Der, der immer fährt

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Hintergrund

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Werner Rimprecht schnauft. Er schnauft beim Anfahren so schwer, als müsse er den Kleinbus samt Besatzung die knapp 40 Kilometer von Bräunlingen nach Triberg zurück schieben.

Der 17 Jahre alte VW T4 setzt sich in Bewegung. Sofort ertönen Forderungen aus dem hinteren Teil des Wagens, er solle doch das Radio einschalten. Aktuelle Charts und Popmusik, das wollen die Spielerinnen des FC Triberg nach ihrem souveränen 6:0 Sieg hören. Ehemalige Mallorca-Schlager à la „Marmor Stein und Eisen bricht“ hat Rimprecht in seinem CD-Sortiment anzubieten. „Ihr mit eurer komischen Musik“, brummelt der Busfahrer und dreht widerwillig den Lautstärkeregler nach oben. Auch wenn den 69-Jährigen und seine 17- bis 22-jährigen Beifahrerrinnen bei der Musikauswahl Welten trennen: Rimprecht und die Damen – das passt.

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Werner Rimprecht (69), von oben bis unten in den Farben des FC Triberg gekleidet.

Marius Faller

Es gibt viele Busfahrer auf der Welt. Es gibt sicherlich auch einige Busfahrer, die außerdem als Fußballtrainer tätig sind. Vielleicht gibt es auch noch ein paar von ihnen, die zuerst ihre Mannschaft mit dem Bus zu Auswärtsfahrten kutschieren und sie anschließend auch noch coachen. Aber sicherlich gibt es nur sehr wenige Bus fahrende Fußballtrainer, die den Mannschaftsbus zusätzlich als Privatfahrzeug nutzten. Einen von dieser Sorte gibt es ganz bestimmt: Werner Rimprecht. Was steckt hinter dieser Angewohnheit, mit der er sich im Dialekt seiner Heimatstadt im Schwarzwald sofort als „der mitem FC-Triberg-Bus“ identifizieren lässt?

Es ist Samstagnachmittag, zehn Minuten vor der ausgemachten Abfahrtszeit der Triberger Fußballdamen zu ihrem letzten Saisonspiel in Bräunlingen. Der Torwarttrainer, Werner Rimprecht, ist als Erster am Treffpunkt. Er hat sein Gefährt vor der Eisdiele „Venezia“ im Herzen Tribergs geparkt. Hier treffen sich die jungen Frauen vor jedem Auswärtsspiel und hier sitzt der Rentner, der nebenbei noch Waren für ein örtliches Kleinunternehmen ausfährt, im Sommer jeden Tag und trinkt seinen Cappuccino. Doch jetzt ist keine Zeit zum Kaffee trinken, heute ist Spieltag. Nervös läuft er auf und ab, raucht eine Zigarette und fährt sich mit den Fingern immer wieder durch seinen Schnauzer. Im linken Ohr blinkt ein goldener Ring. Der schwarze Bürstenschnitt lässt nicht vermuten, dass dieser Mann auf die 70 zugeht.

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69 PS, Turbodiesel, Baujahr 1999: Das FC-Triberg-Mobil und sein Kapitän.

Marius Faller

Nach und nach trudeln die Spielerinnen ein und der Kofferraum des Kleinbusses füllt sich mit Sporttaschen. Der mit Sponsorennamen und FC-Triberg-Schriftzügen überzogenen Kleintransporter, der früher als Baufahrzeug genutzt und von Rimprecht persönlich umgebaut wurde, ist sowohl Mannschaftsbus als auch Privatwagen des Rennsportfans. „Werner und sein Bus – das gehört einfach zusammen“, weiß der Cheftrainer der Damen, Martin Ketterer. Im kleinen Triberg, wo Rimprecht wohnt und auch geboren ist, kennt man sich generell sehr gut untereinander. Sollte es bei einem Bürger der Kleinstadt im südlichen Schwarzwald allerdings beim Hören des Namens „Werner Rimprecht“ nicht sofort klick machen, so geschieht dies spätestens beim Verweis auf sein Fahrzeug: „Ach der mitem FC-Triberg-Bus“. Er selbst begründet seine Fahrzeugwahl pragmatisch: „Der Bus ist einfach mein Hobby. Früher bin ich auch noch Tourenwagen gefahren, heute schraube ich nur noch an den Karren herum.“ Dieses Modell ist nun schon sein vierter Kleinbus hintereinander, außerdem besitzt er ein Wohnmobil.

