Das deutsche Australian-Football-Ass

swp-logo

Rand

Auf Facebook empfehlen Twittern Google +1 Pin it!

Mir tropft der Schweiß von der Stirn, das Atmen fällt mir schwer – dabei wollte ich doch eigentlich nur zuschauen. Neben mir trabt leichten Schrittes Jakob Jung über das Feld.

Der 24-jährige National- und Europa-Auswahlspieler ist eindeutig in seinem Element. Er schlägt Haken, weicht den Gegnern aus, kickt den Ball über 25 Meter präzise in die Hände seiner Mitspieler und er schmeißt Gegenspieler per Tackle auf den Boden. Ein Vollkontaktsport ohne jegliche Schutzmontur. Worauf hab ich mich hier nur eingelassen?

Enlarge

P1030222
Die drei Spieler der Stuttgart Emus Martin Schüttoff, Gerrit Jung und Jakob Jung (v.l.) fahren gemeinsam zur WM.

Mir fällt früh auf: Das ist ein laufintensives Spiel; und: Ich hätte in letzter Zeit öfter Sport machen sollen. Zum Glück hat es kurz vor Trainingsbeginn aufgehört zu regnen, inzwischen scheint sogar die Sonne. Der Geruch des trocknenden Grases gepaart mit dem Ausblick vom hochgelegenen Sportplatz – ein eigentlich idyllischer Moment. Nur ein Bild passt nicht in diese friedliche Landschaft: Ich, wie ich hechelnd und trampelnd versuche, einem Ei hinterherzulaufen und mit drei Nationalspielern mitzuhalten.

Enlarge

P1020966v2
Das Training beginnt

Eine halbe Stunde davor: Ich habe Jakob und seinen Bruder Gerrit zum Australian-Football-Training begleitet. Eigentlich nur als Zaungast. Aber aus Ermangelung an Spielern wurde ich spontan überredet, mitzuspielen. Für Jakob nichts Neues. Als der sonnengebräunte Tübinger Sportstudent seine Tasche ins nasse Gras stellt und stattdessen das ovale Spielleder in die Hand nimmt, um es gedankenverloren von der einen in die andere Hand zu werfen, erklärt er: „Das ist das typische Problem. Wir haben einfach nicht genügend Mitspieler, um regelmäßig ordentliches Training machen zu können.“ Aber woran liegt das? „Australian Football hat in Deutschland keine Tradition, deswegen kennt das niemand.“

Die Anfänge

Er selbst hat den Sport während der Schulzeit bei einem einjährigen Auslandsaufenthalt in Australien kennengelernt.

Eigentlich spielt er Handball, aber das ist auf der anderen Seite der Welt etwa so populär wie Australian Football hier. Also hat ihn ein guter Bekannter zum Training mitgenommen, und es hat gleich gefunkt. Jakob hat sich als Naturtalent herausgestellt und konnte mit seiner wendigen Art gleich gut bei der Queensland-Auswahl mithalten. Zurück in Deutschland machte sich der gebürtige Herrenberger sofort auf die Suche nach einem Verein und hatte tatsächlich Glück. Denn einer der acht Australian-Football-League-Vereine Deutschlands befindet sich in Stuttgart – für einen Schüler aus Herrenberg wunderbar zu erreichen. „Ich habe den Verein, die Stuttgart Emus, angeschrieben und durfte sofort vorbeikommen und mittrainieren. Ich glaube, keine drei Wochen später stand ich dann schon bei meinem ersten Ligaspiel auf dem Feld.“

