Der Wegbereiter in Herrenberg

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Der Blick ist starr. Er richtet sich auf Steine, Sträucher, Schlamm. Daniel Hohpes Hände greifen den Lenker fester.

Ein tiefer Atemzug und er setzt sein Rad in Bewegung. Er muss genügend Schwung haben, um über den nächsten Sprung hinüber zu kommen, darf aber auch nicht zu schnell werden, sonst fliegt er aus der Kurve. Die Scheibenbremsen quietschen.

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Ein weiteres Mal trägt Daniel Hohpe sein Rad den Berg hinauf.

Er schlängelt sich durch das Geröllfeld auf den Absprung zu. Bei der Landung rutschen seine Reifen auf dem aufgeweichten Untergrund. Er hat Mühe, das Rad in der Kurve zu halten. „Nicht optimal gelaufen. Ich muss da weiter rechts landen, sonst schaffe ich die Kurve da hinten nicht“, resümiert der 26-Jährige. Also schultert er sein Rad und trägt es erneut zum Ausgangspunkt. Misserfolge gehören für Hohpe mit seiner lockeren Art dazu, halten ihn aber nicht davon ab, die Abfahrt immer und immer wieder zu probieren.

,,Das macht den Reiz des Downhillfahrens aus. Immer wieder den gleichen Streckenteil zu probieren, bis es endlich klappt.“

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Daniel Hohpe mit seinem Rad.

Angefangen hat alles im Jahr 2011. Mit Freunden sammelt Hohpe erste Geländeerfahrungen auf klassischen Mountainbikes. Schnell werden die Strecken anspruchsvoller und auch die Räder spezieller. Wege, die ihm anfangs noch schwierig erscheinen, reizen ihn schnell nicht mehr. Er sucht sich immer neue Herausforderungen: „Das macht den Reiz des Downhillfahrens aus. Immer wieder den gleichen Streckenteil zu probieren, bis es endlich klappt.“

Hohpe ist wieder oben angekommen und konzentriert sich auf die nächste Abfahrt. Sein Atem geht schwerer. Der starre Blick ist geblieben. Erneut ein tiefer Atemzug und wieder setzt er sein Rad in Bewegung. Er rast durch das Geröllfeld, diesmal setzt er den Sprung aber weiter rechts, sodass die Landung sicher gelingt. „Sauber, jetzt hat alles geklappt“, jubelt der Medienwissenschaftsstudent aus Tübingen.

Mit der Entwicklung der Räder kommt auch das technische Wissen. Die hochkomplexe Technik der ca. 16 kg schweren Räder eignet sich Hohpe zum Teil aus eigenem Interesse, zum Teil aber auch aus der Not heraus, das eigene Rad reparieren zu müssen, an. Bei den zahlreichen Stürzen im Training bleiben Schäden am Rad nicht aus. Besonders das Schaltwerk und die Reifen sind anfällig. Neben dem Fahrwerk, welches in dieser Disziplin stark beansprucht wird, ist eine funktionierende Bremse von großer Bedeutung. Hierbei ist Daniel Hohpe ein „frühes Ansprechen und eine hohe Bissigkeit wichtig“.

Doch nicht nur am Rad kommt besondere Ausrüstung zum Einsatz. Ein Integralhelm mit Brille schützt den gesamten Kopf bei Stürzen und hält das Sichtfeld auch bei herumfliegendem Dreck frei. Schützer an Knien, Ellenbogen und Rücken schützen den Rest des Körpers, denn Stürze bleiben bei dieser rasanten Sportart nicht aus. Daher überprüft Hohpe vor jeder Abfahrt den korrekten Sitz aller Protektoren und die richtige Einstellung des Sattels. Außerdem überlegt er sich vor schwierigen Teilen der Strecken, wie sie angefahren werden müssen.

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Daniel Hohpe in voller Montur.

Downhill erfordert von den Fahrern sowohl körperliche als auch mentale Fitness. Die im Stehen gefahrenen Abfahrten beanspruchen vor allem die Beinmuskulatur. Aber auch die Schultern und Hände werden auf den abwechslungsreichen Trails belastet. Und während all der körperlichen Anstrengung muss immer die Konzentration auf die Strecke hochgehalten werden. Fehler können in dieser Sportart weitreichende Folgen haben. „Schon ein kleiner Fehler reicht aus und es kann übel ausgehen“, berichtet Hohpe, der sich 2016 bei einem Sturz vier Rippen gestaucht hat. Weiter erzählt er: „Wenn man zu Beginn des Trails einen kleineren Fehler einbaut, kann sich der bis ganz nach unten aufschaukeln und dort in einem großen Fehler enden.“ So kam auch seine Entscheidung, keine Rennen in dieser Sportart zu fahren. Er konzentriert sich lieber auf das Vorantreiben der Sportart im Verein und den Streckenbau.

Das Quietschen der Scheibenbremsen durchschneidet die Stille des Waldes. Das Surren der Kette übertönt das leichte Pfeifen des Windes. Ein roter Schatten rast vorbei und lässt den Dreck auffliegen. Und dennoch wirkt das Downhillrad mit Fahrer hier nicht fehl am Platz. Probleme mit Naturschützern gab es überraschenderweise nicht.

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Der Einstieg der Strecke.

Dabei sind Downhillstrecken wie diese an anderen Orten in Baden-Württemberg sehr umstritten. Von Gegnern wurden zum Beispiel Drähte gespannt oder Nägel verstreut, um die Radfahrer aus dem Wald zu vertreiben. Das war in Herrenberg nicht der Fall: „Ich hätte da mit mehr Widerstand gerechnet“, erzählt Hohpe. Doch die Strecke im Schönbuch ist auch keine große Belastung für die Natur. Es wurden nur natürliche Materialien verwendet, kein einziger Nagel auf der Strecke verbaut und nicht befahrene Streckenteile zur Hangsicherung wieder bepflanzt.

Daniel Hohpe hat die Strecke bei Herrenberg am Rande des Schönbuchs zusammen mit Freunden aufgebaut. In Eigenregie haben sie auf dem 500 Meter langen Trail Steilkurven, Sprünge und Hangbefestigungen gebaut. Aus einem nicht mehr verwendeten Weg des ansässigen Wandervereins wurden so die „Winding Trails“. Um für diese Arbeiten die Genehmigungen zu bekommen und die Strecke versichern zu können, musste zuerst eine eigene Abteilung beim VfL Herrenberg gegründet werden. In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Förster wurde die Strecke geplant und besprochen. So wurde sichergestellt, dass keine Bäume durch den Bau beschädigt werden. Zudem wurde die Strecke vom Vorsitzenden des Radsportverbands Baden-Württemberg begutachtet und für die Versicherung geprüft. Von der Stadt Herrenberg wurden die Bauarbeiten finanziell unterstützt.

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Schilder kennzeichnen die verschiedenen Strecken.

Da der Verein daran interessiert ist, auch unerfahrene Fahrer für die Sportart zu begeistern, entschieden sie sich beim Bau für eine Aufteilung in Flow-line (für Unerfahrene) und in Enduro-line (für Geübte). So kann die Strecke auch mit einem normalen Mountainbike gefahren werden.

Für die Zukunft seines Vereins wünscht sich Hohpe, regelmäßige Trainingszeiten auch für Anfänger anbieten zu können. So ist es gut möglich, im Laufe der Zeit im Schönbuch immer mehr Downhillfahrer zu sehen, die versuchen, die Strecke so schnell wie möglich zu meistern.

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