobenen Hauptes. Es ist der bohrende Blick, mit denen er die Bilder der Überwachungskameras am Universum-Center und jene aus der Spielothek betrachtet, die er nach dem Tod der 19-Jährigen besuchte: Die Zähne aufeinandergepresst, der Hals dunkelrot verfärbt, scheint er die von ihm gemachten Aufnahmen verwundert zu betrachten. Als er sieht, wie die später Getötete Minuten, nachdem er den Fahrstuhl zu ihrer Wohnung genommen hatte, nach Hause kommt, zeigt er erstmals eine Regung, schlägt die Hände vors Gesicht.

„Ich bin verliebt. Es ist zu spät.“

„Ich bin verliebt. Es ist zu spät“, soll der 26-Jährige zu seinem Vater gesagt haben, ehe er sich kopfüber aus dem Fenster warf. Viele Freunde des Angeklagten sagten gestern aus. Frauen gegenüber sei er, der Korpulente, zurückhaltend gewesen. Keiner wusste davon, dass er jemals eine Freundin hatte. Die Mutter des Angeklagten starb, als er 10 war. Er flog von zwei Schulen, weil er Lehrer und Mitschüler bedrohte, schaffte den Hauptschulabschluss nicht. Mit 17 hatte er Geschlechtsverkehr mit einer unter 14-Jährigen, kassierte dafür eine Jugendstrafe. Er gilt als verschlossen. Auch über seine Gefühle zu der 19-Jährigen sprach er wenig. „Ich glaube, er hat in ihr das gefunden, was er all die Jahre gesucht hat“, sagte sein bester Freund. Sie war lebensfroh, bildhübsch. Sie sei der einzige Mensch, der ihn wirklich verstehe, habe er einmal gesagt.

Der 26-Jährige warb um die junge Frau, beschwor seine Liebe. Freunden fiel auf, dass er sich veränderte, sich besser anzog, Sport machte, viel abnahm. Vergebliche Liebesmühe. Die 19-Jährige versicherte ihm immer wieder, sie wolle ihn nur als guten Freund. Als sie sich im Frühjahr im Auto küssten, sie ihm aber danach die kalte Schulter zeigte, kam es zum Bruch zwischen beiden. „Ich habe mit ihr abgeschlossen“, sagte er zu seinem Freund. Doch der sprach eine Woche vor der Tat mit der 19-Jährigen. Und sie sagte: „Ich habe ihm so viele Laufpässe gegeben, er kapiert es einfach nicht.“ Auch der Ton des 26-Jährigen änderte sich: „Eines Tages zahle ich dir alles zurück“, schrieb er im Internet.

Neben der unglücklichen Liebe spielt ein zweites Thema eine zentrale Rolle: Geld. An der Börse der Toten gibt es DNA-Anhaftungen des Mannes. Mit Freunden war der Hochverschuldete vor der Tat in einer Disco, offenbar ohne einen Cent in der Tasche. Irgendwann verschwindet er, ehe ihn die Kameras am Universum-Center um 4.33 Uhr erfassen. Sie zeigen auch, wie er das Hochhaus um 7.11 Uhr verlässt. Als er um 7.21 Uhr eine Spielhalle betritt, wechselt der 26-Jährige einen 100-Euro-Schein und macht, sagt die Mitarbeiterin, eine Bekannte, einen ganz normalen Eindruck. Auf seinen Gewinn, 750 Euro, wartet er nicht mehr. Er geht nach Hause, springt aus dem Fenster.

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Video: Christian Wille
Texte: Manuel Bogner, Christoph Mayer
Fotos: Volkmar Könneke, Lars Schwerdtfeger, Archiv
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