Brandstiftung im Universum Center: Zwei junge Afrikaner im Aufzug erstickt

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Universum Center

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Universum-Center, Dienstag, kurz nach 2 Uhr: Im Erdgeschoß explodiert ein Molotow-Cocktail und setzt ein Import/Export-Geschäft in Brand. Das Feuer weitet sich aus, und binnen weniger Minuten hat sich ein Großbrand entfacht, der sechs Geschäfte zerstört. Sieben Stockwerke darüber vernehmen zwei junge Männer den Brandgeruch. Offenbar in Panik geraten, versuchen sie das brennende Gebäude zu verlassen, steigen in den Aufzug und fahren in den Tod. Im Erdgeschoß werden sie schließlich von Feuerwehr-Männern gefunden: erstickt im dichten Qualm. Das Landeskriminalamt schließt einen politischen Anschlag der verbotenen kurdischen Organisation PKK nicht aus und hat eine Sonderkommission gebildet.

Das geht unter die Haut“, sagte gestern der Hausverwalter des Universum-Centers, Jürgen Schlegel, als er in den frühen Morgenstunden am Tatort eintraf und von de zwei Todesopfern erfuhr. Von dem Brand hatte er bereits unterwegs im Radio gehört. als er mit seinem Wagen auf dem Weg zur Arbeit war. „Aller materieller Schaden ist reparabel“, sagte er sichtlich benommen. Die Situation, die er im Erdgeschoß des 22-stöckigen Hauses vorfand, warf ihn um. So wie er mutmaßten auch zahlreiche Schaulustige über den Verlauf der Nachtstunden.

Riechprobe: Die Überreste eines mit Benzin getränkten Lappens brachte der Polizei Gewißheit

Kurz nach 2 Uhr, soweit die Ermittlungen der Polizei und Feuerwehr, ist das Feuer in einem türkischen Import/Export-Geschäft ausgebrochen. Unbekannte hatten mit einem Kanaldeckel die Schaufensterscheibe des Geschäftes eingeschlagen und Molotow-Cocktails in das Ladeninnere geworfen. Dort lagerten in raumhohen Regalen allerlei Geschenk- und Kleinartikel. die schnell in Brand gerieten und „ausgezeichnete Nahrung“ für die Flammen boten, wie ein Feuerwehrmann sagte. Innerhalb weniger Minuten hatte sich das Feuer auf die umliegenden Geschäfte ausgebreitet und auf einer Fläche von mehr als hundert Quadratmetern sechs Geschäfte vollständig zerstört. Die Polizei spricht von einem Millionenschaden.

Es war „eine riesige Feuerwand, die sich vor uns aufstellte“, beschrieb der Einsatzleiter der Feuerwehr, Hansjörg Prinzing, das Bild, das sich den Männern der Löschzüge Innenstadt, Söflingen und Wiblingen bot. Mit den Kräften der Hauptwache waren zeitweise 80 Feuerwehrleute im Einsatz, die den Brand bekämpften und mit Atemschutzgeräten das Gebäude-Innere absuchten.

„Eine riesige Feuerwand stellte sich vor uns auf“

In einem fensterlosen Flur fand ein Suchtrupp schließlich die zwei toten Männer. Sie waren mit dem Aufzug nach unten gefahren, kamen aber nicht mehr rechtzeitig ins Freie. Einer der Männer lag noch im Aufzug, sein Begleiter zwei Meter vor der Ausgangstür. Nach einer ersten Lagebeurteilung des Feuerwehrarztes Dr. Hans-Walter Roth sind die beiden 21 und 30 Jahre alten afrikanischen Asylbewerber erstickt. Nur ein Atemzug könnte bei einem Brand diesen Ausmaßes ausreichen, um das Bewußtsein zu verlieren, sagte er. Einer der beiden Männer wohnte in dem Hochhaus, sein Begleiter war zu Besuch. Sie stammten aus Ghana und dem Tschad. Die Polizei geht davon aus, dass der Anschlag nicht ihnen galt.

Für die Bewohner des Wohnhauses bestand offenbar zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr durch die Flammen. Die unteren Stockwerke sind durch schwere Brandschutztüren abgeriegelt, das Gebäude aus massivem Beton gegossen. Dennoch versuchten sich viele der etwa 250 Bewohner über die Treppe ins Freie zu retten. Teilweise wurden sie jedoch von der Feuerwehr zurück in ihre Wohnungen geschickt. Zwei Hausbewohner und Polizist erlitten leichte Verletzungen.

Vor diesen Aufzugschächten fand die Feuerwehr die beiden Toten

Zwischenzeitlich hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg eine Sonderkommission gebildet, die den Anschlag aufklären soll. Zwar gebe es noch keine eindeutigen Hinweise auf den Täter und das Motiv: Ein politischer Hintergrund wird jedoch nicht ausgeschlossen und die verbotene kurdische Organisation PKK als mögliches Umfeld des oder der Täter genannt. Das LKA sieht Parallelen zu früheren Anschlägen auch in Ulm.

Noch in der Nacht waren Ulms Polizeichef Gerhard Brendel und Bürgermeister Dr. Götz Hartung vor Ort. Während des Vormittags informierten sich dann auch OB Gönner und Burkhard Hirsch von der FDP-Bundestagsfraktion über den Anschlag. Die FDP-Spitze weilt derweil zur Klausurtagung in Ulm. Auf dem laufenden wurden auch Ministerpräsident Erwin Teufel und der türkische Generalkonsul in Stuttgart gehalten.

Die Bevölkerung wird gebeten, sachdienliche Hinweise an die Sonderkommission bei der Polizeidirektion Ulm zu richten.

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Video: Christian Wille
Texte: Manuel Bogner, Christoph Mayer
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