Ein langer Weg: Unterwegs auf der B 311

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Wie Perlen an einer Kette aufgereiht schießen nach und nach Lichtkegel aus dem Nebel hervor. Diffus zuerst, klarer, je näher man ihnen kommt. Zwei sehr große vorne, dahinter tauchen immer mehr kleinere auf.

So sieht das aus – morgens zwischen Erbach und Ulm. Der einzige Unterschied mag das Wetter sein: Nebel oder Sonne, Nieselregen oder Schnee. An diesem Morgen ist es eben Nebel. Die Lichterpaare aber schießen dennoch gen Ulm. Unaufhörlich. Vorne ein Lastwagen, dahinter folgen viele Autos. So geht das jeden Morgen.

Willkommen auf der Bundesstraße 311, die Ulm – in der Verlängerung als B 31 – mit Freiburg verbindet. Im südlichen Baden-Württemberg bilden die beiden Straßen die einzige Ost-West-Verbindung. Ein 217 Kilometer langer Schnitt durch das Land. Eine Strecke mit Geschichte. Eine Strecke mit Geschichten. Und eines in jeder Hinsicht: ein langer Weg.

Irrfahrten durch die Republik Bei Liebherr in Ehingen

Erbach ist ein Nadelöhr, insbesondere die Kreisverkehre erschweren den Verkehrsfluss. Gemächlich schieben sich die Kolosse mit den Anhängern durch das asphaltierte Rund. So langsam, dass nur schleppend Autos nachrücken können.

Sie stauen sich dahinter. Wieder Perlenkette. Deshalb drängen Menschen wie Bruno Seele auf die viel diskutierte Querspange, die die Bundesstraßen 311 und 30 miteinander verbinden soll. Seele ist Versandleiter bei Liebherr in Ehingen. Er muss mit seinem Team dafür sorgen, dass tonnenschwere Kräne den Kunden erreichen. Seele, ein ruhiger Mann mit grau-meliertem Haar, braunen Schuhen zu blauer Jeans und blauem Sakko, sitzt am Konferenztisch seines großzügigen Büros auf dem Gelände des Ehinger Werks. Er wägt stets ab, bevor er antwortet. Wenn ihm etwas besonders wichtig ist, hebt er seine Hände und gestikuliert – mal mit der Lesebrille in der Hand, mal ohne.

Liebherr liefert in die ganze Welt. Dafür müssen die Kräne von Ehingen zu den Seehäfen geschafft werden – nach Hamburg, nach Bremerhaven, manchmal auch nach Kiel. Bruno Seele hat Erfahrung, in dem, was er tut. Seit 41 Jahren arbeitet er in dem Unternehmen. Seit weit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit dem Versand der Produkte. Und der sei zunehmend schwieriger – in Deutschland, in Baden-Württemberg, im Raum Erbach.

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Liebherr-Versandleiter Bruno Seele.

Christian Wille

Baden-Württemberg stellt regelmäßig den Zustand der im Land befindlichen Straßen und Brücken fest. Die Note der Bundesstraßen hat sich von 2,5 im Jahr 2007 auf 2,7 im Jahr 2011 verschlechtert (bei einer Notenskala von 1,0 bis 5,0). Im vergangenen Jahr wurde der Zustand neu bewertet, die Auswertung könnte im späten Frühjahr vorliegen, heißt es aus dem Verkehrsministerium zum Zeitpunkt der Anfrage. Auch die Note der Brücken der Bundesstraßen ist von 2,28 Punkten 2010 auf nun 2,34 im Jahr 2013 zurückgegangen (bei einer Notenskala von 1,0 bis 4,0). Aufgrund dieser Ergebnisse dürfen Straßen und Brücken nicht mehr mit maximaler Last befahren werden, sondern werden „abgelastet“, wie es in der Fachsprache heißt. Mit Konsequenzen für Unternehmen wie Liebherr. Bei dem Kranbauer versuchen sie deshalb, auch über Interessenverbände wie Pro Mobilität, immer wieder auf Probleme hinzuweisen. So wie im vergangenen Jahr, als Seele bei einem Treffen des Verbandes in Berlin – neben anderen Unternehmern auch – auf das Siechtum des deutschen Straßennetzes hinwies.