,,In Australien kommen zu einem Spiel 50.000 Leute, hier 50.“

In einer der kurzen Pausen, in der ich gefühlt einen ganzen Kanister Wasser runterstürze um meinen dehydrierten Körper wieder mit Flüssigkeit zu versorgen, betrachte ich die anderen sieben Trainingsteilnehmer und frage mich, ob das, was wir hier machen, nicht ein ganz schöner Kontrast zum Training in Australien sein muss. Und tatsächlich: Die Australian Football League gehört zu den zuschauerstärksten Sportligen weltweit. Die Kinder spielen auf der Straße und dem Pausenhof nicht unser europäisches Fußball, sondern Australian Football, erläutert mir Jakob, dem ein einziger Schluck Wasser genügt. „Von daher ist das Niveau dort natürlich auch viel höher. Der Sport spricht eine viel breitere Masse an, weshalb auch ganz anders trainiert und gefördert werden kann. Dort kommen zu einem Spiel 50.000 Leute, hier 50.“  Am Spieltag sei dieser Unterschied aber fast nicht zu spüren. Denn die wenigen Fans machen beim traditionellen Barbecue eine Stimmung, als wäre man direkt im Ursprungsland.

Dass man diesen Sport auch außerhalb Australiens in höchster Qualität spielen kann, hat Jakob bewiesen. Nachdem er 2010 sein Debüt bei den Stuttgart Emus gegeben hat, folgte bald die Berufung ins Nationalteam. Jedes Jahr spielen im Eurocup in der 9er-Variante die besten Teams Europas gegeneinander. Das „klassische“ Australian Football wird auf einem 180 mal 150 Meter großen ovalen Feld mit jeweils 18 Spielern pro Mannschaft gespielt. „9er“ steht für „Nine-a-Side“, also neun Spieler pro Team.

Enlarge

P1020708
Jakob im Trikot der Nationalmannschaft

Auch in der Australian Football League Germany wird diese Variante gespielt, da man zum einen nicht so ein riesiges Feld benötigt (Fußballfeld reicht), zum anderen die meisten Teams Probleme hätten, 18 Spieler aufzutreiben. Alle drei Jahre findet dann aber die große Europameisterschaft mit 18 Feldspielern statt. Im letzten Jahr wurde die deutsche Mannschaft bei diesem Turnier Dritter – das beste Ergebnis für das Team bei diesem Wettbewerb. Als einziger deutscher Spieler ist Jakob auch in der Europa-Auswahl. In diesem Rahmen wird er zweimal im Jahr zu Workshops eingeladen und bekommt individualisierte Trainingspläne zugeschickt. Diese Auswahl misst sich jedes Jahr mit der australischen U21-Mannschaft, also den Stars von Morgen.

Der Weg zur WM

Inzwischen ist Jakob wieder am Ball. Bevor er den ersten Schritt macht, fixiert er die Augen seines Gegenübers.

Auf einmal geht es ganz schnell: Jakob täuscht links an und ist mit zwei schnellen Schritten auf der rechten Seite des Gegners vorbeigeschlüpft. Nach zehn Metern dribbelt er das ovale Spielgerät vor sich auf den Boden, der Ball springt wieder perfekt in seine Hände. Von links und rechts kommen zwei Verteidiger, Jakob sieht den freien Mann. Per „Handball“ spielt er das Ei zu seinem Mitspieler. Die Verteidiger folgen dem Ball und  sind schneller als ihr Gegner.

Enlarge

P1030154
Mit einem Kick kann man entweder Punkte erzielen, oder den Ball passen

Der wird von hinten an der Hüfte gepackt und zu Boden geworfen. Die Schulter kracht auf den Rasen, der Mitspieler steht aber nach einer Sekunde wieder auf. Hart im Nehmen sind sie hier alle. Der Ball kullert ins Aus, und Jakob erzählt mir von den internationalen Turnieren. Seine Augen fangen an zu leuchten: „Ein Turnier bildet das absolute Highlight, und wir von der Nationalmannschaft waren da dieses Jahr zum ersten Mal. Sozusagen die Weltmeisterschaft des Australian Footballs!“. Die Rede ist vom International Cup. Das Turnier findet alle drei Jahre in Melbourne statt und Mannschaften aus der ganzen Welt treten gegeneinander an. Das Finale wird im Melbourne Cricket Ground ausgespielt, also am selben Ort, an dem auch das größte jährliche Sportereignis Australiens stattfindet: das Grand Final der AFL. Bis zu 135.000 Zuschauer pilgern jährlich zu diesem Event und der Rest des Kontinents verfolgt es vor dem Fernseher oder Radio.

