Allein unter Frauen

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Hintergrund

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SY steht da in weißem Flock auf der schwarzen Allwetterjacke. Auf der Rückseite: Trainer, FSV Oßweil.

Die Jacke gehört Sebahattin Yildirim, den hier alle nur kurz „Sebo“ rufen. Wirft man jedoch einmal einen genaueren Blick auf das, was der Deutsch-Türke für den Verein und vor allem für dessen Frauenmannschaften tut, so müsste da noch einiges mehr auf die Jacke gedruckt werden: Betreuer. Psychologe. Motivator. Mannschaftsarzt.

Es ist Samstagmorgen, kurz nach halb neun. Spieltag der B-Juniorinnen, für die Yildirim neben den aktiven Damen verantwortlich ist. In seiner etwas in die Jahre gekommenen, türkisblauen A-Klasse sammelt er die Spielerinnen ein, die nicht selbstständig zum Sportplatz kommen können.

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Im Auto: ein Kompromiss zwischen Dortmund und Istanbul.

Lea Nagel

„Bei Auswärtsspielen bin ich auch schon mehrmals zwischen unserem Platz und dem gastgebenden Verein hin und her gefahren, weil wir nicht genug Fahrer hatten“, berichtet er noch leicht müde. Immer mit dabei: der BVB-Würfel am Rückspiegel – und die Bonbondose von Galatasaray Istanbul. Geboren wurde der 29-Jährige in Ludwigsburg, mit zwei ging es in die Türkei, vier Jahre später zurück nach Deutschland, seitdem lebt er hier.

,,Ich hatte extra Sandalen und Tennissocken an.“

Bis vor kurzem hatte er nur die türkische Staatsbürgerschaft. „Wenn ich nach meinem Studium als Mathe- und Sportlehrer hier arbeiten will, muss ich mich verbeamten lassen. Dafür brauche ich einen deutschen Pass, also war ich auf dem Landratsamt und hab erklären müssen, welche Staatsform wir hier haben und dass ich kein Mitglied einer Terrorzelle bin. Hatte extra Sandalen und Tennissocken an“, erklärt der Student und grinst.

Mittlerweile sind alle Mädels am Treffpunkt angekommen. Sebo hat Wasser und Iso-Drinks, Äpfel und Bananen in die Kabine gebracht, sortiert jetzt noch einige Stutzen aus dem Trikotkoffer, bevor sich die Spielerinnen umziehen. Währenddessen wird die Taktiktafel beschriftet und der Online-Spielerbogen ausgefüllt. Mit der dröhnenden Ballpumpe bringt er die Spielgeräte nochmal auf Vordermann und hängt anschließend das vorbereitete Motivationsplakat in die Kabine. „Teamworkmakesthedreamwork“. Warum er das macht? Das sei ganz einfach: „Die Mädels hier sind eine tolle Truppe, die haben alle das Herz am rechten Fleck. Angefangen hab ich, weil es hieß, es gibt keinen Trainer. Wie lange ich tatsächlich bleiben würde, das habe ich damals noch nicht gewusst. Es sind jetzt bald 10 Jahre – und eigentlich will ich auch nie von hier weg.“

Zu schade zum Kuchen backen

,,Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.“

Die gemeinsame Zeit, die er selbst als „eine der schönsten Phasen seines Lebens“ bezeichnet, begann im Jahre 2007. Der angehende Lehrer übernahm damals die B-Juniorinnen – der Verein war allerdings ein anderer. Bei der SpVgg Schlößlesfeld waren er und seine Mädels jedoch jahrelang neben der Herrenmannschaft nur schmückendes Beiwerk. Er erinnert sich: „Da wurde eigentlich nur an die Frauenabteilung gedacht, wenn jemand bei den Herren bewirten sollte. Das hatten die Mädels so nicht verdient. Ich wollte aber unbedingt, dass alle so zusammenbleiben, denn so etwas wie diese Mannschaft gibt es selten.“ Aufgeben war keine Option, obwohl die Mannschaft aufgrund der äußeren Umstände kurz vor der Auflösung stand. So fasste der Coach am Ende der vorletzten Saison einen Entschluss, trat auf den FSV Oßweil zu und nahm sowohl die komplette Mädchen- als auch Frauenmannschaft mit zum Nachbarverein.