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Der direkteste Weg von Ehingen nach Bremerhaven? Über Potsdam!

Christian Wille

Zwei Beispiele: Um nach Bremerhaven zu fahren, böte sich die Autobahn A 7 als direkter Weg an – 760 Kilometer. Die A 7 ist aber ab Feuchtwangen für Schwertransporte gesperrt. So fahren die Kräne über Nürnberg und Magdeburg in Richtung Hannover. Seit Juni 2014 darf von Magdeburg nach Hannover die A 2 aber auch nicht mehr genutzt werden. Heißt: Die neue Route führt über Potsdam. Und da seit Oktober 2015 nun auch noch der direkte Weg von Hannover gen Nordsee für derartige Transporte gesperrt ist, geht es nun fast bis nach Hamburg – und erst dann nach Bremerhaven. Gesamtstrecke: 1190 Kilometer. 430 Kilometer Umweg. Bruno Seele hebt seine Hände. Mit Brille.

Doch wer glaubt, diese Probleme seien auf andere Bundesländer beschränkt und der Südwesten infrastrukturell ein steter Quell der Freude, irrt. Gewaltig. Von Ehingen nach Breisach an der französischen Grenze? Der direkte Weg über die B 311 und B 31 wäre laut Liebherr-Berechnungen 210 Kilometer lang. Der genehmigte Weg führt über die A 7 nach Norden, schwenkt quer auf die A 6 und dann auf die A 5 nach Süden. Die Strecke beschreibt nahezu ein nach unten offenes Parallelogramm und führt 490 Kilometer durch Baden-Württemberg. 280 Kilometer länger als der direkte Weg.

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Von gut bis bedenklich: Liebherr führt eine Liste über den Bauzustand von Brücken.

Christian Wille

Rechnungen wie diese füllen bei Liebherr Ordner. Und kosten das Unternehmen Geld: Für einen kleineren Kran können das auf der Strecke nach Hamburg schon mal 700 Euro sein, bei größeren Kränen geht das schnell in den vierstelligen Bereich. Früher habe der Transport 24 Stunden gebraucht, heute nahezu das Doppelte. Seele sagt: „In den letzten zehn Jahren haben die Kosten für Überführungen um rund ein Drittel zugelegt.“ Mal ganz abgesehen davon, dass der bürokratische Aufwand deutlich gestiegen ist. Denn je mehr Bundesländer und Landkreise durchfahren werden müssen, desto mehr Stellen müssen für die Genehmigungen der Transporte angeschrieben werden. „Die Bürokratie nimmt zu, definitiv.“ Und je mehr Brücken nicht voll ausgelastet werden können, desto mehr Polizisten werden benötigt. Denn die müssen den Transport an diesen Stellen begleiten. „Die fehlen natürlich an anderer Stelle.“

„Es ist ein schleichender Prozess.“ Bruno Seele, Versandleiter Liebherr, zum Verfall von Infrastruktur

Diese „Irrfahrten“ durch den Südwesten respektive die Republik beginnen letztlich vor der Haustür mit den Problemen im Übergang von der B 311 auf die B 30 in Erbach. Angesprochen auf die dortigen Kreisel, weicht Seele nach Frankreich aus: Die dortigen Nationalstraßen seien breiter ausgebaut, ebenso die Kreisel. Einfach weitsichtiger geplant und gebaut. In Deutschland, in Baden-Württemberg nehme er in Bezug auf die schlechter werdende Infrastruktur einen „schleichenden Prozess“ wahr.