18 Mannschaften nahmen dieses Jahr am International Cup teil, neben den Rekord-Siegern Irland spielten Länder wie Kanada, die USA oder Nauru um den Sieg. Gastgeber Australien dagegen stellte keine Mannschaft. „Die wären einfach viel zu gut. Über 90 Prozent aller AFL-Profis sind auch Australier. Da hätten die anderen Mannschaften keine Chance gehabt.“

,,Ich bin rückwärts auf den Boden geknallt und war rund 2 Minuten bewusstlos.“

Die 18 Teams wurden in zwei Divisions aufgeteilt. In der ersten bezwang Papua-Neuguinea Neuseeland knapp mit 4.5 (29) – 4.4 (28) und kann sich damit International-Cup-Champion nennen. Als Turnier-Debütanten starteten die German Eagles in der Divison II. Dort zeigten sie sich dominant und gelangten nach Vorrunden-Siegen über Indien, Pakistan und China schließlich ins Finale. Gegen Kroatien mussten sie sich allerdings geschlagen geben. „Bis kurz vor Ende des ersten Viertels lief alles nach Plan und wir lagen vorne. Dann wurde ich mit einem unfairen und regelwidrigem Foul ausgeknockt. Der Bodycheck ging klar gegen den Mann und auf den Kopf. Ich bin rückwärts auf den Boden geknallt und war rund 2 Minuten bewusstlos.“

Enlarge

Jakob-Kick
Nach dem Zusammenprall stand Jakob wieder auf dem Feld

Skok/AFL Europe

Nach dieser Attacke konnte Jakob erst wieder in der zweiten Halbzeit mitspielen, aber der Rückstand war inzwischen zu hoch und Deutschland verlor das Spiel. „Wir haben dennoch bis zum Ende gekämpft und nicht resigniert.“ Die Eagles können mit einem grandiosen zweiten Platz bei ihrer ersten Turnierteilnahme zufrieden sein. Jakob wurde sogar, als einziger Spieler Deutschlands, ins Team des Turniers gewählt.

Das größte Problem für die Brüder bestand allerdings erstmal darin, überhaupt zum International Cup zu kommen. Ich habe gerade einen Ball phänomenal weit ins Aus gekickt, und während die genervten Gegner das Ei holen, hat Jakob Zeit mir zu erklären: „Australian Football ist keine Olympische Sportart und wird nicht vom DOSB gefördert. Verein und Verband haben auch kein Geld, wir mussten uns also selbst darum kümmern, die nötigen Mittel für die Reise aufzutreiben.“ Ich bin verdutzt, und frage ihn, wie man das finanzieren kann. „In dem man Fundraising macht, Mama, Papa und Oma um Unterstützung bittet und mit Neben- und Ferienjobs, um das einfach irgendwie zahlen zu können. Aber diese einmalige Chance wollten wir uns eben nicht entgehen lassen.“

Enlarge

P1020915
Wird der Ball aus 15 Metern oder mehr gefangen, heißt das "Marken". Der Spieler bekommt dann einen Freistoß, was einen großen Vorteil für die Mannschaft bedeutet.

Das Spiel geht wieder weiter, ich verstecke mich inzwischen in Tornähe und lauere auf eine Chance einen Punkt zu machen. An Hin-und-Her-Rennen ist mittlerweile nicht mehr zu denken. Ich empfinde den größten Respekt vor Menschen, die das regelmäßig machen. Schließlich die Erlösung: der Schlusspfiff. Jakob wirkt noch so fit wie vor dem Training. Kein Wunder: Profis laufen je nach Position bis zu 20 Kilometer pro Spiel, bei einer Nettospielzeit von 80 Minuten. Ich bin mit meinen fünf Kilometern gut bedient.

© 2018 SÜDWEST PRESSE

Impressum | Datenschutz | AGB