Dass auch die Spielerinnen wissen, dass sie mit ihrem Trainer einen absoluten Glücksgriff gemacht haben, wurde dabei besonders deutlich: Sie kamen ohne Ausnahme mit. „Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten“, resümiert Sebo nach mittlerweile zwei Spielzeiten in Oßweil, „hier haben wir optimale Rahmenbedingungen und auch deshalb schon etlichen Zuwachs bekommen.“

Tape für die Tornetze

Nun muss der Platz aufgebaut werden: Gespielt wird heute auf dem Kunstrasen. Gut, immerhin muss nicht gestreut werden.

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Platzaufbau: Auf dem Kunstrasen müssen die Spielfeldbegrenzungen mit Hütchen markiert werden.

Lea Nagel

Stattdessen wird der Platz auf die richtige Größe abgesteckt, gemeinsam bauen alle Bänke und Eckfahnen auf. Anschließend werden die Tornetze geflickt. Er nimmt die Leichteste auf die Schultern, die mit Tape-Band die Löcher notdürftig flickt. Kreisliga eben. Auch die aktuelle Tabellensituation der Juniorinnen deutet nicht an, dass sich in absehbarer Zeit etwas daran ändert: in der Tabelle der Kreisstaffel steht die Mannschaft, deren Spielerinnen zwischen 11 und 17 Jahre alt sind, abgeschlagen am Tabellenende. „Ob ein Spiel mit einem Sieg oder einer Niederlage endet, das ist für mich zweitrangig. Die Mädels sollen die Grundlagen des Fußballspielens erlernen, das wichtigste ist, dass sie als Mannschaft zusammenspielen und sich gegenseitig unterstützen“, versucht er sein Konzept zu erläutern.

,,Dass wir jetzt den Aufstieg packen. Dass wir als Team zusammenbleiben und gemeinsam erfolgreich sind.“

„Teamworkmakesthedreamwork“ eben. Dass dieser Plan aufgeht, zeigt sich bei den Damen. Die bunte Truppe, in der auch einige Neueinsteiger spielen, tritt als Tabellenzweiter in den kommenden Wochen in der Relegation um den Aufstieg in die Regionenliga an. Das freut auch den Trainer: „Ich habe sehr viel Spaß daran, mit den beiden Mannschaften zu arbeiten, die Entwicklung der Mädels in den vergangenen Jahren ist Klasse.“ Der Stolz steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich will, dass sie immer besser werden und auch andere dazu animieren, besser zu werden. Dazu versuche ich meinen Teil beizutragen.“ Was er sich für die Zukunft wünscht? Er nimmt die Cap vom Kopf, fährt sich durch die kurzen schwarzen Haare. ,,Dass wir jetzt den Aufstieg packen. Dass wir als Team zusammenbleiben und gemeinsam erfolgreich sind.“

Früher Kampfsport – Heute Frauenfußball

Erfolgreich war er auch zu seiner eigenen aktiven Zeit als Sportler, einzig die Sportarten waren andere: Zuhause im Wohnzimmer stehen Pokale von Welt-und Europameisterschaften im Kampfsport, an der Wand hängen Tischtennisurkunden.

,,Die Frauen gehen vor.“

Jetzt das Kontrastprogramm: Frauenfußball. Fünfmal in der Woche Training, das vor- und nachbereitet werden muss, samstags und sonntags Spiele. Sitzungen mit der Vorstandschaft und der Abteilungsleiterin Christine Kühnle, mit der er sich wöchentlich über Aktuelles austauscht und weitere Aufgaben abstimmt. Hinzu kommt zweimal wöchentlich das eigene Training mit der Herrenmannschaft, zu deren Spielen er es allerdings nur selten schafft – „Die Frauen gehen vor.“ Um seine eigenen Erfahrungen aus dem Fußballsport zu erweitern, erwirbt er gerade die B-Lizenz an der Sportschule Ruit. Besonders das Seminar zum Thema Sportverletzungen erweist sich dabei als nützlich:

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Mit dem Kinesio-Tape werden die schmerzenden Knie stabilisiert.

