Zu Gast in Slubfurt

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25 Jahre Mauerfall

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Die Frankfurter Stadtbrücke ist das Tor nach Polen oder das Tor nach Deutschland, je nachdem auf welcher Seite man steht. Für Aktionskünstler Michael Kurzwelly ist das so oder so nicht so wichtig, denn er fühlt sich „in jeder Hinsicht dazwischen“. Er hat die Stadt Slubfurt gegründet.

Frankfurt an der Oder: Michael Kurzwelly passt wunderbar in die brandenburgische Stadt. Räume und Grenzen spielen in Kurzwellys Kunst eine zentrale Rolle. In Frankfurt genügen wenige Schritte über eine Brücke, um in der polnischen Nachbarstadt Slubice zu sein.

Zu Hause fühlt sich der 51-Jährige aber weder in Frankfurt noch in seinem Geburtsort Darmstadt oder in Bonn, wo er aufwuchs. Eher dort, sagt er, wo sich in Frankfurt „Deutschland, Polen und Kaufland treffen“ – und Slubfurts Stadtmauer ist. „Slubfurt wurde 1999 gegründet und ist die erste Stadt, die je zur Hälfte in Polen und Deutschland liegt“, sagt Kurzwelly, als er neben der Mauer und dem Kaufhaus steht. Der Name ist ein Konstrukt aus Slubice und Frankfurt. Der Künstler erzählt von Slubfurts Kommunalwahlen und zeigt das Stadtwappen, einen Hahn auf einem Ei.

Kurzwelly wandelt durch Grenzräume und versucht, mit Aktionskunst Grenzen aufzulösen. „Ich habe drei Jahre in Frankreich gelebt, acht Jahre in Polen und deshalb fühle ich mich in jeder Hinsicht dazwischen.“ Nationalstaaten sind ihm suspekt, seit er sich als Jugendlicher mit dem Dritten Reich beschäftigte.

Mit Slubfurt will Kurzwelly auf beiden Uferseiten die rund 58.000 deutschen und 17.000 polnischen Bürger dazu bewegen, Frankfurt und Slubice als einen Lebensraum zu begreifen, in dem sie zusammen mehr voranbringen, als wenn jede Seite nur bis zur Staatsgrenze denkt. In den 15 Jahren haben sich etliche Bürger für das Kunstprojekt engagiert. Es sei noch einiges zu tun, sagt Kurzwelly, aber beide Seiten kooperierten heute mehr.

Was die innerdeutsche Einigung betrifft, sieht er ebenfalls noch Handlungsbedarf. Zumindest bei seinen Bonner Freunden erkenne er kaum Interesse für den Osten. Auf die Frage, ob sein Projekt auch im geteilten Berlin eine Option gewesen wäre, lächelt er. „Es lässt sich durchaus auf andere Grenzräume übertragen“, aber eine gewisse Offenheit der Grenze sei schon wichtig. Seine Arbeit sei durch den EU-Beitritt Polens viel leichter geworden.

„Ich könnte mir allerdings vorstellen, so ein Projekt provokativ an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zu machen.“

Wie Kurzwelly versucht auch Hagen Dannehl Menschen über Grenzen hinweg zu helfen – allerdings gegen Geld. Zusammen mit seinem Sohn Roger führt der 70-Jährige die Schmetterling-Reisen Brandenburg GbR an der Karl-Marx-Straße in Frankfurt.

Im April 1990 eröffneten sie das Reisebüro. Viel Erfahrung brachte Hagen Dannehl nicht mit. Schulleiter war er zu DDR-Zeiten, aber „auch Motorsportfan, und nebenbei haben wir etwas Motorsport-Touristik in Richtung Tschechei und Ungarn betrieben. Als nach dem Mauerfall mein Sohn dann arbeitslos wurde, dachten wir, probieren wir es mit einem Reisebüro.“

Die Dannehls hatten einen guten Zeitpunkt gewählt. Nach dem Mauerfall 1989 konnten die Ostdeutschen endlich reisen, wohin sie wollten. Der Nachholbedarf war riesig. „Das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Die Dannehls kooperierten mit dem Reiseunternehmen Schmetterling aus dem Fränkischen und verkauften in den ersten Jahren viele Busreisen: „Das waren vor allem Kra-Wumm-Fahrten“ – zum Beispiel über Nacht mit dem Bus nach Paris, ein Tag Aufenthalt und zurück.

„Paris lief wie verrückt, aber auch nach Spanien starteten jede Woche zwei, drei Busse. Heute fahren nicht einmal mehr Schulklassen mit dem Bus dahin.“

London, Italien, Bayern, der Schwarzwald standen ebenfalls hoch im Kurs – nur Ziele im Osten, die waren „total out“.

Inzwischen buchen Dannehls Kunden ganz andere Reisen: „Die Frankfurter sind Kreuzfahrer geworden. Die laufen jetzt sehr gut. Klassiker wie Mallorca und Türkei, aber auch USA, Südafrika und Südamerika sind gefragt.“ Keine billigen Reisen. „Es gibt hier noch Senioren, die Geld haben und bereit sind, es auszugeben. Wie die Perspektive mit den vielen Hartz-IV-Beziehern ist, wissen wir natürlich nicht.“ Frankfurt hatte im Oktober eine Arbeitslosenquote von zwölf Prozent. Ziele im östlichen Ausland gewinnen nur langsam an Bedeutung: „Beliebter werden die Kureinrichtungen an der polnischen Ostsee.“

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Das Reisebüro von Vater Hagen und Sohn Roger Dannehl in Frankfurt/Oder

Reisen erweitert den Horizont und hilft, andere Menschen zu verstehen, sagt man. In Bezug auf Ost- und Westdeutsche, findet Dannehl, stagniere das Verhältnis zu- und Verständnis füreinander leider. Wenn er mit anderen Kollegen aus dem Westen auf Geschäftsreisen zusammentreffe, stelle er regelmäßig fest, wie wenig die West-Kollegen vom Osten wüssten. „Da höre ich dann immer noch von einigen, wir Ostdeutsche würden keinen Solidarbeitrag zahlen und – übertrieben gesagt – das Geld nur verballern, was beides nicht stimmt. Und gleichzeitig macht sich hier in der Gegend bei vielen Hoffnungslosigkeit breit, weil immer noch viele arbeitslos sind und keine Perspektive sehen.“

„Durch diese Probleme auf beiden Seiten, glaube ich, dass diese geistigen Grenzen leider nicht so schnell fallen, wie wir es alle möchten.“

Text: Andreas Clasen
Fotos: Christine Liebhardt, Andreas Clasen

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