Dauersieger mit Zukunftssorgen

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Weg!, schreit Tobias Kaufhold in vollem Sprint. Gerade noch erreicht er den Angriffsschlag des gegnerischen Teams mit seinem linken Unterarm.

„Sehr gut!“, erschallt direkt das Lob des Mitspielers für seine gelungene Rettungsaktion. Der Faustball schnellt in die Höhe, woraufhin er, nach einem Bodenkontakt, vom Zuspieler an die Mittelleine gespielt wird. Eine präzise Vorlage. Ein wuchtiger Abschluss des Schlagmanns. Punkt für Kaufholds Trainingsteam. Er ballt die Faust, rückt seine Brille zurecht und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Auf solche Aktionen können sich seine Teamkollegen nicht nur im Training, sondern auch in wichtigen Situationen in der zweiten Liga verlassen. Er klatscht mit einem Mitspieler ab und motiviert sein Team: „Weiter so, Jungs.“

,,Kameradschaft ist für uns alle sehr wichtig. Man muss sich aufeinander verlassen können. Auf und neben dem Platz.“

Seit 2005 spielt der 28-Jährige im Grafenauer Stadtteil Döffingen in der ersten Faustball-Mannschaft. Nebenher spielt er gerne Darts, Tennis, Volleyball oder Fußball. Doch nirgends fühlt Kaufhold sich so wohl wie auf dem Faustball-Feld.  Heutzutage führt der sportbegeisterte Abwehrspieler die Grafenauer als Kapitän auf den Platz.  Beim TSV Grafenau zählt in der Jugend: entweder Fuß- oder Faustball. Doch das ist nicht überall so. Von 50 Vereinen im schwäbischen Raum besitzen nur 26 davon Junioren-Teams. Der TSV ist einer davon. Damit bemüht der Verein sich um die Zukunft des Faustballs. Denn die Mitgliederzahlen in deutschen Faustball-Abteilungen nehmen nach und nach ab. „Seit 1925 spielen wir hier in Döffingen Faustball. Die hundert Jahre wollen wir auf jeden Fall voll machen“, sagt mir ein Mitglied der Altherren-Mannschaft, der ebenfalls das Training verfolgt. Seine bedenkliche Miene kann er dabei nicht verbergen. Erklären kann sich das keiner so recht.

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Der Faustball-Aufschlag von der 3-Meter-Linie. Hier wird der Ball mit der Faust so schnell wie möglich beschleunigt.

Die deutschen Nationalmannschaften dominieren seit Jahren das internationale Topniveau. Neben Argentinien, Brasilien, Schweiz und Österreich gehören die Deutschen zur Spitze der Faustball-Szene. Das war schon immer so. Momentan können die deutschen Auswahlteams die Weltmeister-Titel der Männer, der Frauen und der Junioren-Mannschaften bis runter zur U18 ihr Eigen nennen. Dabei erblassen sogar die Fußballer – immerhin Weltmeister 2014 in Brasilien – vor Neid.

Auf dem Trainingsplatz geht es ohne Pause weiter. Kräftiger Aufschlag. Hohe Abwehr. Genaues Zuspiel. Explosiver Abschluss. Die Sonne brennt schonungslos vom Himmel, 28 Grad, kein Schatten. Für die Faustballer um Tobias Kaufhold kein Problem. Jeder setzt sich für den anderen ein. Alles wird gegeben. Nach verlorenen Bällen wird sich kurz geärgert, aber dann direkt angefeuert. „Kameradschaft ist für uns alle sehr wichtig. Man muss sich aufeinander verlassen können. Auf und neben dem Platz“, sagt Kaufhold. Für ihn mache dies den Reiz des Faustballs aus.

Ballwechsel mit vielen kurzen Bällen. Am Ende ein glücklicher Punktgewinn.

Betrachtet man den TSV Grafenau, erscheint das verständlich. Die erste Mannschaft spielt in der Zweiten Bundesliga Süd. Einer von vier Zweitliga-Staffeln in Deutschland. Dafür müssen die Akteure weite Strecken zurücklegen. Ein kleiner Abteilungsbus steht dafür zur Verfügung. Das ist alles. Anreise, Verpflegung, Unterkunft – das organisiert das Team größtenteils selber und bezahlt es aus eigener Tasche. Als Maschinenbau-Techniker bei Daimler muss Tobias Kaufhold auch Rücksicht auf seinen Beruf nehmen. Denn selbst im Spitzenbereich zählt Faustball zu den Hobbies. „Klar spielt man Zweite Liga. Aber man ist eben Teil einer Randsportart. Dennoch lohnt es sich für uns sehr“, sagt Kaufhold. Das merkt man auch im Training.

Der erste Rückrundenspieltag steht an und man muss noch an der Technik feilen. In der Vorbereitung lag der Fokus auf Kondition, Schnelligkeit und Schlagkraft. Faustball besteht aus vielen Komponenten, die jeder Spieler beherrschen muss. Antizipation und Spielintelligenz sollen nun spielerisch verbessert werden. Genaue Zuspiele und gute Abwehrarbeit steht heute auf dem Programm. Die erste, zweite und dritte Mannschaft trainieren heute gemeinsam.

„Willst du auch ein paar Schläge machen?“, ruft mir Tobias Kaufhold zu. Doch schon nach wenigen Abwehraktionen und Zuspielen spüre ich meinen Unterarm kaum noch. Jeder Ballkontakt schmerzt. Ein stechender, tief sitzender Schmerz. Der Unterarm? Ja, beim Faustball spielt man den Ball größten Teils mit der Innenseite des Unterarms, da man so mehr Kontrolle hat. So zumindest die Theorie. Meine Zuspiele lassen jedoch zu wünschen übrig, weshalb ich mich wieder auf das Zuschauen beschränke. Währenddessen auf dem Feld: Aufschlag. Abwehr. Zuspiel. Erst von der einen, dann von der anderen Seite. Die Abwehrspieler um Tobi hechten über das Spielfeld. Über jeden verpassten Ball wird sich geärgert. Jeder gute Aufschlag wird gefeiert. „Weg!“, „Aus!“, „Ran!“, „Gutes Ding!“, es geht wortwörtlich Schlag auf Schlag.

Aufschlag. Abwehr. Zuspiel.

Nach anderthalb Stunden Training in der prallen Sonne packen die Faustballer zusammen. Aufräumen. Tasche schnappen. Vereinsgaststätte. Nach dem erfolgreichen Training sitzt man noch zusammen und löscht den Durst mit einem kühlen Bier. „Natürlich würden wir uns wünschen, dass wir mehr Zuschauer hätten. Breiteres Interesse der Bevölkerung würde bestimmt auch zu einer Renaissance des Faustballs in Deutschland führen. Trotz der großen Erfolge, die wir auf internationalem Niveau feiern dürfen, können wir bei Heimspieltagen maximal 100 Leute begrüßen.“, sagt Kaufhold. „Und selbst von diesen Erfolgen wissen nur die wenigsten Menschen in Deutschland.“

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