Lea Nagel

Denn kurz vor dem Spiel müssen einige Spielerinnen getaped werden, vor allem die Knie machen Probleme. Leichte Hektik macht sich breit, so langsam wird’s ernst. Kurze Rücksprache mit dem Schiedsrichter, dann Mannschaftsbesprechung. Nach der Ansprache raus auf den Platz, wo es jetzt, um kurz nach zehn, schon ungewöhnlich warm ist. Die Mannschaft macht sich warm, Sebo schießt die Torhüterin ein. In eingespieltes Team. Die letzten Vorbereitungen laufen, der Coach holt die Mädels nochmal in einem Kreis zusammen, ein letztes Mal wird sich eingeschworen. Dann geht’s los.

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Auch während des Spiels gibt es Anweisungen vom Trainer - hier für den nachfolgenden Einwurf.

Lea Nagel

Die Hitze macht das Spiel langsam und träge, die Spielerinnen auf dem Platz bewegen sich kaum. Unermüdlich ist jedoch der Einsatz an der Seitenlinie: da wird wild gestikuliert, gerufen, angefeuert und die Fahne geschwenkt. Man merkt, hier ist jemand in seinem Element. Nützen tut das allerdings wenig, schon zur Halbzeit liegen Sebos Schützlinge deutlich zurück.

Es ist nie zu viel

Auch nach dem Spiel lange Gesichter: „Jedes Mal tut es aufs Neue weh, die Mädels so enttäuscht zu sehen.“

,,Solange der Spaß nicht verloren geht, ist es nie zu viel.“

Flimmernde Luft bei irgendwas um die 25 Grad, die meisten Spielerinnen liegen erschöpft am Boden, einige können ihre Tränen nicht unterdrücken. Dann ist Fingerspitzengefühl gefragt, es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden. „Aber es ist umso schöner zu sehen, dass ihr als Mannschaft trotzdem zusammenhaltet. Ihr müsst bereit sein, weiter an euch zu arbeiten.“ Das gibt der Trainer der Mannschaft mit für die kommenden zwei spielfreien Wochen, sie sollen es verinnerlichen, für das folgende letzte Saisonspiel. Auch trainingsfrei werden die nächsten beiden Wochen sein, Sebo fährt mit seiner Damenmannschaft nach Spanien. Saisonabschlussturnier. Dabei ist noch gar nichts abgeschlossen. Mit insgesamt drei Relegationspartien kommt nochmal eine extra Ladung Arbeit auf den Studenten zu, der scheinbar ganz nebenbei auch noch gemeinsam mit einem Freund eine Nachhilfeschule betreibt. Insgesamt mehr als ein Full-Time-Job. Ob ihm das alles nicht zu viel wird? Das „Nein“ kommt nachdrücklich. „Manchmal ist es natürlich ein wenig anstrengend, wenn man acht oder neun Trainingseinheiten in einer Woche planen und dann auch noch die Spiele auswerten muss. Und diese ganzen Aufgaben drum herum, die eben nicht zwangsläufig zu den Anforderungen für einen Trainer gehören. Klar hat man da auch seine Durchhänger. Aber solange man sieht, dass das was man tut erfolgreich ist und der Spaß dabei nicht verloren geht, ist es nie zu viel“.

Auch nach dem heutigen Abpfiff ist noch längst nicht Schluss: der Platz wird wieder abgebaut, die Bierbänke kommen zurück in den Container, dann wird der Spielbericht ausgefüllt. Die F-Junioren haben Spieltag auf dem Rasen, jetzt kommt der Streuwagen also doch zum Einsatz, dann wird der Grill aufgebaut.

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Packen für Morgen: letzte Vorbereitungen für das Spiel der Damen.

Lea Nagel

Es folgt die Bestandsaufnahme: der Sprudel ist fast alle. Die leeren Pfandflaschen läd Sebo in den Kofferraum seiner A-Klasse, er wird später neue kaufen. Auch Tape für den Sani-Koffer muss er nachbestellen. Den Koffer verstaut er ebenfalls im Auto, es folgen Bälle und die Taktiktafel. Zuletzt die schwarze Allwetterjacke mit dem weißen Flock. Denn morgen schon haben die Damen ein Auswärtsspiel.

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