Schleichen: So bezeichnet der Autofahrer gerne besonders langsames Fahren. Das ereilt ihn vor allem, wenn er hinter einem Lastwagen festhängt und nicht überholen kann. Zwischen Ober- und Untermarchtal gibt es nach Ulm die erste dreispurige Passage. Wechselnd gibt es für je eine Fahrtrichtung eine zweispurige Strecke von rund einem Kilometer, auf der gefahrlos überholt werden kann. Ohne die bliebe reichlich Zeit, sich das malerische Kloster Obermarchtal aus der Ferne anzusehen.

58 Jahre bis zur Ortsumgehung Unlingen

In Unlingen gibt es viele Schilder. Es gibt hier, nahe Riedlingen, auch eine Kirche, eine Krippe – und eine Kurve. Und wegen der gibt es viele Schilder.

Denn die S-Kurve im Ortskern ist Teil der B 311 und wie auf einem dieser Schilder steht: „Sehr gefährlich!“. Tausende von Autos, tonnenschwere Lkw zwängen sich täglich durch das Herz Unlingens – und verstopfen es. Nicht mal 50 Zentimeter pressen sie sich an Häuserwänden vorbei, bevor es in einer Kurve eine Steigung hochgeht. Zwischen 8000 und 10.000 Fahrzeuge am Tag. Laut Richard Mück sind 3000 von ihnen schwere Lkw. Leben an einer Autobahn oder einem Verkehrsflughafen muss auch nicht lauter sein.

Mück ist seit 29 Jahren Bürgermeister der 2400-Einwohner-Gemeinde. Die Diskussionen im Ort, im Kreis, im Land über eine Umgehungsstraße für Unlingen sind älter. Viel älter. Sie geht zurück auf das Jahr 1959. Auf der Homepage der Gemeinde wird der Ortsumgehung ein eigener Reiter gewidmet. Er ist Zeugnis des langen Kampfes, den die Gemeinde für diese Straße geführt hat. Eine Bundesautobahn sollte es sogar mal geben. Der Vorschlag verschwand wieder in den Schubladen.

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Unlingens Bürgermeister Richard Mück: Warten auf die Ortsumgehung.

Christian Wille

Als Mück, kurzer grauer Bart, kurze graue Haare, die er draußen mit einem schwarzen Hut bedeckt, im Jahr 1986 antrat, um Bürgermeister zu werden, war er sich sicher, in zwei Wahlperioden, also binnen 16 Jahren, der Gemeinde eine Ortsumgehung „schenken“ zu können. „Ich hätte damals alles gewettet.“ Es sollten 30 Jahre werden. Mück wäre heute ein sehr, sehr armer Mann. Mal gab es naturschutzrechtliche Einwände des Regierungspräsidiums, mal sträubten sich von einer etwaigen Trasse betroffene Landwirte in und um Unlingen. Insgesamt 16 verschiedene Entwürfe gab es für die Ortsumgehung Unlingen: zwölf im Donautal, vier am höhergelegenen Hang des Bussen.

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Sehr gefährlich: Unlingen, Ortsmitte.

Christian Wille

Frustriert hat Mück der Prozess. Einmal, so sagt er, sei er sogar richtig entmutigt gewesen. Denn Straßenbau ist ein schwieriges Geschäft, komplex und langwierig zudem. Der Bund hängt mit drin, das Land, die Regierungspräsidien. Und natürlich die Bürger und die betroffenen Gemeinden. Es geht um den Bundesverkehrswegeplan, es geht um Prioritäten, es geht darum, auf Listen ganz vorne, zumindest aber auf den ersten fünf Plätzen zu stehen. „Sonst wird das nichts“, sagt Mück.
Als der jetzige Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) noch Bundestagsabgeordneter war, besuchte er Unlingen. Mücks Erzählungen zufolge habe er sich schockiert über die Verkehrssituation im Ortskern gezeigt. Er soll gesagt haben: „Da muss was getan werden. Wenden Sie sich an den Verkehrsminister im Land.“ Wenig später war Hermann genau das und Mück tat wie geheißen. Doch auf einem eigens einberufenen Termin in Stuttgart dann die Enttäuschung: Unlingen nur auf Platz 18 der Prioritätenliste. Von 20.