Hinter der Eigenart, mit der fahrenden Werbetafel auch zum Einkaufen oder zum Kaffeetrinken zu fahren, steckt allerdings noch etwas anderes: die Liebe zu seinem Heimatverein. Der Familienvater, der eine Tochter, zwei Enkelkinder und einen Urenkel hat, ist seit mehr als 50 Jahren Mitglied beim Fußballclub Triberg und hat schon beinahe jedes erdenkliche Amt bekleidet: „Werner war unter anderem Spielausschuss, zweiter Jugendleiter, Trainer der ersten Mannschaft und kümmert sich nun noch um unseren Bus. Immer, wenn man jemanden zum Helfen braucht, ist Werner da“, so der erste Vorstand des Vereins, Clemens Scherzinger.

,,Meine Frau hat am Anfang gemeint, ich würde es keine zwei Wochen bei den Damen aushalten.“

In der 80. Minute bricht es aus ihm heraus. Eine Verteidigerin erobert an der Mittellinie den Ball und spielt ihn anschließend unglücklich ins Seitenaus. “Mann! Warum passt sie ihn nicht zum Torwart zurück, das haben wir 1000 Mal trainiert“, poltert der Bus fahrende Torwarttrainer los. Seine Mannschaft führt zu diesem Zeitpunkt 4:0 und steht schon seit zwei Spielen als Meister der Kreisliga A im Gebiet Schwarzwald fest.

Ein anderer Betreuer wäre möglicherweise in dieser Situation entspannt geblieben; in dem Wissen, dass die Sektflaschen schon kalt gestellt sind und seine Truppe den Platz auch dieses Mal als Sieger verlassen wird. Der ehemalige Rechtsaußen ist jedoch sehr ehrgeizig. Als Aktiver spielte er mit der ersten Mannschaft des FC Triberg in der zweiten Amateurliga (vergleichbar mit der heutigen Oberliga). Während seiner Zeit bei der Bundeswehr traf er mit einer Auswahl auf den damaligen Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern und trainierte ab und zu mal „mit der Mannschaft eines Kumpels mit“. Das Team dieses Freundes hieß Kickers Offenbach und spielte damals, Mitte der Sechzigerjahre, in der zweiten Bundesliga.

Seine Spielerinnen wissen um das Temperament ihres Trainers: „Werner ist manchmal etwas unberechenbar, in einem Moment lobt er dich, im nächsten sch… er dich zusammen“, meint die Mittelfeldspielerin Lisa Fehrenbach. „Das liegt aber nur daran, dass er einfach immer mit Leidenschaft bei der Sache ist“, fügt die 19-Jährige verschmitzt hinzu. Rimprecht selbst erinnert sich: „Meine Frau hat am Anfang gemeint, ich würde es keine zwei Wochen bei den Damen aushalten, weil der Fußball schon ein anderer ist als bei den Männern. Nun sind es bereits zwei Jahre. So halte ich mich auch noch ein wenig fit“. Neben dem Gesundheitsaspekt merkt man dem Eintracht-Frankfurt-Fan jedoch an, dass ihm die jungen Frauen ans Herz gewachsen sind. So bricht es beispielsweise nach dem Spiel plötzlich aus ihm heraus: „Ihr seid einfach super, ihr Weiber“. Auch das Problem der unterschiedlichen Musikgeschmäcker kann schließlich gelöst werden, die Spielerinnen und ihr coachender Chauffeur singen auf der Rückfahrt gemeinsam „Oh, wie ist das schön“.

Zurück im Sportheim: Auch die Herrenteams hatten ihre letzten Heimspiele der Saison. Es gibt Schnitzel. Der Sekt fließt in Strömen und nebenbei läuft das Champions-League-Finale zwischen den beiden Madrider Mannschaften Real und Atletico. Der Kommentator ist längst stummgeschaltet, stattdessen läuft in Dauerschleife der aktuelle Party-Hit „Die immer lacht“. Auch wenn das Lied von Kerstin Ott bereits zum dritten Mal hintereinander gespielt wird, zeigt sich der Busfahrer alles andere als textsicher. Er summt vor sich hin, setzt immer wieder an, um schließlich doch lieber einen kräftigen Schluck von seinem Radler zu nehmen. Als im Endspiel um den höchsten europäischen Clubtitel Halbzeit ist, verlässt Rimprecht das Sportheim, um sich den Rest der Partie in Ruhe zuhause anzuschauen. Er ist kein Mann, der großen Trubel und Aufmerksamkeit braucht. Also setzt er sich in das FC-Triberg-Mobil und fährt in die Nacht. Er ist der, der immer fährt.

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