Mück, das CDU-Mitglied, war fassungslos. Und schrieb einen Brief an den Grünen Hermann. Der antwortete und beschied, dass Unlingen in der Bewertung, anders als im Bundesverkehrswegeplan, eine deutlich geringere Bewertung der Dringlichkeit habe – eine Formel unter anderem aus Lärm, Belastung der Bürger, Kosten-Nutzen-Faktor. Es folgten weitere Briefwechsel. Das Ergebnis blieb das gleiche.

„Wir haben immer Glück gehabt.“ Richard Mück, Bürgermeister Unlingen

In Unlingen hat es oft gekracht. Nicht nur in der Diskussion um den Bau der Umgehungsstraße. Auch im Ort selber – immer dann, wenn wieder mal ein Lastwagen umkippte. In den 1970ern zum Beispiel einer mit 10.000 Litern Kerosin. Das gelangte in die Kanalisation und fing Feuer. Gullideckel flogen hoch. Die Straße stand in Flammen. Ebenso der Dachstuhl eines nahegelegenen Hauses. So wie Mück das erzählt, hätte Hollywood das nicht dramatischer inszenieren können.

Und dennoch sagt er: „Wir haben immer Glück gehabt.“ Etwa, als ein Lastwagen in eine Hauswand raste. Im Haus hatte an der Stelle kurz zuvor noch ein Kinderwagen mit Baby gestanden. Andere Unfälle geschahen, kurz nachdem der Kindergarten aus war. Die Geschichten hat Mück zusammen mit Bildern in einem Ringbuch dokumentiert. Weitere Zeugnisse dieser Art sollten nicht mehr hinzukommen, dieses Kapitel sollte geschlossen werden.

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Schon wieder liegt einer: Bürgermeister Richard Mück hat die Lkw-Unfälle in Unlingen dokumentiert.

Christian Wille

Und so kämpfte Mück weiter. Über den CDU-Abgeordneten Josef Rief wandte er sich an den damaligen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Der kam im Februar 2012 zu einem Ortstermin und plötzlich ging alles ganz schnell. Ob es schneller gegangen wäre, hätte an Hermanns Stelle ein Politiker einer anderen Couleur gesessen, vermag Mück nicht zu sagen. Im Herbst 2017 soll die Straße eingeweiht werden. Derzeit ist, abgesehen von Brücken, die dereinst mal über die Ortsumgehung führen und den Ort mit den Nachbargemeinden verbinden sollen, noch nichts zu sehen. Wellig zieht das Land von Brücke zu Brücke. Der Baufortschritt sei gut, die Kosten aber explodierten bereits. 22 statt 14 Millionen kostet die rund sechs Kilometer lange Strecke. Der Grund: Der Boden dort im Donautal sei nur an den Stellen der Brückenbauwerke geprüft worden, nicht aber dazwischen, sagt Mück. Nun müsse man dort nachbessern. Der Bund zahlt.

Am Ortsausgang steht ein weiteres Schild: „Wir danken dem Bund für den Bau der Ortsumgehung B 311.“ Vom Land keine Rede.

Vorbei an Riedlingen geht es weiter. Passagen mit zwei Spuren je Richtung wechseln sich ab, es geht zügig voran. In Mengen trennen sich B 32 und B 311. Links geht es in einer Kurvenabfolge einen Berg hinauf. Zwei Lastwagen schieben sich hoch. Dahinter „sammeln“ sich immer mehr Autos. Die Straße ist zweispurig, überholen nicht möglich: der Gegenverkehr, die Kurven, die Hügel. Es ist schlicht nicht einzusehen, wann das nächste Fahrzeug entgegenkommt.

Kurz vor Neuhausen ob Eck bietet sich dann doch eine Möglichkeit zum Überholen. Nach rund 35 Kilometern hinter den treuen „Tempomachern“, den ewigen Entschleunigern, einer von ihnen aus Rumänien, der andere aus der Slowakei, erscheinen sie erstmals im Rückspiegel. Doch das nur kurz, denn dann geht es von der B 311 rechts ab nach Neuhausen ob Eck.

Leben an der Transitstraße Neuhausen ob Eck

Erzählt man Hans-Jürgen Osswald von den rumänischen und den slowakischen und den polnischen und den litauischen Lastwagen, sagt er: „Es geht doch nicht um die Strecke von Ulm nach Freiburg. Das ist ein Teil der Strecke Prag-Paris.“

Eine europäische Magistrale. Eine Fernstraße des kontinentalen Güterverkehrs. Eine Bundesstraße, die Aufgaben einer Autobahn erfüllt. „Das ist eine Transitstraße“, sagt Osswald. Er muss es wissen. Er ist Bürgermeister der Gemeinde mit rund 3800 Einwohnern. Und anders als sein Kollege in Unlingen hat er bereits seit Februar 2011 eine Umgehungsstraße. 85 Prozent des Güterverkehrs seien durch die neue Straße, die nun südlich des Ortes verläuft, aus der Gemeinde verschwunden, zudem 15 Prozent des Individualverkehres.

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Neuhausens Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald: Nach der Ortsumgehung ist vor der nächsten Straßen-Debatte.

Christian Wille

Vorher schoben sich die Lastwagen durch die Gemeinde, der er seit elf Jahren vorsteht. Osswald ist ein kräftiger Mann. Sein helles Harr trägt er zur Seite gescheitelt, seine blauen Augen sind so wach und aktiv, als könnten Blicke seine Worte unterstützen. Und die kommen zahlreich – insbesondere, wenn es um Infrastrukturprojekte geht. Da rennt man bei ihm in seinem schicken, erst 2007 bezogenen Rathaus in Beton- und Holzoptik offene Türen ein. Die Fertigstellung der Umgehungsstraße war für die Gemeinde zusammen mit dem Bau des Rathauses die entscheidende Baumaßnahme der jüngeren Vergangenheit.

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Neuhausen: Durchgangsstation des europäischen Güterverkehrs.

Christian Wille

„Das ist für uns eine Chance, den Ortskern zu revitalisieren“, sagt Osswald. Die Gemeinde ist in das Landessanierungsprogramm aufgenommen. Osswald sagt, man wolle sich einen Teil der Gemeinde als Lebensraum zurückerobern. Die ehemalige Bundesstraße soll schmaler, die Fußwege breiter werden, freie Flächen für Bürger entstehen. Doch es gibt schon wieder Redebedarf. Ein paar Alteingesessene haben ihre Sorge kundgetan, dass die Straße zu schmal für ihre Traktoren werde. Es gebe so viel Gewohnheit, klagt Osswald. Das Verhältnis von Ort und Straße ist ambivalent. Die Gemeinde kann offenbar nicht wirklich mit, aber schon gar nicht ohne sie: „Wir sind ein Straßendorf. Ohne diese alte römische Straße hätte es Neuhausen nicht gegeben.“ Nach der Ortsumgehung ist vor der nächsten Straßendiskussion.

„Wir rennen pausenlos hinterher.“ Hans-Jürgen Osswald, Bürgermeister Neuhausen ob Eck

Dabei hat sich auch in Neuhausen der Prozess bis zur Fertigstellung der Ortsumgehung über mehrere Dekaden hingezogen. So wie in Unlingen auf der Homepage wird der Geschichte der Ortsumfahrung auch hier ein besonderer Platz eingeräumt: Einige Dokumente seien im örtlichen Freilichtmuseum ausgestellt, sagt Osswald. Mit den Straßen sei es wie mit Windrädern, findet er. Viele würden zwar erkennen, dass sie notwendig seien, um das Land zukunftsfähig zu machen, dennoch gebe es endlose Diskussionen: „Jeder will sie – aber keiner bei sich.“ Das stört ihn, weil er das Gefühl hat, dass Baden-Württemberg, dass Deutschland mit ihrer Exportorientierung so infrastrukturell den Anschluss verpassen. Ja, schon verpasst haben in mancher Hinsicht. „Wir rennen pausenlos hinterher.“

Denn: In dem Moment, als die Umfahrung eröffnet wurde, sei sie praktisch schon wieder zu klein gewesen. „Die Wirklichkeit hat die Prognosen immer übertroffen.“ Osswald fehlen die langfristigen Visionen – im Land, im Bund. Es werde zu kurzfristig geplant. Woran das liegt? Er überlegt: „Wir sind satt.“ Entsprechend eingeschränkt sei der Wille zu Veränderung: „Fortschritt begreifen wir als Gefahr.“

Von Neuhausen geht es nach Tuttlingen. Hinter dem zeitgleich mit der Neuhausener Ortsumgehung eingeweihten Kreuzstraßentunnel staut es sich in einem quasi doppelten Kreisverkehr, ehe die B 311 und B 14 wieder auseinandersortiert werden. Raus aus der Stadt, bei Geisingen rauf auf die B 31 und tief rein in den Schwarzwald: Die Berge werden höher, die Geschwindigkeit nicht. Im Gegenteil, spätestens nachdem man Neustadt passiert hat und über Serpentinen hinab ins Höllental fährt, nimmt der Verkehr groteske Züge an – bedenkt man, dass hier internationale Güter bewegt werden. Die Felsen scheinen sich ineinander zu verschränken, dazwischen zwängt sich die Straße hindurch. In den Serpentinen des Abstiegs zittert sich die Temponadel nur selten über 20 Stundenkilometer hinaus.

Vorsicht, Kante! Endstation Gottenheim

Durch das feierabendlich verstaute Freiburg hindurch geht es weiter gen Frankreich. Doch in Gottenheim ist Schluss. Die Fahrt endet auf einer Brücke.

Hier ist die B 31 West, die Verlängerung der B 31, die wiederum die Verlängerung der B 311 ist, vorbei. Abschnitt A von Freiburg bis Gottenheim ist fertig, Abschnitt B von Gottenheim nach Breisach in der Schwebe. Ob dieser zweite Abschnitt der B 31 West, der die Straße das letzte Stück an die französische Grenze führen soll, je gebaut wird, ist seit Jahren ungewiss. Seit 2006 wird diskutiert und wieder verworfen. Statt dass es über Asphalt auf direktem Wege ins Nachbarland geht, ist an dieser Stelle Schluss: Sträucher, Sand und Steine.

Das Land hatte das Planfeststellungsverfahren für den elf Kilometer langen zweiten Abschnitt der B 31 West zwischen Gottenheim und Breisach seit November 2011 ruhen lassen und im Oktober 2014 erklärt, den Antrag für das Planfeststellungsverfahren zurückzuziehen zu wollen. Denn: 2011 bestand in der Region kein Konsens über die Trassenführung. Insbesondere die Gemeinde Ihringen hatte sich gegen die Planung des Regierungspräsidiums Freiburg gewandt, da sie eine Beeinträchtigung ihres Teilorts Wasenweiler befürchtet. Die CDU-Bundestagsabgeordneten Matern von Marschall und Thomas Strobl wandten sich entrüstet gegen den Entschluss.

Es war ein langer Weg von Ulm nach Südbaden. Es war ein langer Weg, um die Ortsumgehung für Neuhausen ob Eck umzusetzen. In Unlingen müssen sie noch einen Stück dieses Weges gehen. In Gottenheim ist der Ausgang ungewiss. Von Breisach bis nach Frankreich sind es nur elf Kilometer. Dort gibt es die von Bruno Seele angepriesenen Nationalstraßen.

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